Fußball

Ein Schlendrian wird zum Musterschüler

Leverkusen zieht souverän in die Champions League ein. Bellarabi ist die große Entdeckung

Da war diese Szene, in der sich Rudi Völler, der Sportdirektor von Bayer 04 Leverkusen, bestätigt sehen durfte. Im Rückspiel um die Qualifikation für die Champions League hatte der FC Kopenhagen Eckball. Bayer fing ihn ab, Karim Bellarabi zeigte einen seiner explosiven Antritte, bekam den Ball, spielte drei Mann aus und steckte durch auf Tin Jedvaj, der im Strafraum gefoult wurde. Elfmeter. Stefan Kießling verwandelte. 3:0. Am Ende stand es 4:0 (3:0) nach Toren von Heung-Min Son (2. Minute), Hakan Calhanoglu (7.) und zweimal Kießling (31./65.). Die Werkself zieht damit souverän in die Gruppenphase der Königsklasse ein.

Für Leverkusen bedeutet das einen Geldsegen in Höhe von rund 20 Millionen Euro. Der Mann, der in den vergangenen Wochen aber am meisten überraschte und auch gegen Kopenhagen zu den Besten gehörte, kostete in diesem Sommer gar nichts: Karim Bellarabi. Den in Berlin geborenen und in Bremen aufgewachsenen Sohn einer Marokkanerin und eines Ghanaers hatte Völler im vergangenen Jahr an Eintracht Braunschweig ausgeliehen. „Wir sind überzeugt davon, dass wir nach seiner Rückkehr noch viel Freude an ihm haben werden“, sagte Völler damals. Schon im DFB-Pokal gegen Waldalgesheim (6:0) bereitete Bellarabi zwei Tore vor, beim 3:2-Hinspielerfolg gegen Kopenhagen traf er zum zwischenzeitlichen Ausgleich, und am Sonnabend paralysierte er Borussia Dortmund mit dem schnellsten Tor der Bundesliga-Geschichte – nach neun Sekunden gelang ihm das 1:0. Für über 30 Millionen Euro hatte Bayer in diesem Sommer eingekauft. Rückkehrer Bellarabi? Für den wird kein Platz sein, das war die landläufige Meinung. Doch der 24 Jahre alte Außenstürmer scheint wie gemacht für die Spielphilosophie von Leverkusens neuem Trainer Roger Schmidt. Schmidt wünscht sich, dass seine Mannschaft den Gegner wie ein Überfallkommando in die Enge drängt und explosives und variables Umschaltspiel vorträgt – genau das Spiel für Bellarabi, der zu den schnellsten Leverkusener Spielern gehört. Auch Hertha BSC könnte das am zweiten Bundesligaspieltag am Sonnabend (15.30 Uhr) in Leverkusen zu spüren bekommen. „Karim ist sehr motiviert, und unsere Spielidee kommt ihm sehr entgegen“, sagte Schmidt. Auch Hertha war 2013 an Bellarabi interessiert. Statt in die Hauptstadt zog es ihn aber damals nach Braunschweig. Dort entwickelte er sich mit drei Toren und fünf Vorlagen zum zweitbesten Scorer des Teams, sorgte aber auch für Unruhe. Als er im tiefsten Abstiegskampf verspätet zum Frühstück erschien, wurde er von Trainer Torsten Lieberknecht vorübergehend suspendiert. Dem großen Talent Bellarabi wurde lange auch ein Schlendrian nachgesagt.

Dass sich Bellarabi im teuren Bayer-Kader durchsetzen kann, kommt daher überraschend. Doch daran wird sich erst einmal nichts ändern, weil der Rückkehrer blendend mit seinen Offensivpartnern Calhanoglu, Son und Kießling harmoniert. Völler hatte recht: In Leverkusen werden sie wohl noch viel Freude an Bellarabi haben.