Kopfverletzungen

England zieht Lehren aus dem Fall Kramer

Nach Bewusstlosigkeit muss Spieler ausgewechselt werden

Viele sahen es als Anekdote zum WM-Finale 2014 in Brasilien. Doch sensibilisierten Medizinern gefror das Blut. Da plauderte der italienische Schiedsrichter Nicola Rizzola aus, der deutsche Fußballer Christoph Kramer habe ihn während des Matches gefragt, ob es das WM-Endspiel sei. Wie lustig.

Dabei verdeutlichte Kramers Frage sogar Laien, dass er beim Zusammenprall mit dem Argentinier Ezequiel Garay eine Gehirnerschütterung erlitten hatte. „Mir fehlen die Bilder vom Spiel“, sagte Kramer später. Dass er trotz medizinischer Begutachtung für weitere 14 Minuten auf den Platz geschickt wurde, irritierte Laien wie Experten. Bei der Nationalelf hatte es schon einen ähnlichen Vorfall gegeben, als Mats Hummels von Borussia Dortmund 2012 im Länderspiel gegen Argentinien mit Gonzalo Higuaín zusammengeprallt war. Doch er hatte Glück: Thomas Müller schickte den durch den Strafraum irrenden Kollegen umgehend vom Platz.

In der englischen Profiliga ist ein „Fall Kramer“ nun nicht mehr möglich. Die Football Association (FA) entschied: Ein Spieler, der durch einen Schlag gegen den Kopf, mit Ellenbogen zum Beispiel, oder durch einen Zusammenprall das Bewusstsein verliert, darf nicht mehr ins Spiel zurück. Er muss umgehend neurologisch untersucht werden. Das heißt, sein Gehirn auf mögliche Schäden durchleuchtet werden. Außerdem hat er sechs Tage lang Anstrengungen wie Training oder Spiel zu vermeiden.

Da sind die Engländer der Konkurrenz (wie bei der Torlinientechnik) weit voraus. Die Briten unterstützen die Aktion zu mehr Sicherheit für Kopf und Hirn zudem mit einer modernen Video-Kampagne. Da fordern englische Nationalspieler ihre Fußball-Kollegen auf: Spiel nicht den Helden! Oder: Denk an deine Sicherheit!

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) dagegen gibt sich bei dem Thema bisher verschlossen. Der DFB hat die Problematik zum Schwerpunktthema erklärt – für die nächsten Jahre. Andere Sportverbände in Deutschland sind da weiter. Denn die Folgen, die Sportlern nach Kopfverletzungen drohen, sind frappierend. „Es besteht die Gefahr, sich selbst oder Gegenspieler zu verletzen“, warnt Andreas Eidenmüller vom Würzburger Zentrum für Sportneuropsychologie. „Durch einen Schlag oder eine Kollision können Blutgefäße reißen. Und im schlimmsten Fall die Regulationsreflexe des Gehirns aussetzen. Das kann zum plötzlichen Herztod führen.“