Leichtathletik-EM

Reif für den historischen Wurf

David Storl will bei der Leichtathletik-EM in Zürich die Kugel 22 Meter weit stoßen

Kurz vor dem Abflug nach Zürich drückte David Storl noch einmal aufs Gas: Im Geländewagen brauste Deutschlands Kugelstoß-Koloss über abgesperrte Brandenburger Forstwege und tobte sich mit seinem Gefährt in riesigen Pfützen aus. „Jede Menge Dreck und Fun“, so Storl, gab es dabei – ein Höchstmaß an „Fun“ dürfte den Weltmeister auch bei der am Dienstag beginnenden Leichtathletik-EM erwarten.

Es sollte schon mit dem Teufel zugehen, würde der 24 Jahre alte Chemnitzer am ersten Tag nicht das erste deutsche Gold holen. Als haushoher Favorit geht Titelverteidiger Storl in den Wettkampf (Qualifikation 10.07 Uhr/Finale 19.34 Uhr) – die Frage ist eigentlich nur, ob es endlich mit dem ersehnten Stoß über die 22-Meter-Marke klappt. „Wenn man sich die europäische Bestenliste anschaut, ist David nicht zu gefährden. Er kann sich nur selber schlagen, sich selbst runterbringen“, sagte Trainer Sven Lang: „Aber das wird ihm nicht passieren.“

Auf 21,97 Meter hat Storl seine Bestleistung in diesem Jahr geschraubt, vier Wettkämpfe mit wenigstens 21,84 Metern abgeliefert. Unter Europas Besten folgt der Russe Alexander Lesnoi (21,40) mit stattlichem Abstand. Der Pole Tomasz Majewski, der Storl 2012 in London mit drei Zentimetern Vorsprung den Olympiasieg wegschnappte, kam nicht über 21,04 Meter hinaus. Die Weiten der kontinentalen Konkurrenz liegen längst nicht mehr im Anspruchsbereich des in jungen Jahren schon abgeklärten Sachsen. „22 Meter habe ich absolut drin. Vielleicht ist es ganz gut, dass es vor der EM nicht damit geklappt hat, so bleibt mir das für Zürich als Ziel“, sagt Storl.

Es ist ein mutiges Vorhaben. Der letzte Stoß eines Deutschen über die 22-Meter-Marke datiert aus dem Vorwendesommer. Am 30. August 1989 wuchtete Olympiasieger Ulf Timmermann die gut sieben Kilo schwere Eisenkugel auf 22,19 Meter. Sein Dauerrivale Udo Beyer war der andere DDR-Muskelprotz, der die 22 Meter überbot. Beide wetteiferten in der Hochzeit des Anabolika-Missbrauchs. Beyer legte inzwischen ein Geständnis ab. Im Dokumentarfilm „Einzelkämpfer“, uraufgeführt im Februar 2013, gab der heute 58-Jährige seinen Dopingkonsum zu.

Sechs Wochen lang hat sich Storl zuletzt im Bundesleistungszentrum Kienbaum bei Berlin intensiv auf die EM vorbereitet. Coach Lang durfte die Vorbereitung seines Musterschülers als gelungen abhaken. „Mit Davids Leistungsniveau bin ich zufrieden. Zürich dürfte sehr ordentlich werden“, sagte er.

Dabei erlebte das Erfolgsduo kurz vor Ultimo noch eine Schrecksekunde, als sich Storl bei einer der letzten Krafteinheiten am Rücken verletzte. „Das war aber zum Glück nur ein kleines Problem, das kriegen die Physiotherapeuten schnell wieder hin“, sagte Lang: „Er hat dann eben kurz mit dem Stoßen ausgesetzt, das ist aber nicht schlimm. Wenn Form und Kraftwerte jetzt nicht stimmen würden, wäre es ohnehin zu spät.“

Auch Storls Sorgenknie, das bislang in diesem Jahr die weit effektivere Umspring-Technik im Ring verhinderte, macht kaum noch Ärger. „Die Knieprobleme stören nicht. Er wird in Zürich auch umspringen können“, sagt Lang, der den Vorteil im Vergleich zur schonenderen Stütztechnik auf „60 bis 70 Zentimeter“ beziffert. Die könnte Storl also theoretisch sogar noch draufpacken – die Konkurrenz wird es mit Schrecken vernehmen.

Dabei beschäftigt sich Storl kaum mit seinen Mitbewerbern, für ihn zählt nur die eigene Leistung. „Wenn ich in Zürich 22 Meter stoße, ist mir der Platz fast egal“, sagte er: „Früher habe ich mir viel mehr Druck gemacht. Heute gehe ich in jeden Wettkampf, um Spaß zu haben.“