Wasserspringen

Auch auf dem Turm gibt es einen Heimvorteil

Warum Berlins Wasserspringerin My Phan trotz langer Pause auf eine Medaille hoffen darf

Eigentlich wären sie ja das perfekte Team. Als einzige Turmspringerinnen in Deutschland erfüllen My Phan und Kieu Duong den von Lutz Buschkow, dem Leistungssportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), geforderten Mindestschwierigkeitsgrad vom Zehn-Meter-Turm. Doch es gibt einen Haken: Die Sprünge der beiden Berlinerinnen sind nicht kompatibel, jede von ihnen springt ihr eigenes Repertoire. „Wir würden im Synchronspringen keine Serie zusammenkriegen“, sagt My Phan. Ihr Lieblingssprung ist der Handstand-Doppelsalto rückwärts mit anderthalb Schrauben, den Kieu Duong jedoch koordinativ nicht hinbekommt. „Ich schaffe es nicht, mich aus dem Handstand richtig abzudrücken“, sagt sie.

Bei den am Montag beginnenden EM-Wettbewerben der Wasserspringer startet My Phan deshalb gemeinsam mit Maria Kurjo, ebenfalls vom Berliner TSC, die trotz nicht erfüllten Mindeststandards – sie beherrscht den dreieinhalbfachen Delfinsalto nicht – wegen ihrer stabilen Leistungen eine Ausnahmegenehmigung bekommen hat. Das Synchronspringen findet am 19. August statt, drei Tage später springen beide auch noch im Einzelwettbewerb vom Zehn-Meter-Turm. Kieu Duong hingegen ist vorerst nur Ersatz, weil Deutschland für diesen Wettkampf nur zwei Springerinnen melden darf.

Beim Training in der vergangenen Woche in der Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark (SSE) an der Landsberger Allee klappte das Zusammenspiel von My Phan und Maria Kurjo hervorragend. „Von der Synchronität ist das top“, lobte Bundestrainer Jan Kretzschmar. Platz drei bis sechs lautet das Ziel für das deutsche Duo, das mit Unterstützung des Publikums um die Medaillen mitspringen möchte. Russland, die Ukraine und Großbritannien sind die härtesten Konkurrenten. Ein Vorteil könnte sein, dass die Sprungwettkämpfe anders als die Schwimmwettbewerbe nicht im Velodrom, sondern im SSE ausgetragen werden, wo die Berlinerinnen täglich trainieren. Normalerweise dauere es ein paar Tage, bis sich die Athleten in einer neuen Halle die Fixpunkte gesucht haben, an denen sie sich beim Springen orientieren, erklärt My Phan. „In diesem Fall aber kennen wir die Anlage schon in- und auswendig.“

Die 22-Jährige ist in Aachen geboren, 2009 kam sie nach Berlin. Anfangs sprang sie hauptsächlich vom Drei-Meter-Brett, doch nach der Jugend ließ sie sich vom Bundestrainer überzeugen, es vom Turm zu probieren. Es dauerte eine Weile, bis sie sich an die neue Herausforderung gewöhnt hatte, auch weil sie im Vorjahr von einer Schulterverletzung zurückgeworfen wurde. Erst nach einem dreiviertel Jahr kletterte sie danach erstmals wieder auf den Turm. Dass sie kurz darauf erstmals Deutsche Meisterin wurde, kam völlig überraschend.

Diesen Titel hätte auch Kieu Duong gern gewonnen, doch die 19-Jährige erwischte keinen guten Tag und wurde Fünfte. Für die EM wurde sie trotzdem nominiert, wenngleich nur als Ersatz. „Das ist ein komisches Gefühl für mich. Ich bin bei den Europameisterschaften dabei, aber irgendwie auch wieder nicht“, sagt Kieu Duong. Nach der Dresdnerin Tina Punzel – mit der sie 2013 EM-Vierte vom Drei-Meter-Brett wurde – ist sie die zweitjüngste Wasserspringerin im neunköpfigen DSV-Team.

Beim Kitaschwimmen entdeckt

Als Sechsjährige war sie beim Kitaschwimmen für diesen Sport entdeckt worden, in dem sie schnell Erfolge feierte, unter anderem mit dem Gewinn der Junioren-EM 2009. Ein Jahr später qualifizierte sie sich für die Olympischen Jugendspiele in Singapur und hatte dort sogar die Ehre, bei der Eröffnungsfeier die deutsche Fahne zu tragen – sehr zur Freude ihrer Eltern, die in den Achtzigern aus Vietnam nach Deutschland gekommen waren. Dass bei den EM in Berlin nun mit ihr und My Phan sogar gleich zwei Turmspringerinnen mit vietnamesischen Wurzeln für Deutschland an den Start gehen, sei allerdings Zufall, erklärt sie. Die Disziplin habe in dem südostasiatischen Land eigentlich keinen besonders hohen Stellenwert, sagt Kieu Duong und lacht. „Ich kenne jedenfalls keinen einzigen guten vietnamesischen Wasserspringer.“