EM-Vorbereitungen

Ballett im Becken

Synchronschwimmen wird oft belächelt. Zwei Berlinerinnen wollen das bei der EM korrigieren

Die Bundestrainerin ist unzufrieden. Doris Ramadan stellt die Musik aus, ein Medley mit den größten Hits der Scorpions, und scheucht die jungen Damen aus dem Wasser. „Raus! Noch mal! Was ist mit dem ersten Heber?“, schimpft sie. Lara Lanninger klettert aus dem Becken und richtet ihre Nasenklammer. Kurze Verschnaufpause. Die Berlinerin vom SC Wedding 1929 ist das Küken im deutschen Synchronschwimm-Team und mit 16 Jahren auch die jüngste Sportlerin im 59-köpfigen Aufgebot des Deutschen Schwimm-Verbands für die am Mittwoch in Berlin beginnenden Europameisterschaften. Die zweite Berliner Synchronschwimmerin Michelle Zimmer ist mit 17 Jahren kaum älter. Auf ihr Alter reduzieren lassen wollen sie sich jedoch nicht: „Wir sind nicht nominiert worden, weil wir so jung sind, sondern trotzdem“, sagt Lara Lanninger selbstbewusst. „Wir müssen die gleiche Leistung bringen wie die anderen auch.“

Acht Stunden Training am Tag

Sehr ausdrucksstark war sie schon immer. In der fünften Klasse gewann sie in ihrem brandenburgischen Heimatort Schönfließ einen Schulwettbewerb im Rezitieren und überzeugte die Jury dabei mit ihrer lebhaften Gestik. Auf die richtige Präsentation kommt es auch beim Synchronschwimmen an. „Die Kunst besteht darin, es trotz der Anstrengung noch leicht aussehen zu lassen“, erklärt Lara Lanninger.

Strapaziös ist die Sportart, auch wenn sie häufig belächelt wird. Eine Kür dauert drei Minuten, in denen die Synchronschwimmerinnen wegen der Nasenklammer allein durch den Mund atmen können – und das auch nur möglichst dezent, damit die Kampfrichter nichts davon mitbekommen. Damit die Haare halten, schmieren sich die Athletinnen den Dutt mit warmer Gelatine ein, die sich später nur schwer wieder herauswaschen lässt. Zwischen den einzelnen Figuren kann es unter Wasser schon mal eng werden, wenn sich die Schwimmerinnen neu sortieren. „Da passiert es, dass man sich gegenseitig trifft oder sogar die Nasenklammer abtritt“, sagt Michelle Zimmer.

Sie ärgert sich über die mangelnde Akzeptanz ihrer Disziplin, die Einflüsse aus so vielen anderen Sportarten vereint: Turnen, Tanzen, Eiskunstlauf, Schwimmen und Wasserball. Erst wenn sie erzählt, dass sie sechs Mal pro Woche trainiert, im Wasser und an Land, bei Lehrgängen manchmal acht bis neun Stunden am Tag, wird aus dem Belächeln schnell Respekt.

Vier Disziplinen gibt es: Solo, Duett, Gruppe mit vier bis acht Teilnehmern und die Kombination mit bis zu zehn Schwimmerinnen. Nach einer technischen Kür, bei der alle Mannschaften die gleichen Übungen, Formationen und Sprünge vorführen müssen – so exakt, hoch und synchron wie möglich –, folgt die freie Kür mit Vorkampf und Finale, in der die Teams selbst entscheiden, was sie präsentieren.

Ziel ist ein Platz unter den Top Ten

Lara Lanninger und Michelle Zimmer starten bei den Europameisterschaften zunächst ab Mittwoch im Gruppenwettbewerb und anschließend ab Freitag in der Kombination. Die Finals finden jeweils am kommenden Wochenende statt. Favoriten sind Russland, Spanien und die Ukraine; für die Deutschen geht es um eine Platzierung unter den besten Zehn. Synchronschwimmen ist hierzulande Randsportart, die Mitglieder des Nationalteams sind Amateure, die nebenbei arbeiten, studieren oder wie die beiden Berlinerinnen noch zur Schule gehen.

Bei den Europameisterschaften im eigenen Land stehen sie ausnahmsweise einmal im Fokus der Öffentlichkeit. „Wir hoffen auf viele deutsche Fans, die uns unterstützen“, sagt Michelle Zimmer. Mitfiebern werden in jeden Fall ihre Familien, auch Michelle Zimmers Vater wird in der Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark (SSE) an der Landsberger Allee die Daumen drücken. Heute begeistert er sich für den Sport seiner Tochter, doch das war nicht immer so: „Mein Vater wollte eigentlich, dass ich Fußball spiele, genau wie mein Bruder“, erzählt Michelle Zimmer, die ursprünglich aus Vehlefanz stammt, einer Gemeinde im Norden Berlins. Nach Ausflügen zum Turnen, Tanzen und Schwimmen fand sie über eine Freundin schließlich den Weg zum Synchronschwimmen.

Genau wie Lara Lanninger startet sie nun für den SC Wedding 1929, Berlins einzigen Sportverein mit einer Synchronschwimm-Abteilung. In den vergangenen Jahren hat sich der Klub zu einem Leistungszentrum gemausert, ausgezeichnet mit dem DSV-Nachwuchs-Qualitätssiegel des Deutschen Schwimm-Verbandes. Bei den diesjährigen deutschen Alterklassenmeisterschaften waren die Weddinger so erfolgreich wie nie zuvor. Auch für Show-Veranstaltungen werden die Synchronschwimmerinnen gebucht; sie waren schon bei „TV Total“ mit Stefan Raab zu sehen und im Videoclip zum Song „Aufsteh’n“ der Berliner Band Seeed.

Aus sportlicher Sicht ist die EM jedoch das bislang größte Erlebnis. Für Michelle Zimmer und Lara Lanninger ist es ihre erste große Meisterschaft bei den Erwachsenen. Vor Kurzem starteten beide noch bei der Jugend-WM in Helsinki, wo sie im Duett Rang 19 belegten – eine für deutsche Verhältnisse hervorragende Platzierung, wie die Bundestrainerin betont. Im Einzel sprang für Michelle Zimmer sogar Platz 14 heraus. „Das ist die Königsdisziplin“, sagt sie. Dort fällt die Schwierigkeit weg, mit anderen Schwimmerinnen synchron zu sein. Dafür muss das Becken ganz allein mit Präsenz ausgefüllt werden. Aber das liegt den Beiden ja.