Formel-1

Kleine Berührung mit großen Folgen

Beim Sieg des Australiers Ricciardo in Belgien kommt es zur lange befürchteten Kollision der Mercedes-Piloten Rosberg und Hamilton

Nico Rosbergs Gesichtsausdruck wollte sich partout nicht der Champagnerlaune auf dem Podest anpassen. Während er das Getränk mit zusammengepressten Lippen in Richtung Daniel Ricciardo und Valtteri Bottas spritzte, pfiffen ihn die Zuschauer unüberhörbar aus. Das Lächeln, das zuletzt so fest verankert schien im Gesicht des Führenden in der Formel-1-WM, war wie weggewischt. Obwohl er auf dem Papier mit Platz zwei beim Großen Preis von Belgien in Spa-Franchorchamps einen großen Schritt in Richtung Titelgewinn gemacht hat, dürfte ihm dieser denkwürdige Tag in Spa noch nachhängen.

Mercedes-Pilot Rosberg erwischte einen miserablen Start. Neben seinem Teamkollegen Lewis Hamilton zog auch Titelverteidiger Sebastian Vettel am von Platz eins losgefahrenen Weltmeistersohn vorbei. Diese Reihenfolge hielt nur kurz. Der WM-Spitzenreiter profitierte von einem Fahrfehler des in dieser Saison etwas glücklos agierenden Red-Bull-Piloten. Offenbar beflügelt von diesem schnellen Positions-Rückgewinn startete der 29-Jährige eine überhastete Attacke auf Position eins. Dabei geschah, wovor sie bei Mercedes seit einem halben Jahr zittern und was die Zuschauer an der Strecke 90 Minuten später pfeifen ließ.

Aufholjagd von Platz 15

Die beiden uneingeschränkten Herrscher dieser Saison, die sich in Anbetracht der Überlegenheit ihrer Dienstwagen ohnehin nur selbst besiegen können, berührten sich. Es war keine spektakuläre Kollision, doch sie hatte Folgen, deren Auswirkungen kaum abzusehen sind. Mit seinem Frontflügel schlitzte der Deutsche dem Briten den linken Hinterreifen auf. Während Rosberg zunächst weiterfahren konnte, musste der Brite auf drei intakten Reifen zur Box rollen. Als er auf die Strecke zurückkehrte, lag er auf Rang 19. Wenig später musste auch der Wiesbadener an die Box, um seinen beschädigten Frontflügel austauschen zu lassen. Er lag anschließend auf Rang 15 und gabelte zu allem Überfluss auch noch ein umherfliegendes Reifenteil auf. Kilometerlang flatterte das Gummistück an der Antenne durch das Blickfeld des 29-Jährigen, ehe die Mercedes-Crew es bei einem weiteren Boxenbesuch entfernte.

„Für mich ist es inakzeptabel, dass so ein Zwischenfall in der zweiten Runde passiert“, schimpfte Mercedes-Chefaufseher Niki Lauda: „Unsere klare Meinung war, dass die beiden kämpfen bis zum Schluss. Aber so ist das schlecht für das Team, für alle Mitarbeiter. Wir haben einen Doppelsieg weggeworfen. Nico hätte nachlassen müssen, er hat den Unfall ausgelöst.“ Motorsportchef Toto Wolff sprach von einem „absolut unerfreulichen“ Szenario, das „alle dämlich dastehen“ lasse: „Es liegt jetzt an uns, die Message so deutlich rüberzubringen, dass so etwas nicht wieder passiert. Das Manöver war Harakiri“. Die beiden Beteiligten äußerten sich zunächst zurückhaltend. „Ich wollte außen vorbei“, sagte Rosberg: „Aus Teamsicht ist das natürlich sehr enttäuschend.“ Hamilton erklärte zunächst: „Das ist für mich traurig, für das ganze Team. Ich war vorn und bin dann die Kurve gefahren, wie ich sie immer fahre. Es ist wie in der Schule: Wenn jemand einen Fehler macht, bekommt er etwas auf die Finger.“ Später sprach er davon Rosberg hätte zugegeben mit voller Absicht kollidiert zu sein „um etwas zu beweisen“.

Der Rest des Großen Preises ist schnell erzählt. Rosberg fand zurück ins Rennen. Hamilton, der fortan mit Balance- und Motorenproblemen zu kämpfen hatte, gab wenige Runden vor Schluss frustriert auf. Da lag er auf dem punktelosen 15. Rang.

Absehbarer Unfall

Trotz Rosbergs Vorsprung von nun 29 Zählern sind er und das Mercedes-Team die Verlierer dieses Formel-1-Wochenendes. Durch die Kollision, die durch den nachsichtigen Umgang der Teamleitung mit dem sich zuspitzenden Zweikampf ihrer Piloten begünstigt wurde, haben die Silberpfeile nicht nur viele WM-Punkte verschenkt. Sie haben auch an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Dass es zu einem Unfall zwischen Hamilton und Rosberg kommen würde, war absehbar. Dennoch wurden keine Maßnahmen ergriffen, ihn zu verhindern. „Ich bin zuversichtlich, dass wir die Harmonie aufrechterhalten können. Es war klar, dass es intensive Momente geben würde“, so Rosberg, der nicht weiter ins Detail gehen wollte bezüglich der Kollision: „Ich bin nicht in der Lage, das zu kommentieren. Ich hab es noch nicht im Fernsehen gesehen. Ich weiß nur, dass ich schneller war.“

Mit Ricciardos drittem Sieg hat sich die Hierarchie bei den Österreichern nachhaltig verschoben, zu Ungunsten von Vierfach-Weltmeister Vettel, der als Fünfter erneut später als geplant ins Ziel kam. „Das Auto war unberechenbar. Mit denen da vorn konnte ich nicht mithalten“, sagte der 27-Jährige: „Ich kann mir nicht erklären, warum der Abstand so groß war.“