Boxen

Schon jetzt ein Sieger im Kampf seines Lebens

2011 erkrankte der Amerikaner Daniel Jacobs an Krebs. Heute boxt er um den WM-Gürtel

In stillen Augenblicken malt Daniel Jacobs, 27, sich oft diesen einen speziellen Moment aus, für den er lebt und, ja, für den er überlebt hat. Den Moment, in dem der Ringrichter sein Handgelenk umfasst, seinen Arm nach oben reißt, um dann die Worte zu sprechen: „Und der neue...“

„Ich bin schon ergriffen, wenn ich nur dran denke“, sagt Jacobs, der an diesem Sonnabend um den WM-Titel des Verbandes WBA im Mittelgewicht boxen wird. Nicht bloß, weil er zum ersten Mal Weltmeister werden kann. Nicht nur, weil er im Barclays Center im New Yorker Stadtteil Brooklyn antritt, wo er aufgewachsen ist. Sondern weil das zusammenkommen kann, was ihn eine Krebserkrankung besiegen ließ. Jacobs sagt: „Ich habe lange auf diesen Moment gewartet. Ich erinnere mich, als ich auf meinem Totenbett lag, habe ich gesagt: Wenn das Barclays Center öffnet, werde ich dort um den Titel kämpfen.“ Nun ist es so weit.

2010 schien Daniel „Danny“ Jacobs die Boxwelt offen zu stehen. „Er hatte alles“, erinnert sich sein Promoter Oscar de la Hoya, 41: „Den Speed. Die Schlaghärte. Das Charisma. Er war auf dem Sprung.“ Eine überraschende K.-o.-Niederlage in seinem ersten WM-Kampf in jenem Jahr schien bloß ein Stolperer zu sein, ein Weckruf zur rechten Zeit. Jacobs gewann anschließend seinen ersten Aufbaukampf locker, den zweiten ebenso. Dann, 2011, trat jäh ein anderer Gegner in sein Leben: der Krebs.

Alles begann mit Müdigkeit, mit Kribbeln in den Beinen, mit Taubheitsgefühl. Zu Beginn glaubten die Ärzte, es läge an einem eingeklemmten Nerv. Sie verschrieben Jacobs einige Pillen, er humpelte heim. Als die Schmerzen immer schlimmer wurden und die Beeinträchtigungen so sehr zunahmen, dass er ohne Krücken nicht mehr laufen konnte, suchte er einen Neurologen auf. So wurde festgestellt: Ein Tumor hatte die Wirbelsäule des Sportlers befallen. „Ich musste operiert werden. Sofort.“ Die Ärzte sagten ihm, vier Tage später, und er wäre wohl gestorben. „Ich sprang dem Tod von der Schippe.“

Was nach der OP folgte, war ein langwieriger Genesungsprozess mit ungewissem Ausgang und vielen Medikamenten. Jacobs fühlte sich „erschöpft. Erschöpft vom Leben. Schließlich sagten sie mir, ich wäre nie wieder in der Lage zu boxen. Ich habe die Augen geschlossen. Es war grauenvoll“. Doch der Vater eines zweijährigen Sohnes kämpfte sich zurück ins Leben. Als er in der Zeitung las, dass in Brooklyn 2012 die Bauarbeiten an der neuen Sportarena beendet werden würden, schwor er sich: „Ich werde dort kämpfen.“ So kam es: Am 20. Oktober 2012 kehrte Danny Jacobs „in meinem Hinterhof“ in den Ring zurück, den emotionalen Comebackkampf gewann er durch Knock-out in der ersten Runde.

Wie auch immer der WM-Kampf am Sonnabend gegen den Australier Jarrod Fletcher ausgehen wird – Daniel Jacobs Leben soll nie wieder aus der Bahn geraten, auch nicht wegen seines geliebten Sports. „Früher habe ich immer daran gedacht, dass ich der größte Boxer aller Zeiten werden will. Das kümmert mich nicht mehr.“ Er wolle immer noch gewinnen, ja. „Aber wenn ich das Leben von jemandem ändern kann mit meiner Story, bedeutet mir das mehr als alles, was ich im Boxen erreichen kann.“