Hertha BSC

Von der Schwierigkeit, erwachsen zu werden

Herthas Eigengewächs Schulz hat sich seinen Platz vorerst erkämpft, Mukhtar muss warten

Nico Schulz muss erwachsen sein. Ein freier Tag bei Hertha ist kein freier Tag im Leben des 21-Jährigen. Vor zwei Monaten gebar Schulz’ Freundin Maria eine Tochter, und Layla Valentina fordert nun seine Aufmerksamkeit. „Es ist ein schönes Gefühl, Familienvater zu sein“, sagt Schulz. Weniger Schlaf zwar, klar. Auch weniger Zeit. Typische Begleiterscheinungen in der Phase des Übergangs vom Jungen zum Mann.

Eine solche Schwelle scheint Schulz gerade auch in seinem Beruf als Fußballprofi zu überschreiten. In Berlin geboren und in Herthas Jugendakademie ausgebildet, werkelt der Sohn einer Deutschen und eines Italieners seit 2010 am Durchbruch in der Profimannschaft der Blau-Weißen. In der vergangenen Saison kam er dicht heran: 15 Mal stand er in der Startelf, als er zumeist im linken offensiven Mittelfeld auflief. Aber Hertha verpflichtete mit Valentin Stocker und den nun an der Schulter verletzten Genki Haraguchi zwei neue Konkurrenten. Und hinten links in der Viererkette, die Position, auf der Schulz ausgebildet wurde, kam zu Johannes van den Bergh noch Marvin Plattenhardt dazu. Für Schulz, so schien es zu Beginn der Vorbereitung, werde es kaum Einsatzzeiten geben. Eigene Jugendspieler aufbauen und dann auch einsetzen – das immer wieder erklärte Ziel der Berliner – schön und gut. Aber das Geschäft Bundesliga, es fragt nicht nach Fußballromantik.

Im Pokalspiel gegen Viktoria Köln (4:2) allerdings und auch am ersten Spieltag in der Bundesliga gegen Bremen (2:2) setzte Herthas Trainer Jos Luhukay wider Erwarten auf Schulz in der Viererkette. „Er hat mir im Trainingslager gesagt, dass er derzeit nicht an mir vorbeikommt“, erzählt Schulz. Der U21-Nationalspieler machte vor allem gegen Werder eine gute Partie und wirkte selbstbewusster als zuvor. „Vielleicht liegt es daran, dass ich nun schon länger dabei bin und mir nicht mehr so viele Gedanken mache, ob ich spiele oder nicht“, sagt Schulz. Die neuerliche Konkurrenz auf seiner Seite habe er zwar registriert, aber „das hat mich noch zusätzlich motiviert“.

Für Schulz begann diese Saison also vielversprechend, und seine Geschichte könnte irgendwann die eines Nachwuchsspielers werden, der auf dem Weg zum Bundesligaprofi lange Geduld hatte und dafür belohnt wurde.

Für Hany Mukhtar dagegen begann diese Saison ernüchternd. Der 19-Jährige, der spätestens durch seinen Siegtreffer im U19-EM-Finale für die deutsche Mannschaft vielen Beobachtern in der Liga als außerordentliches Talent aufgefallen ist, stand im Pokal und gegen Bremen nicht im Kader. Er sei zwar fit, sagte Luhukay, müsse sich aber gegen die große Konkurrenz durchsetzen – was ja bedeutete, dass Mukhtar es bis jetzt noch nicht geschafft hat.

Der Fall Mukhtar zeigt einerseits die Schwierigkeit, im Profifußball erwachsen zu werden. Andererseits könnte er für Hertha noch problematisch werden. Mukhtars Vertrag läuft am Saisonende aus. Die Berliner wollen verlängern, Mukhtar aber zunächst sehen, ob er eine Perspektive auf mehr Einsatzzeit als im vergangenen Jahr hat (9 Kurzeinsätze, ein einziges Mal in der Startelf). Die scheint es kaum zu geben. Denn Mukhtar war selbst dann keine Alternative, als – wie nun gegen Bremen – Alexander Baumjohann und Tolga Cigerci ausfielen, die Konkurrenten auf seiner Position im zentralen Mittelfeld. Zudem möchte Hertha gern noch den letztjährigen Leihspieler Per Skjelbred vom HSV verpflichten – er wäre ein Konkurrent mehr für Mukhtar.

Angedacht war zunächst, mit Mukhtar zu verlängern, um ihn dann für ein Jahr auszuleihen. Das wollte Mukhtars Seite, das wollte Hertha. Doch nun warten Mukhtar und seine Berater vorerst ab, wie viel oder eben wenig Luhukay zu Saisonbeginn auf ihn setzt. „In den Verhandlungen sind wir keinen Schritt weiter“, sagte Michael Preetz.

Verkauf ist nicht ausgeschlossen

Für Herthas Manager ist die Situation „nicht optimal“. Die Branche hat bei der EM gesehen, welch vielversprechende Anlagen Mukhtar hat. An Angeboten mangelt es ihm nicht. Verlängert Mukhtar nicht, wäre er im Sommer ablösefrei – für Hertha kaum zu akzeptieren. Sogar ein Verkauf noch in dieser Transferperiode (bis 1. September) scheint mittlerweile nicht mehr ausgeschlossen.

Schulz hat jene Findungsphase hinter sich. „Mein Ziel ist es jetzt, ein etablierter Bundesligaspieler zu werden. Das bin ich noch nicht“, sagt er. Er steht noch am Anfang seines Erwachsenenlebens.