Unfall

Dramatischer Zwischenfall überschattet Silber und Bronze

Zum EM-Auftakt in Grünau wäre eine polnische Schwimmerin fast ertrunken. Deutsches Team gewinnt erste Medaillen

Die deutschen Freiwasserschwimmerinnen kümmerten sich noch im Wasser um die bewusstlose Natalie Charlos, der Mannschaftsarzt leistete am Steg Erste Hilfe. Zu den Klängen der Siegerhymne für Europameisterin Sharon van Rouwendaal (Niederlande) wurde die in Elmshorn trainierende Polin in einen Krankenwagen gebracht. Statt heiterer Wettkämpfe in der idyllischen Lage von Grünau wurde der Auftakt der Schwimm-EM in Berlin von einem dramatischen Zwischenfall überschattet. Beim Rennen der Frauen über zehn Kilometer musste die 21-jährige Charlos im Zielbereich völlig entkräftet aus dem Wasser gezogen werden.

Erst nach lauten Rufen der Betreuer und von einigen Beobachterplätzen am Streckenrand sprang ein Rettungsschwimmer ins Wasser und kümmerte sich um die Olympia-15., die in Deutschland lebt. Am Steg wurde die bewusstlose Charlos erstbehandelt.

Als die Funktionäre ihre Eröffnungsworte sprachen, wurde die junge Schwimmerin von der Regattastrecke in in ein Krankenhaus gebracht. Nach Auskunft von DSV-Mannschaftsarzt Alexander Beck geht es der 21-Jährigen den Umständen entsprechend gut. Sie sei bei Bewusstsein, einer Genesung stehe nichts im Wege. „Sie hat sich überanstrengt, mittlerweile ist sie aber wieder so weit stabil“, sagte der Würzburger Professor und stellte klar: „Wenn da keiner daneben ist und sie rausholt, ertrinkt sie.“

Deutschlands Topschwimmerin Angela Maurer bangte mit der Polin. Sie war mit Teamkollegin Svenja Zihsler als eine der Ersten bei der kollabierten Sportkollegin. „Ich hoffe, dass Natalie sich wieder erholt. Sie hat wohl schon Schaum vor dem Mund gehabt, und das ist sehr kritisch. Als ich am Boot war, da war sie schon bewusstlos“, sagte Maurer. „Ich habe es selbst im Wasser nicht gesehen, nur mitbekommen, dass Stefan gerufen hat, helft mal mit.“

Der deutsche Bundestrainer Stefan Lurz schrie am Streckenrand nach eigenen Worten „wie am Spieß“, um das Rettungsboot auf die Notlage der Polin aufmerksam zu machen. „So ein Dreck von der DLRG. Erst die Sonnenbrille abnehmen und dann erst ins Wasser“, kritisierte er. „Wir müssen sie noch mal eindringlich einweisen“, sagte DSV-Leistungssportdirektor Lutz Buschkow.

Laut Reglement soll ein Athlet mit Handzeichen den Begleitbooten klar machen, dass er Hilfe benötigt und das Rennen aufgibt. Das konnte die Polin nicht. Geschwächt hatte sie die falsche Strecke genommen und konnte sich vor dem Ziel nicht mehr über Wasser halten.

„Ich finde das sehr erschreckend“, sagte Maurer, deren enttäuschender 14. Platz nach dem Vorfall zur Randnotiz geriet. „Ich habe das alles schon mal miterlebt, und das war wirklich schlimm mit Francis Crippen.“ Der Amerikaner war im Oktober 2010 bei einem Rennen in den Vereinigten Arabischen Emiraten gestorben. Als Folge wurde unter anderem die Zahl der Begleitboote erhöht, um mehr Sicherheit zu gewährleisten.

Der Schreck steckte auch Rob Muffels und Thomas Lurz noch in den Knochen, als sie den deutschen Schwimmern einen fast perfekten Auftakt bescherten. Drei Stunden nach der dramatischen Rettungsaktion schnappte der 19-jährige Muffels seinem Idol die Silbermedaille vor der Nase weg. Doch in Gedanken war der Magdeburger nach dem Coup über fünf Kilometer bei seiner ehemaligen Klubkollegin Natalie Charlos.

„Es war ein Schock, sie ist eine gute Freundin“, sagte Muffels, der auf der Regattastrecke Grünau Rekordweltmeister Lurz um sieben Zehntelsekunden auf den dritten Platz verdrängt hatte. Ganz oben stand der Brite Daniel Fogg, der Muffels noch um 20,3 Sekunden unterboten hatte.