Wasserspringen

Sieben auf einen Streich sind nicht genug

Wasserspringer Patrick Hausding hat bei der Heim-EM ein Mammutprogramm, bei dem so mancher Rekord wackelt

Patrick Hausding hat anscheinend immer gute Laune. Selbst jetzt, obwohl er doch ein knüppelhartes Jahr hinter sich hat und geschafft sein könnte. Ein bisschen plagt ihn die Schulter, ein bisschen das Knie, „diesmal das andere“, ergänzt der 25-jährige Berliner lächelnd. Seine Saison läuft seit August 2013, das würden manche brutal nennen. Er nimmt es gelassen. Es habe Zeiten gegeben, da habe er wegen der vielen Schmerzen „Ibuprofen wie Gummibärchen genascht“ sagt er. Jetzt geht’s zum Glück besser. Ist übrigens sowieso egal, an diesem Dienstag (14 Uhr, Eurosport) wäre Hausding in jedem Fall auf das Ein-Meter-Brett der Schwimm- und Sprunghalle im Europa-Sportpark gestiegen. Um den Versuch zu starten, etwas zu wiederholen, was außer ihm kein Wasserspringer geschafft hat: fünf Medaillen bei einer Europameisterschaft zu gewinnen. „Ich sage jetzt nicht: Ich schaffe das wieder“, sagt Hausding. „Aber möglich ist es. Allerdings nur mit Top-Leistungen.“

In Budapest ist ihm das vor vier Jahren gelungen. Gold vom Turm synchron mit Sascha Klein und solo aus drei Metern. Dazu Einzel-Silber vom Ein-Meter-Brett und vom Turm sowie noch mal synchron aus drei Metern mit Stephan Feck. „Das war wie im Traum“, freut sich der BWL-Student heute noch über die sportlich beste Woche seines Lebens. Nur ist in den vier Jahren einiges passiert in seiner Sportart. Die Konkurrenz hat sich stark weiterentwickelt, arbeitet professioneller, ist sozusagen immer auf dem Sprung. Fast alle seine Gegner sind Spezialisten – vom Turm oder vom Brett. Hausding gehört zu den wenigen Springern, die alles machen. Weil sie alles können. Wenn es ihm wirklich gelingt, am ersten Tag vom Ein-Meter-Brett, seiner schwächsten Disziplin, eine Medaille zu holen, kann er den Traum verwirklichen.

15.000 Sprünge im Jahr

Es gibt ja auch gute Gründe, die für ihn sprechen. Wenn andere Sportler von ihrem Wohnzimmer sprechen, kann Hausding jetzt behaupten, die EM finde in seinem eigenen Badezimmer statt. Unzählige Deutsche Meisterschaften hat er in Berlin gewonnen, wie viele, weiß er selbst nicht. Täglich trainiert er hier seine Salti, Drehungen, Schrauben. Bis zu 15.000 Sprünge pro Jahr absolvieren die Besten, heißt es, und die meisten davon natürlich ins heimische Becken. Hochklettern, Springen, Eintauchen, Auftauchen, kurze Beratung mit dem Trainer und aufs Neue, tausende Male. Automatismen entstehen, die Zehen und Fußsohlen kennen jede Delle in den Stufen und auf den Brettern. Seine Freunde und Familie, die ihn anfeuern werden, nimmt er während des Springens gar nicht so wahr, insgesamt die Unterstützung des Publikums aber allemal. „Es ist ein Heimwettkampf. Das wird eine gute Erfahrung. Ich freu mich drauf.“

Noch einiges mehr deutet auf eine erfolgreiche EM hin. Nicht nur die Konkurrenz ist stärker geworden, er selbst ist es auch. Das spürt Hausding, das gibt ihm weiteres Selbstvertrauen. Früher, da hatte er Top-Platzierungen nicht selten auch Schnitzern der Kontrahenten zu verdanken. Inzwischen hat sich das gewandelt. „Diese Saison springe ich auf einem Niveau, mit dem ich auch aus eigener Kraft ganz vorn landen kann.“ Wie im Juni in Monterrey. In der mexikanischen Millionenstadt siegte Hausding zum ersten Mal in der Weltserie gegen beste internationale Konkurrenz im Drei-Meter-Wettbewerb. Selbst der Chinese He Chong, Olympiasieger von Peking und zweimaliger Weltmeister, musste sich geschlagen geben – obwohl er gar nichts falsch machte. „Ein sensationeller Sieg von Patrick“, lobte Leistungssport-Direktor Lutz Buschkow vom Deutschen Schwimm-Verband (DSV). Hausding hatte eine persönliche Bestleistung aufgestellt und zählt jetzt nicht nur zur europäischen, sondern zur Weltspitze.

Im Duett mit dem Dresdner Sascha Klein vom Turm gehört er das ohnehin, spätestens seit dem Gewinn von WM-Gold vergangenes Jahr in Barcelona. Sie können in Berlin ihren siebten EM-Titel in Serie holen, noch so ein Rekord. „Wäre ja blöd, wenn die Serie ausgerechnet hier reißen würde“, sagt Hausding. Über 100 EM-Eintrittskarten hat für Familie und Freunde wie Diskuswerfer Robert Harting aus eigener Tasche bezahlt, da ist für Enttäuschung kein Raum.

Treten die Wasserspringer in China an, werden sie als Stars gefeiert. Gehen sie in Deutschland einkaufen, werden sie kaum erkannt. Die Sportart ist zwar unglaublich ästhetisch und komplex. Gefordert sind Athletik, Koordination und Körperspannung. Gute Nerven muss man auch noch haben. Hierzulande ist sie aber nicht leicht vermittelbar. Vielleicht liegt es daran, dass wohl jeder sich vorstellen kann, mal eine schnelle Bahn zu schwimmen, einen Ball ins Tor zu kicken oder einen Speer zu werfen. Aber bei den Darbietungen von Hausding und Co. sind die meisten draußen. Es sind Bewegungen aus einer anderen Welt. War das jetzt eine zwei- oder eine dreifache Schraube, ein dreieinhalb- oder ein viereinhalbfacher Salto? Patrick Hausding beherrscht seit Kurzem übrigens den viereinhalbfachen vom Drei-Meter-Brett. Auch das ein Zeichen dafür, dass er in seiner Entwicklung nicht stehen geblieben ist. Und ein Grund, dass er jeden bezwingen kann.

Als „ungeheuer talentiert und sehr ehrgeizig“, beschreibt ihn Bundestrainer Jan Kretzschmar. Wie ehrgeizig, das zeigt ganz gut eine frühe Episode aus der Karriere des jungen Mannes. Von den letzten Europameisterschaften in Berlin 2002 weiß er nicht mehr viel, „da war ich 13 und bei meiner Oma in Urlaub, glaube ich“. Dafür kann er sich noch gut an seinen ersten Wettkampf im Europa-Sportpark erinnern. „Das war sogar früher, im November 1999. Ein Kinderwettbewerb. Ich wurde Zweiter hinter Fecki (Stephan Feck, d.Red.) und war stinksauer.“ Manchmal kann also sogar Patrick Hausding schlechte Laune haben.