Wettkämpfe

WM vor der Brust, Olympia im Sinn

Für den Berliner Kanuten Marcus Groß dreht sich alles nur noch um das ganz große Ziel

So richtig unterscheiden sich die Wettkämpfe eigentlich nicht. Ob es nun um kontinentale Titel geht oder um globale: Die wichtigsten Kontrahenten im Zweierkajak über die olympischen 1000 Meter sind doch dieselben. Dennoch gibt es einen Kontrast. „Die Europameisterschaft ist leider nicht so viel wert“, sagt Marcus Groß vom RKV Berlin. Hauptsächlich hat das damit zu tun, dass über die Weltmeisterschaften letztlich Olympiastartplätze vergeben werden.

Trotzdem, vor gut drei Wochen war wieder EM-Zeit gewesen. Und ja, schön war’s auch. Vor der Haustür in Brandenburg an der Havel spielt es eben keine Rolle, wie sehr die EM nun wertgeschätzt wird von den Trainern. Ein Heimrennen ist immer Motivation. Groß beendete seinen Auftritt standesgemäß, mit seinem Partner Max Rendschmidt (Essen) gewann er Gold.

In den nächsten Tagen stehen nun die Weltmeisterschaften auf dem Programm, in Moskau. Die, obwohl sie wichtiger sind, verursachen bei dem 25-jährigen Berliner keine große Anspannung. Denn er hat seine Prioritäten verschoben. „Ich gehe jetzt alles anders an“, sagt er. Vorbei sind die Zeiten, in denen er dem WM-Titel hinterhergehechelt ist. Jahrelang tat er das. Immer wieder vergeblich. Vergangenes Jahr war es endlich so weit, zusammen mit Rendschmidt klappte es.

Die beiden entwickelten sich in der vorangegangenen Saison zu einem unwiderstehlichen Duo, setzten sich bei den Weltcups souverän durch, wurden Europa- und Weltmeister. „Ich bin jetzt viel entspannter“, erzählt Groß. Das Warten auf den großen Titel hat ihn manchmal ganz schön mitgenommen, er kann sich immer noch gut hineinversetzen in seine Gefühlswelt, als er bei Olympia 2012 in London mit dem K4 am Podium vorbeifuhr. Im Nachhinein bemerkte Groß, dass er zu verbissen gewesen war.

Schon im Vorjahr konnte er zielgerichteter arbeiten, mit dem ersehnten WM-Titel im Gepäck erhält nun alles noch einmal eine andere Qualität. „Ich habe alle Medaillen, mir ist es nicht so wichtig, ob noch eine weitere goldene bei einer EM oder WM dazukommt“, sagt er. Natürlich, fügt er hinzu, sei jeder Titel toll. „Aber Platz zwei ist auch schön, wenn man nicht zu weit weg ist. Man kann nicht immer Erster sein.“ Im Weltcup mal andere siegen zu sehen, so wie in dieser Saison über die 1000 Meter, stört also erst recht nicht. Und außerdem: „Jetzt gibt es ein größeres Ziel.“ Das heißt Rio de Janeiro.

Dort finden in zwei Jahren die Olympischen Spiele statt, dort will Groß zuschlagen. „Wir fokussieren uns jetzt noch mehr auf Rio“, sagt er. Alles orientiert sich am Plan, Olympiasieger zu werden. Alles bis dorthin sind nur Zwischenschritte. Vor London musste Groß jährlich mühsame Monate damit verbringen, im Vierer passende Besetzungen zu finden. Jetzt steht die K2-Formation in der zweiten Saison, obwohl das keine Garantie ist, dass sie erhalten bleibt. „Ich will mit diesem Boot nach Rio“, erzählt er. Die Konstanz der Leistungen und das Potenzial der beiden spricht dafür, dass der Plan aufgehen kann. WM-Favoriten sind sie trotz ihrer Blickrichtung Rio aber schon.