Leichtathletik

Harting, wer sonst!

Der Berliner Diskuswerfer ist wieder Europameister. Überraschungs-Bronze durch Roleder

Stellen wir uns tatsächlich für einen kurzen Moment vor, Robert Harting wäre ein Rehkitz. Nur mal so, auch wenn es schwer fällt bei 2,01 Meter Körpergröße und 128 Kilo -gewicht. Das kleine süße Rehkitz also wartet in der Dämmerung, um zur Wasserstelle zu gelangen. Doch Obacht! Links und rechts lauern zähnefletschend die Löwen, um dem Kitz den Garaus zu machen. „Dieses Angreifbarsein! Ich kriege ja schon Gänsehaut, wenn ich davon erzähle.“

So hat der Berliner Diskuswerfer unlängst im Interview mit der „Morgenpost“ sehr anschaulich die Ausgangslage umschrieben, in der er sich vor den Europameisterschaften wähnte. Eine eher ungewohnte Situation war es, wiewohl Harting weit davon entfernt war, waidwund zu sein. Am Ende war die suboptimale Saisonvorbereitung vielleicht genau der Kick gewesen, den er brauchte, um wieder einmal Außergewöhnliches zu leisten.

Die Siegesserie hält

Wie schon 2012 gewann der 29-Jährige EM-Gold. Seine famose Serie von Siegen bei Großereignissen – WM-Titel 2009, 2011, 2013 plus Olympiagold 2012 – fand damit seine Fortsetzung. „Ich habe schon schönere Abende erlebt. Es war schwierig. Ich bin deshalb glücklich, dass es so ausgegangen ist“, sagte Harting im ZDF.

Es war, von außen betrachtet, kein außergewöhnlich schweres Stück Arbeit. Gleich im ersten Durchgang setzte Harting der Konkurrenz um den gefährlichsten Herausforderer Piotr Malachowski die Führung vor die Nase. 63,94 Meter waren nicht überragend, wenngleich ausreichend und unter den widrigen Bedingungen im Stadion – kurz vor Beginn des Wettbewerbs zogen noch Regenschwaden durch die 15 Grad kalte Abendluft, der Ring war feucht – allemal eine Ansage.

Hartings zweiter Versuch geriet ungültig, im dritten packte er dann mehr als zwei Meter drauf: 66,07 Meter. Wer sollte das noch toppen im Feld der besten Europäer? Am nächste kam dem Deutschen zur Halbzeit der Este Gerd Kanter (64,75). Zu diesem Zeitpunkt war Martin Wierig (60,82) bereits ausgeschieden, der dritte Deutsche im Bunde, Daniel Jasinski (61,49) hingegen überstand den Cut.

Den vierten Durchgang ließ Harting aus, weil der Ring nach seinem Empfinden zu nass war, seinen fünften, recht missratenen Versuch machte er durch Übertreten bewusst ungültig. „Das läuft nicht optimal heute. Das war nicht ganz sauber“, urteilte Trainer Thorsten Schmidt. Durchgang sechs musste also die Entscheidung bringen. Und als Kanter auch im letzten Versuch an dem Unterfangen scheiterte, Harting die Bestweite noch streitig zu machen, da war wieder einmal alles so gekommen wie erhofft, wenn nicht erwartet.

Wer nun aber darauf spekuliert hatte, der Hüne aus Berlin-Weißensee würde wie üblich sein Trikot handstreichartig zerreißen, wurde überrascht, aber nicht enttäuscht. Denn Harting hatte sich etwas Neues ausgedacht: Er deutete das Zerreißen bloß an, um das Nationalmannschafts-Leibchen dann lediglich über den Kopf zu ziehen, es zu küssen und damit auf der Tartanbahn liegend zu kuscheln – eine humorvolle Reaktion auf die kuriose Strafanzeige, die gegen ihn wegen vermeintlicher „Verunglimpfung staatlicher Symbole“ gestellt worden war.

„Ich glaube, man hat ihm angesehen, dass es ihm schwer gefallen ist, zu werfen. Er kam nicht hundertprozentig klar mit dem Ring“, analysierte Trainer Schmidt. „Ich denke, er ist sehr erleichtert, dass es so ausgegangen ist.“

Harting war ja vor der EM bewusst gewesen: „Das Jahr ist nicht gut für mich gelaufen. Ich war nicht wirklich in guter Form.“ Aber: „Die anderen hatten noch mehr Probleme.“ In einer „komischen Situation“ wähnte er sich: „Du bist selbst geschwächt, aber es reicht trotzdem. Da ist es schwer, den eigenen Schweinehund zu überwinden. Da muss man immer wieder selbst mit sich kämpfen.“ Aber das Kämpfen, das ist er ja gewohnt. Es ist ja weiß Gott nicht so, dass Harting nicht ausgelastet wäre. Am 15. September muss er an der Uni seine Bachelor-Arbeit abgeben. Es geht darin um „kreativ-strategische Kommunikationsinhalte“, weiter ins Detail geht er nicht. Was auch immer sich dahinter genau verbirgt – es passt recht gut zum Wirken des Diskuswerfers. Bisweilen scheint er aufzupassen, dass er selber bei aller Kreativität nicht überkommuniziert ist.

Bestes Ergebnis für Roleder

Eine tolle Überraschung gelang Cindy Roleder. Die Leipzigerin stürmte über 100 m Hürden zu Bronze. Die 24-Jährige sicherte sich im Finale mit 12,82 Sekunden den größten Erfolg ihrer Karriere. Gold holte die Britin Tiffany Porter (12,76) vor Cindy Billaud (12,79) aus Frankreich. Nadine Hildebrand (Sindelfingen) musste sich mit Rang sechs (13,01) zufrieden geben.

Arthur Abele raufte sich dagegen die Haare. Mit einem furiosen Lauf über die 1500 m hatte er den Zehnkampf beendet. Der Ulmer sicherte sich mit persönlicher Bestleistung von 8477 Punkten Platz fünf – und lag damit nur 21 Zähler hinter dem Russen Ilja Schkurenjow auf Rang drei. Die Goldmedaille sicherte sich der Weißrusse Andrei Krauchanka (8616) vor dem Franzosen Kevin Mayer (8521).