Basketball

„Wir müssen bereit sein für Nowitzki“

Emir Mutapcic soll mit den deutschen Basketballern die EM-Qualifikation schaffen. Er fordert mehr Identifikation

Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft steht in den kommenden drei Wochen vor einer lösbaren Aufgabe. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde ein zweiter Platz in der Qualifikationsgruppe mit Polen, Österreich und Luxemburg reichen, um bei der Europameisterschaft 2015 dabei zu sein. Nun gibt es kaum Trainer auf der Welt, die den Begriff „lösbare Aufgabe“ mögen. Auch Emir Mutapcic mag ihn nicht, schon gar nicht mit Blick auf das erste Auswärtsspiel am Sonntag in Torun (20 Uhr) gegen Polen, wo der Bundestrainer von 2010 bis 2012 den Erstligisten Anwil Wloclawek trainierte. „In Europa können alle Basketball spielen“, sagt der 54-jährige Bosnier vor dem Auftakt in die Qualifikation.

Berliner Morgenpost:

Bei aller Wertschätzung vor Luxemburg und Österreich: Wäre mit einem Sieg in Torun die Qualifikation nicht fast schon perfekt, Herr Mutapcic?

Emir Mutapcic:

Zumindest hätten wir dann eine sehr gute Chance. Aber es gibt keine automatischen Siege. Wir müssen den Polen mit Respekt begegnen. Sie sind mit uns zusammen die Favoriten in der Gruppe und haben ein sehr talentiertes, athletisches und erfahrenes Team.

Aber Sie haben am Sonntag in Bamberg Russland geschlagen, das gemeinhin als eine Nummer größer als die Polen gilt.

Genau daran wollen wir auch anschließen, ganz besonders, was die Verteidigung im zweiten und dritten Viertel angeht. Der Sieg gegen Russland war sehr wichtig für uns. Einerseits hat er uns natürlich Selbstvertrauen gegeben, viel mehr aber noch das Wir-Gefühl der Mannschaft gestärkt. Gerade, weil wir nur wenig Zeit in der Vorbereitung miteinander verbracht haben, war das sehr, sehr wichtig.

Sollten Sie die Qualifikation schaffen, stehen die Chancen nicht schlecht, dass die EM-Vorrunde 2015 in Berlin ausgetragen wird. Hat sich dadurch der Druck erhöht?

Das ist eher eine zusätzliche Motivation. Das wäre doch für den deutschen Basketball sehr gut und auch für diese junge Generation von Spielern, sich bei einer Europameisterschaft in Deutschland gut zu präsentieren.

Und vielleicht auch Dirk Nowitzki, der nicht ausgeschlossen hat, dann noch mal das Trikot mit dem Adler überzustreifen. Viele Ihrer jungen Spieler haben schon gesagt, wie heiß sie darauf wären, einmal mit „The Big D" zusammen zu spielen.

Zu allererst muss sich diese Mannschaft qualifizieren, sich einen Respekt erarbeiten, bei mir, beim Verband und bei den Gegnern. Jeder Basketballspieler in Deutschland kann von Nowitzki profitieren, jeden Tag, ob er da ist oder nicht, allein wegen seiner Einstellung. Aber er wird kommendes Jahr 37 Jahre alt sein und hat jetzt eine Familie. Auch die Gesundheit spielt eine Rolle. Ich wünsche mir, dass sich alle auch jetzt mit dem Nationalteam identifizieren, so wie es ist, und ich verlange von den Spielern, dass sie sich in jedem Training verbessern wollen. Wir sind jung, haben aber noch wenig Erfahrung. Wenn Nowitzki kommt, müssen wir auch bereit für ihn sein.

Ihr Vertrag läuft noch vier Wochen. Würden Sie Ihr Werk im Falle eines Erfolges 2015 nicht gern vollenden und vielleicht sogar einen Nowitzki coachen?

Wenn alles vorbei ist, werden wir analysieren, was gut, was schlecht war und schauen, in welche Richtung der Verband will und in welche Richtung ich will. Ich habe noch ein Jahr Vertrag bei Bayern München und konzentriere mich jetzt voll auf die Qualifikation.

Sie sind nach Polen von Berlin aus geflogen, der Stadt, in die Sie 1991 als Spieler kamen. Seit zwei Jahren arbeiten Sie für Bayern München. Hat Berlin einen Adoptivsohn verloren?

Ich war immer ein Berliner und werde es auch bleiben. Das gilt für meine ganze Familie. Ich war das letzte Jahr ja fast nur unterwegs, also auch kaum in München. Wir haben noch immer unsere Wohnung hier. Mein Sohn Armin studiert in Bamberg, ist aber in jeder freien Minute zu Hause in Berlin.

Bei den Bayern sind Sie Assistent von Svetislav Pesic, mit dem Sie schon bei Alba zusammenarbeiteten. Ist alles wie früher?

Die Freundschaft ist die alte. Wir haben 1979 für Bosna Sarajevo zusammen gespielt, er war mein Sportdirektor und mein Trainer. Und dann kam die Zeit bei Alba. Unser Verhältnis hat sich nicht geändert und auch seine Herangehensweise an das Spiel nicht. Aber unsere Arbeit hat sich verändert. Das Spiel ist schneller geworden, du musst schneller reagieren, auch ohne Ball.

Als Sie beide in Berlin tätig waren, stellte Alba fast die ganze Nationalmannschaft. Jetzt ist nur Akeem Vargas dabei ...

... Moment, ich habe auch andere eingeladen. Jan Jagla sagte ab, Jonas Wohlfarth-Bottermann wollte individuell trainieren, Alex King hat geheiratet.

Akeem Vargas hat sich nach nur einem Jahr in der Bundesliga durchgesetzt. Sind Sie von ihm überrascht?

Er hat mich während der Saison überrascht, im Team von Sasa Obradovic vor allem in der Verteidigung eine sehr wichtige Rolle gespielt. Akeem hat sich hier sehr gut präsentiert. Ich habe viel mit ihm geredet. Wir haben daran gearbeitet, dass ihm auch offensiv mehr Optionen zur Verfügung stehen.

Ein anderer junger Mann hat weit mehr von sich reden gemacht: Dennis Schröder. Ist der mit seinen erst 20 Jahren und nach dem ersten Jahr in der NBA wirklich das Jahrhunderttalent?

Er ist sehr, sehr talentiert, schon ein Ausnahmespieler. Er kann schnell denken und sich sehr schnell bewegen, er ist fleißig. Sein Verständnis für das Spiel ist für sein Alter enorm. Aber er muss trainieren, man muss ihm Zeit geben. Auf seiner Position ist die Konkurrenz riesig, und es gibt viele Bereiche, in denen sich Dennis noch verbessern kann. Die Zeit mit der Nationalmannschaft wird ihm dabei helfen.

Sie haben während der Vorbereitung beklagt, dass einige Ihrer Besten erst spät aus der Summer League in der NBA kamen. Ist das aber nicht auch ein Erfolg, dass immer mehr junge deutsche Spieler für allerhöchste Aufgaben in Frage kommen?

Sicherlich, die Programme des Verbandes und auch die Strukturen der JBBL und NBBL bringen immer mehr gute Spieler hervor. Dass die dann Richtung NBA schauen, ist auch legitim. Aber der Zeitpunkt ist auch wichtig. Macht dich die Summer League besser? Vielleicht. Die Nationalmannschaft muss abseits der Frage der Identifikation dafür stehen, dass sich Spieler dort verbessern. Daran haben wir im Sommer gearbeitet. Man kann auch als gestandener Nationalspieler in die NBA gehen.

Sie waren ein Weltklassespieler. Hätten Sie mit Anfang 20 eine Einladung zur Summer League bekommen, wären Sie da nicht sofort zum Flughafen gerannt?

(lacht) Das war eine andere Zeit. Aber natürlich darf man in diesem Alter noch träumen, das ist legitim.