Schwimmstar

„Beim Schwimmen träume ich gern vor mich hin“

Paul Biedermann ist nach zwei Jahren Pause wieder größter Hoffnungsträger der deutschen Beckenschwimmer bei der Heim-EM in Berlin

Die deutschen Freiwasserathleten haben vorgelegt, ab jetzt müssen sich die Beckenschwimmer und Wasserspringer bei den Europameisterschaften in Berlin beweisen. Und es geht am Montag im umgebauten Velodrom gleich spannend los: Zwei Jahre nach seinem letzten großen Einsatz auf der Langbahn, bei den Olympischen Spielen von London, steigt Weltrekordhalter Paul Biedermann, 28, wieder bei einem internationalen Wettkampf auf den Startblock. Über 400 Meter Freistil kommt es dann zum Duell mit Frankreichs Star Yannick Agnel.

Nachdem die deutschen Freiwasserschwimmer insgesamt sechs Medaillen, darunter eine goldene, aus dem Wasser gefischt haben, sollen Biedermann, der Olympia-Vierte Steffen Deibler, der WM-Zweite Marco Koch und Co. sechs bis acht Mal Edelmetall erkämpfen. Nach dem Olympia-Debakel ohne Medaille sind von dem deutschen Team allerdings keine Wunderdinge zu erwarten. Wie fit Biedermann ist, muss sich nach einer dreiwöchigen Krankheitspause erst zeigen. Hochmotiviert ist er in jedem Fall. Fünf Starts sind in Berlin geplant.

Berliner Morgenpost:

Herr Biedermann, vor einem Jahr war Ihre Welt eine andere. Ihre Teamkollegen waren bei der WM in Barcelona – Sie auf dem Heavy-Metal-Festival in Wacken. Wie oft haben Sie sich bei harten Trainingseinheiten nach der Zeit vor einem Jahr zurückgesehnt?

Paul Biedermann:

Manchmal habe ich mich zurückgesehnt. Aber Schwimmen ist mein Leben, und ich wollte mich bestmöglich auf die Europameisterschaften vorbereiten. Ich habe zuletzt durch die lange Zwangspause (krankheitsbedingt, die Red.) auch das Leben neben dem Leistungssport kennengelernt – und ja, das ist auch ein sehr schönes, gerade, wenn man die Möglichkeit hat, Festivals zu besuchen. Aber im Moment steht Schwimmen ganz klar im Mittelpunkt. Und insbesondere die Heim-Europameisterschaften. Das ist für mich ein großes Ereignis.

Langstrecken-Ass Thomas Lurz sagte mal, Schwimmen sei trotz über 3000 Trainingskilometern im Jahr nicht seine Leidenschaft. Wie ist es bei Ihnen?

Schwimmen ist meine Leidenschaft, ich mache das gerne, mir bringt es Spaß, mich im Wasser zu bewegen. Klar, nicht jeden Tag, aber es ist nach wie vor das, was ich gerne machen möchte. Und ich weiß: Meine Zeit ist begrenzt. Noch zwei Jahre bis zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio – das ist mein Ziel. Bis dahin will ich den Sport genießen und alles versuchen.

Und wie viel Leiden ist bei der Leidenschaft dabei?

Es ist Leiden und Spaß. Das Leiden kommt eher nach dem Training, wenn ich zu Hause völlig ausgelaugt ankomme und nur noch schlafen möchte. Da hat man nicht mehr viel vom Abend. Aber das bringt Leistungssport mit sich. Wir trainieren jeden Tag – auch an außergewöhnlichen Orten. Und die Zeit ist überschaubar, das motiviert, alles herauszuholen.

Was ist denn Ihre größte Leidenschaft?

Das ist die Musik.

Was wollten Sie denn als kleiner Junge werden? Musiker? Oder damals schon das, was Sie heute sind: Weltrekordhalter?

Diesen Traum oder das große Ziel hatte ich damals eigentlich nicht. Ich bin ja auch erst relativ spät erfolgreich geworden. Mein Antrieb war nie ein Olympiastart oder gar, einen Weltrekord zu brechen. Ich fand Schwimmen einfach immer nur toll. Ich bin immer gerne zum Training gegangen, weil es mir Spaß gemacht hat.

Wie kann denn Kachelzählen Spaß bringen? Oder bringt nicht doch eher der Erfolg Spaß?

Mir bringt die Bewegung Spaß. Ich mag die Sportart, das Element Wasser. Für mich passt das einfach. Als Kind wollte ich, glaube ich, Tierschützer werden. Oder Naturschützer.

Und was ist jetzt der große Traum?

Ein glückliches Leben zu führen. Mit dem, was ich habe und mache, ausgefüllt zu sein. Ich liege voll im Plan (lacht).

Sind Sie jemand, der sich realistische Ziele setzt – oder träumen Sie auch gern mal?

Ich träume gerne vor mich hin – das bietet sich beim Schwimmtraining natürlich auch an. Wenn ich Bahnen um Bahnen ziehe, kann ich gut meine Gedanken schweifen lassen. Aber wenn es um Ziele geht, bin ich eher jemand, der niedrig stapelt, als einer, der sich in den Vordergrund spielt.

Aus Selbstschutz, um nicht enttäuscht zu sein?

Das ist einfach mein Typ. Es steckt keine Strategie dahinter.

Ist Ihr Ehrgeiz auf den Sport beschränkt – oder gilt der auch für den Rest?

Ich bin allgemein ehrgeizig, wenn ich ein Ziel sehe, auf das ich hinarbeiten kann. Im Sport ist das recht einfach. Ich habe meinen festen Tagesablauf, meinen Jahreshöhepunkt. Jetzt kommt die EM. Das ist im Beruf sicherlich nicht so einfach zu greifen wie in der Welt des Sports.

Was ist Ihr Ziel für diese EM?

Die bestmögliche Leistung zu bringen. Ich freue mich auf die EM. Ich habe es 2002 als Zuschauer erlebt (damals gewann Franziska van Almsick fünf Titel, die Red.). Ich hoffe natürlich ein bisschen auf den Heimvorteil.