Leichtathletik

Der Weg ist das Ziel

Sprintstar Reus starrt bei der EM in Zürich nicht auf die magische 10,0-Sekunden-Marke

Der perfekte Lauf, wie fühlt er sich an? Julian Reus, 26, überlegt. Um Worte ist der Sprinter selten verlegen. Jetzt sucht er nach welchen. Er antwortet: „In dem Moment fühle ich eigentlich nichts. Schön ist allemal das Gefühl vor einem Lauf, richtig gut drauf zu sein. Zu wissen, die Form für einen schnellen Lauf zu haben. Währenddessen bin ich dann, wenn alles funktioniert, praktisch gedankenlos, spüre nicht viel. Alles ist so automatisiert, dass ich nicht viel nachdenken muss.“

Das gute Gefühl begleitet Reus gerade dauerhaft. Seit er vor zwei Wochen bei den Deutschen Meisterschaften über die 100 Meter den Uralt-Rekord des Magdeburgers Frank Emmelmann (10,06 Sekunden/1985) um eine Hundertstelsekunde unterboten hat, muss Reus nun aber zumindest vor dem Laufen über etwas Neues nachdenken: Wie realistisch sind seine Chancen, bei der am Dienstag beginnenden Leichtathletik-EM in Zürich (bis 17. August) etwas ganz Großes zu leisten?

Optimisten rechnen nicht bloß mit einer Medaille in der 4x100-Meter-Staffel, sie wähnen Reus gar in der Lage, eine Einzelmedaille zu gewinnen. Ist ja schön, findet er, allein: „Darauf spekuliere ich nicht. Am Tag X ist die Frage, wie sind die Konkurrenten drauf, wie bin ich selbst drauf? Und dann muss ich die Rennen in den Stresssituationen auch erst mal durchziehen.“

Wind und Wetter müssen passen

Nach den Vorläufen Dienstag via Halbfinale am Mittwoch in den Endlauf am Abend einzuziehen, das wäre schon eine Leistung an sich, denn: „Die Konkurrenz in Europa ist extrem hoch. Mittlerweile werden auch von Europäern fünf-, sechsmal im Jahr Zeiten unter 10,0 Sekunden gelaufen.“

10,0. Die magische Marke. Die Schallmauer. Wann unterbietet der erste Deutsche ganz offiziell die (handgestoppten) 10,0 von Legende Armin Hary? Die Perspektive scheint momentan so gut wie nie. Der Leipziger Martin Keller – momentan wegen Achillessehnenproblemen außer Gefecht – ist voriges Jahr in Florida die 100 Meter in 9,99 Sekunden gelaufen. Allein der Rückenwind, der ihn mit einer Geschwindigkeit von 3,7 Metern pro Sekunde – 1,7 m/s über dem erlaubten Limit – angeschoben hatte, verhinderte, dass Keller offiziell in die nationalen Annalen eingegangen ist. Über seine Erfahrung sagte er: „Früher habe ich geglaubt, dass jeder, der unter zehn Sekunden läuft, gedopt ist. Jetzt weiß ich: Wenn alles stimmt, ist auch regulär eine Zeit unter zehn Sekunden möglich.“

Kann es für einen deutschen Sprinter regelkonform unter 10,0 Sekunden gehen? „Diese Frage muss man bejahen“, sagt Reus’ Trainer Gerhard Jäger. „Im Endlauf der Deutschen Meisterschaften haben Julian und Lucas Jakubczyk es angedeutet.“ Bei knapp unzulässigen 2,2 m/s Rückenwind rannten beide 10,01 Sekunden. Das Zielfoto entschied am Ende. Jäger: „Zeiten von knapp unter 10,0 sind allerdings nur möglich bei entsprechenden Bedingungen: Temperatur, Windverhältnisse, Bahnverhältnisse. Es muss ein nahezu perfekter Lauf sein, wenn einer die Grenze unterschreiten will. So etwas“, weiß der erfahrene Trainer, „kann man nicht planen. Wenn die Situation aber da ist, spürt ein guter Athlet das.“

Überhaupt – das Gespür. Schon im Training beginnt es ja. Hinter jeder Hundertstelsekunde Verbesserung steckt „mehr Arbeit, als viele vermuten“, sagt Reus. „Viel analytischer Aufwand vor allem. Man muss nicht nur schauen, was man verbessern kann, sondern auch wie.“

Grundlagen in Florida gelegt

Dass in Deutschland inzwischen gleich mehrere Sprinter auf europäischem Spitzenniveau agieren, kommt nicht von ungefähr. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat diesen Prozess vor einigen Jahren aktiv angestoßen. Reus erklärt: „Der DLV hat viel im Bereich Lauftechnik geforscht. Es wurde geschaut, was andere Nationen tun.“ Jamaika zum Beispiel, wo die Technik des 100-m-Weltmeisters von 2011, Yohan Blake, als eine Art Blaupause dient.

„Zum anderen ist das Trainingslager zu Jahresbeginn in Florida von unschätzbarem Wert“, sagt Reus. In der Saisonvorbereitung über mehrere Wochen im warmen Klima unter exquisiten Bedingungen trainieren zu können, „erlaubt ganz einfach andere Intensitäten. Wir Sportler verkraften dadurch die Umfänge deutlich besser und können sie insofern erhöhen.“ Reus selbst hat zudem auch von einem angenehmen Umstand profitiert: Er blieb im Gegensatz zu den Jahren 2007 bis 2011 von größeren Verletzungen verschont.

Dass er hoch talentiert ist, war schon frühzeitig zu sehen. Nach der deutschen Jugendmeisterschaft 2006 über 200 Meter wurde er im Jahr darauf mit 19 Junioren-Europameister, dann kamen die Verletzungen. „Damals habe ich dennoch gespürt: Ich kann noch mehr, ich kann noch schneller. Mich hat die Frage interessiert: Wie schnell kann ich wirklich laufen, wo ist mein Maximum? Meine 10,09 Sekunden 2012 haben mir dann gezeigt: Es geht richtig schnell.“

Zu Reus’ selbstverständlichen Gewohnheiten gehört inzwischen die Zusammenarbeit mit einer Sportpsychologin. Anlass dafür waren zwei Fauxpas bei deutschen Hallenmeisterschaften. „2012 und 2011 ist mir dort jeweils ein Fehlstart passiert“, erzählt er. „Ich wusste, das kann kein Zufall sein, dass ich in unnötigen Situationen solche Fehler maches und habe mir daraufhin professionelle Hilfe gesucht.“

Mittlerweile „behandeln“ der Sprinter und die Psychologin gemeinsam „alltägliche Fragen“. Wenn einer quasi über die Bahn fliegt, kann schließlich die Gefahr drohen, dass er abhebt. Oder sich zu viel vornimmt. Bei allem Selbstbewusstsein – das soll dem 1,76-Meter-Mann vom TV Wattenscheid 01 nicht passieren. Es fängt schon bei den eigenen Zielen an. Grenzen verschieben? Ja! Fanatisch auf die 10,0-Sekunden-Marke starren? „Nö!“

Er habe mit dieser Marke kein Problem: „Denn es ist nicht mein Ziel, unter 10,0 Sekunden zu laufen. Genauso, wie ich nie als mein Ziel ausgegeben habe, den Deutschen Rekord einzustellen. Es ist nicht sinnvoll, einer Marke hinterherzurennen.“ Lieber mag Julian Reus vorneweg rennen.