Transfermarkt

Weltmeister als Schnäppchen

Auf dem Transfermarkt werden die deutschen Spieler vergleichsweise günstig verkauft

Den internationalen Transfermarkt muss man sich vorstellen wie einen großen Basar. Scheichs, Präsidenten und Manager schlendern an den weit geöffneten Auslagen vornehmlich europäischer Vereine vorbei, verhandeln mit Beratern, wedeln mit ihren Schecks und nehmen mal eben Stars wie Luis Suarez oder James Rodriguez für 80 Millionen Euro mit nach Hause.

Auf diesem Basar haben Shkodran Mustafi und Christoph Kramer nicht den besten Stand erwischt. Beide sind Anfang zwanzig, hervorragend ausgebildet und gerade Weltmeister geworden. Nimmt man Titel und Talent als Maßstab für ihren Marktwert, müssten sie ganz schön teuer sein. Doch auf dem Basar stehen sie etwas versteckt, da wo man normalerweise die Sachen findet, die nicht so gut laufen.

Für Kramer soll es ein Angebot des SSC Neapel über acht Millionen Euro gegeben haben. Stars der WM wie Thomas Müller oder Mario Götze sind gar nicht erst auf dem Markt. Nur um den aktuellen Champions-League-Sieger und Weltmeister Sami Khedira von Real Madrid oder den Dortmunder Mats Hummels gab es zuletzt ein paar Gerüchte über mögliche Interessenten aus England. Konkret wurde bisher nichts. „Wenn einer der ausländischen Top-Klubs etwas will, ist er auch bereit, viel zu investieren für einen Spieler“, sagt Khediras Berater, Jörg Neubauer. Sein Schützling hatte nach einem Kreuzbandriss im November des vergangenen Jahres in Rekordzeit wieder internationales Niveau erreicht, war bei der WM eine der Säulen in Joachim Löws Team. Ganz anders Radamel Falcao. Er musste die WM-Teilnahme absagen, ebenfalls wegen eines Kreuzbandrisses, seine Form ist fraglich, trotzdem ist er Real 60 Millionen Euro wert. Da entsteht der Eindruck, deutsche Spieler seien nicht attraktiv genug.

Nach der WM 1990 brachten die Weltmeister den Markt noch zum Kochen. Thomas Häßler wechselte vom 1. FC Köln für die damals astronomische Summe von 15 Millionen Mark zum AS Rom. Karl-Heinz Riedle zog es für 13 Millionen Mark zum Konkurrenten Lazio. Im Jahr darauf folgten Jürgen Kohler (elf Millionen) und Thomas Doll, der mit der neuen Rekordablöse von 17 Millionen Mark den klammen HSV quasi im Alleingang sanierte. Beträge, die nach heutigen Maßstäben in dem Bereich von Transfers wie Suarez und Rodriguez liegen. Beide kosteten ihre neuen Arbeitgeber zusammen 161 Millionen Euro. Zum Vergleich: Alle 18 Bundesligavereine gaben bislang 202 Millionen Euro aus.

Doch es gibt Gründe für die exorbitanten Ablösesummen und Gala-Gehälter ausländischer Stars, die im Vergleich zu deutschen Fußballern in anderen Sphären zu spielen scheinen. „Ich glaube nicht, dass es in Deutschland zu solchen Auswüchsen kommen kann“, sagt Spielerberater Jürgen Milewski. „Allein schon, weil wir in der Bundesliga eine ganz andere finanzielle Ausstattung haben. Hier wird solide gewirtschaftet, und das ist absolut vernünftig.“ Milewski spielte selbst viele Jahre in der Bundesliga (u.a. HSV und Hannover 96). Das solide Wirtschaften gehört inzwischen zum Markenkern der Bundesliga. Abenteuerliche Finanzierungsmodelle, bombastische Schuldenberge und reiche „Sugar Daddies“ sind in Deutschland zwar nicht ausgeschlossen, aber verpönt. Wenn Mäzene wie Dietmar Hopp oder Klaus-Michael Kühne ihren Vereinen unter die Arme greifen, wird das hierzulande naserümpfend quittiert.

Nicht so in Spanien, wo etwa der aus Singapur stammende Milliardär Peter Lim den hoch verschuldeten FC Valencia übernommen hat und nun ordentlich aufrüstet. Unter anderem mit Mustafi, den er von Sampdoria Genua eingekauft hat. Für 9,5 Millionen Euro. Nicht gerade ein schwindelerregender Preis, eher ein Schnäppchen.

Das Vermarktungspotenzial eines Spielers ist ein entscheidender Faktor. „Wenn sie einen Spieler wie Rodriguez einkaufen, kaufen sie auch immer die Hoffnung ein, dass der Spieler sich in Zukunft stark entwickeln wird – und zwar nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern vor allem auch in medialer“, sagt Sebastian Uhrich, Professor für Sportökonomie an der Deutschen Sporthochhochschule in Köln. Um Transfers der Größenordnung Rodriguez oder Suarez zu refinanzieren, setzen Vereine wie Madrid oder Barcelona auf Trikotverkäufe, Sponsorenverträge und nicht zuletzt auf den Werbeeffekt im Herkunftsland des Profis. Rodriguez war der Shootingstar der WM, wie einen Nationalhelden feierten sie ihn im fußballverrückten Kolumbien. Innerhalb kürzester Zeit verkaufte Real weltweit 345.000 „James“-Trikots, das Stück zu 100 Euro.

Ähnlich lief es beim Uruguayer Suarez. Auch er war einer der Auffälligsten während der WM, wenn auch in der Rolle des Bösewichts. Negative PR ist besser als keine. Von Toni Kroos sind solche Effekte nicht bekannt. Er gilt zwar als einer der besten Mittelfeldspieler der Welt, dennoch war er mit 30 Millionen Euro für Real ein Schnäppchen. Sicher, Kroos’ Vertrag bei den Bayern wäre 2015 ausgelaufen, das drückt den Preis. Doch der gebürtige Greifswalder gilt nicht gerade als mediale Lichtgestalt. Bei Facebook, um nur einen Indikator für den Werbewert eines Spielers zu nennen, hat er knapp fünf Millionen Freunde, Rodriguez kommt dagegen auf 19 Millionen – und „Beißer“ Suarez auf zehn Millionen.