Grand-Slam-Turnier

Auf der Suche nach neuen Stars

Das New Yorker Grand-Slam-Turnier leidet wie nie unter einem Mangel an guten amerikanischen Tennisspielern

Auf dem Court wehte die Sternenbanner-Flagge an diesem Finaltag von Wimbledon im strammen Sommerwind. Gleich zwei Amerikaner blickten stolz in die Kameras, hielten Siegerpokal und Silberteller für Platz zwei lächelnd in die Höhe. Einen kleinen Schönheitsfehler hatte das Motiv dann allerdings doch, es handelte sich nur um die Schlussszene des Juniorenturniers 2014. Abgebildet waren der 18-jährige Gewinner Noah Rubin und sein unterlegener Landsmann Stefan Kozlov, bestenfalls zwei amerikanische Versprechen für eine fernere Zukunft.

Die Realität im Erwachsenen-Tennis kam im All England Club sozusagen vom anderen Ende des Gefühlsspektrums, sie war von bitterer Natur für ein siegverwöhntes Land, das Grand-Slam-Titel einst mit Gleichmäßigkeit und Selbstverständlichkeit einsammelte: Kein einziger US-amerikanischer Herrenspieler erreichte auf den fein gepflegten Grüns auch nur die dritte Runde, ein Novum in der modernen Ära dieses Sports, ein neuer Tiefpunkt in der langjährigen Abwärtsspirale für Amerikas Schläger-Typen. „Wir schauen nur noch zu, wie die anderen die großen Preise abräumen“, sagt der ehemalige Tennis-Genius John McEnroe, „und ich befürchte, daran wird sich so schnell auch nichts ändern.“

Serena Williams als Wundertüte

Und tatsächlich: Als am Montag in Flushing Meadow die Offenen Amerikanischen Meisterschaften des Jahres 2014 begannen, spielte der einstmals vor Stärke und Selbstbewusstsein strotzende Haus-Herr eben nur diese Rolle – die des teilnehmenden Gastgebers, der mangels Stars und Substanz dem Rest der Welt den Vortritt lassen muss. Besonders schmerzlich für den Tennis-Machthaber der Vergangenheit: Der kleine nordamerikanische Nachbar Kanada stellt mit Eugenie Bouchard und dem Aufschlag-Ballermann Milos Raonic gleich zwei Assse, die Ambitionen auf den Titelgewinn beim letzten Grand Slam der Saison haben. Schon beim Saisonhöhepunkt auf Wimbledons Rasenfeldern hatte Tennis-Amerika entgeistert auf den kanadischen Sturm und Drang geblickt: Bouchard, gerade mal 20, erreichte bei ihrem sechsten Major-Turnier das Finale. Und Raonic konnte erst im Halbfinale von Maestro Federer gebremst werden.

Selbst ein Titellauf von Wuchtbrumme Serena Williams ist nicht ausgemacht in einer Saison, in der sich die Tennis-Dominatorin als wahre Wundertüte des Wanderzirkus gibt – nach dem Achtelfinal-Knockout in Melbourne verlor die Weltranglistenerste in der zweiten Runde in Paris und der dritten Runde in London. Zu allem Überdruss verabschiedete sich die 32-jährige von Wimbledon noch mit einem bizarren Doppel-Auftritt an der Seite ihrer Schwester Venus, selbst ehemalige Szenegrößen spekulierten damals über Drogen- oder Alkoholeinfluss. „Ich glaube, dass Serena wieder in der Spur ist. Sie ist immer noch die Topkandidatin für den Sieg in New York“, sagt Ex-Star Lindsay Davenport, „aber so siegesgewiss wie in früheren Jahren kann sie nicht sein, nicht nach den Grand-Slam-Ergebnissen zuletzt.“

Lang, lang is’´s her, dass ein amerikanischer Herrenspieler überhaupt als Favorit für die US-Open-Trophäe ins Gespräch kam. Der letzte amerikanische Sieg datiert schon bis zum Jahr 2003 zurück, damals holte sich Andy Roddick bei einem „Chaos-Turnier“ (L´Equipe) unter teils skandalösen Umständen den Titel – der langjährige Aufschlag-Weltrekordler war von den Organisatoren in den Wetter-Turbulenzen massiv bevorteilt worden. Alle Hilfe der Turniermacher könnte dieser Tage aber nicht mehr ausreichen, um einen Lokalmatador auf den Thron zu hieven. International wettbewerbsfähig ist gerade mal der 2,07-Meter-Riese John Isner, doch der Weltranglisten-Fünfzehnte verfügt nicht über die spielerische Klasse für den großen Sprung nach vorn. Isner ist gleichwohl der bei weitem beste Amerikaner in den Charts des Welttennis, erst auf den Plätzen 46, 49, 55 und 56 folgen Spieler wie Donald Young, Steve Johnson, Jack Sock und Sam Querrey, die ihre Zukunft im Profibetrieb eigentlich schon hinter sich haben. Ein junger Amerikaner mit großer Perspektive, einer, der das Erbe der Djokovics, Federers oder Nadals antreten könnte, ist nicht in Sicht. „Die Durststrecke wird noch länger dauern“, sagt der alte Meister Jimmy Connors, „wir können nur eins tun: Warten, Hoffen und Beten.“

Amerika kämpft mit ähnlichen Problemen wie andere Länder auch: Zu viele Talente wenden sich anderen, finanziell attraktiveren, öffentlichkeitswirksameren Sportarten zu – Basketball, Baseball oder American Football. Da helfen auch die vielen Millionen Dollar nichts, die der Verband USTA Jahr für Jahr ins Ausbildungssystem pumpt. „Wir haben einfach nicht genügend Zugriff auf die besten Kids, wir sind nicht attraktiv genug“, sagt John McEnroe, „es fehlen auch die großen Identifikationsfiguren wie Pete Sampras oder Andre Agassi.“ Stars kommen unverändert aus den großen Ausbildungsregionen Amerikas, aus Florida oder Kalifornien - nur sind es eben Spieler aus Europa, Asien oder Südamerika, die in den Talentschmieden ihre Laufbahn zum Ruhm beginnen. „Die US Open, das war früher unser Superbowl des Tennis“, sagt Sampras, der alte Held, „jetzt feiern andere hier ein Fest.“