Diskus-Europameister

Omas Liebling

Warum Robert Hartings Trikot diesmal heil blieb und er auf seinen EM-Titel besonders stolz ist

Diese Leere im Hirn. Herrlich. Wäre Robert Harting in der Lage, in seinen eigenen Kopf hineinzurufen, er hätte am Donnerstagmorgen vermutlich ein schönes Echo vernommen: Herrlich, lich, lich, ich, ich... „Ich genieße den Moment – wenn man morgens aufsteht und einen Tag im Jahr mal nicht über die Form nachdenken muss. Man steht auf und denkt einfach mal an nix.“ So schilderte der Diskuswerfer, wie es ihm am Morgen nach dem EM-Triumph ergangen war. Wo sein Kopf sonst voll ist mit Gedanken, Ideen, Problemstellungen, hatte sich wie zur Belohnung ein Vakuum gebildet.

Gegrübelt hatte Harting vor dem Wettkampf im Letzigrund viel. Seine Vorbereitung war alles andere als optimal verlaufen. Wo er vor der WM 2013 in Moskau noch sechs Wochen konzentriert hatte trainieren können, waren es vor dieser EM nur „vier, wenn nicht drei Wochen“ gewesen. Am Ende war das alles vielleicht genau der Kick gewesen, den er brauchte, um wieder einmal Außergewöhnliches zu leisten „in einem der schwierigsten Wettkämpfe meiner Karriere“.

Nach 2012 gewann der 29-Jährige also erneut EM-Gold. Seine famose Serie von Siegen bei Großereignissen – WM-Titel 2009, 2011, 2013 plus Olympiagold 2012 – fand damit seine Fortsetzung. 66,07 Meter genügten Harting zum Triumph vor dem Esten Gerd Kanter (64,75 Meter) und dem Polen Robert Urbanek (63,81). Von außen betrachtet schien es kein außergewöhnlich schweres Stück Arbeit gewesen zu sein für den dominierenden Diskuswerfer seiner Generation. Doch tief im Innern nagten Selbstzweifel am Koloss.

Da gab es die ständigen Verschiebungen wegen des Windes. Das Warten. Den Regen. Und dann noch einen Unfall auf dem Warm-up-Platz: Nach dem ersten Probewurf rutschte Harting jäh aus und fand sich mit schmerzendem Handgelenk am Boden wieder. „Es war durch die Nässe sauglatt. Wer nur annähernd an die Ringkante kam, ist weggerutscht“, berichtete er und sinnierte: „Man kommt topfit aus dem Trainingslager und findet eine Situation vor, die einen fast überfordert. Da ist Erfahrung echt von Vorteil.“ Erfahrung hat er inzwischen glücklicherweise genügend.

Kuriose Strafanzeige

66,07 Meter. „Das riecht vielleicht ein bisschen billig, aber ich bin super happy“, versicherte Harting. Unter normalen Bedingungen wäre er über diese Weite sicherlich enttäuscht gewesen, gab er zu. Und in den kommenden beiden Jahren, wenn er sich ohne Ablenkung durch Uni und andere Projekte auf die WM in Peking und die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro konzentrieren kann, traut er sich 70-Meter-Weiten wieder zu. Aber an diesem Abend? Ohne Rhythmus, ohne Gefühl, ohne Zutrauen? Nein. „Dieser Titel kommt in seiner Bedeutung nicht weit hinter meinem Olympiasieg. Für mich war das heute eine große Kopfleistung.“ Wer darauf spekuliert hatte, der Hüne würde wie üblich sein Trikot handstreichartig zerreißen, wurde überrascht, wiewohl nicht enttäuscht.

Denn Harting hatte sich etwas Neues ausgedacht: Er deutete das Zerreißen bloß an, um das Nationalmannschafts-Leibchen dann rasch über den Kopf zu ziehen, es zu küssen und damit auf der Tartanbahn liegend zu kuscheln – offenbar eine humorvolle Reaktion auf die kuriose Strafanzeige, die gegen ihn wegen vermeintlicher „Verunglimpfung staatlicher Symbole“ gestellt worden war. Und zudem ein Zugeständnis „an meine Oma“, wie Harting schmunzelnd sagte. Ihr will er nach seiner Rückkehr nach Berlin ein unversehrtes Stück Textil schenken. Hartings Trainer Thorsten Schmidt analysierte: „Ich glaube, man hat ihm angesehen, dass es ihm schwer gefallen ist zu werfen. Er kam nicht hundertprozentig klar mit dem Ring. Ich denke, er ist sehr erleichtert, dass es so ausgegangen ist.“

Harting sagte: „Ich bin nicht wirklich in guter Form. Da ist es schwer, den eigenen Schweinehund zu überwinden. Da muss man immer wieder selbst mit sich kämpfen.“ Aber das Kämpfen ist er ja gewohnt, und zu seinem Glück hat Harting im Laufe seiner Karriere eines gelernt: Geduld. Und damit wird er sich künftig auch an Defizite heranmachen, „die sich technisch eingeschliffen haben. Die werde ich mit Präzision und Fleiß ausmerzen müssen“. Satt ist Harting nämlich noch lange nicht.

Jakubczyk zeigt es den Kritikern

Bei dem Trubel um Harting war die Leistung eines anderen Berliners ein wenig untergegangen. Unter den Augen von Superstar Usain Bolt sprintete Lucas Jakubczyk hauchdünn an einer EM-Medaille über 100 Meter vorbei. Der 29-Jährige kam im Finale von Zürich beim Sieg des Briten James Dasaolu (10,06) in 10,25 Sekunden auf Platz fünf und hatte letztlich drei Hundertstel Rückstand auf den Bronzerang.

„Ich gehe stolz und zufrieden nach Hause. Wenn ich Sechster oder Siebter gewesen wäre, wäre ich auch zufrieden gewesen“, sagte Jakubczyk: „Alle Kritiker, die auf den deutschen Sprintern rumgehackt haben, haben jetzt gesehen, dass wir auch außerhalb von Ulm schnell laufen können.“ Im EM-Endlauf über 100 Meter zu stehen, war als letztem Deutschen dem Wattenscheider Ronny Ostwald gelungen, der 2006 in Göteborg Achter geworden war. Für Jakubczyk war es der größte Erfolg seiner Karriere. Und in der 4x100-Meter-Staffel hat er durchaus Chancen, auch noch eine Medaille zu gewinnen.