Interview

„Lustenberger bleibt mein Kapitän“

Jos Luhukay über schwere Entscheidungen, neue Hertha-Taktiken und den Traum von Europa

Die durchschnittliche Verweildauer eines Bundesliga-Trainers liegt bei 18 Monaten. Bei Hertha BSC war sie noch kürzer. Das hat sich geändert. Jos Luhukay, 51, geht in seine dritte Saison als Cheftrainer des Hauptstadt-Klubs. Im Trainingslager in der Steiermark begründet er die sieben Neuen, die Hertha geholt hat. Außerdem erklärt Luhukay, wer noch gesucht wird, legt sich in der Kapitänsfrage fest und verrät seinen Traum, der ihn als Trainer antreibt.

Berliner Morgenpost:

Unmittelbar neben dem Trainingsplatz von Hertha BSC befindet sich ein Landeplatz für Paragleiter. Wie sieht es bei Ihnen, Herr Luhukay, mit dem Traum vom Fliegen aus?

Jos Luhukay:

Ich finde es sehr erstaunlich, dass es Menschen gibt, die so etwas ohne Angst machen. Ich schätze das sehr. Das muss toll sein, wenn man oben vom Berg kommt und über ein Tal fliegt. Aber ich würde für kein Geld der Welt bei so etwas mitfliegen.

Sie arbeiten am Boden, erwarten aber von Ihren Spielern, dass die bereit sind, bestimmte Grenzen zu überschreiten.

Unsere Motivation ist, es besser zu machen als in der letzten Saison. Ob das am Ende damit verbunden ist, dass wir auch auf einem besseren Platz abschließen, muss man sehen. Das Entscheidende ist, dass Hertha BSC sich in der Bundesliga etabliert. Das ist ein hartes Stück Arbeit für uns. Und ich lasse die Mannschaft keine Sekunde aus den Augen, um sie intensiv und professionell weiterzuentwickeln.

Sie gehen in Ihre dritte Saison bei Hertha. Im ersten Jahr haben Sie vier Neue eingebaut, im vergangenen Jahr waren es sechs Neue. Aktuell steht Hertha bei sieben Zugängen. Was ist die Idee dahinter?

Es ist wichtig, nicht auf der Stelle stehen zu bleiben. Wenn wir als Hertha uns in der Bundesliga etablieren wollen, ist es wichtig, die Mannschaft Jahr für Jahr durchzuselektieren. Das machen wir nicht aus Spaß, sondern aus Verantwortung, um die Entwicklung von Hertha voranzutreiben. Die hört nicht nach ein oder zwei Saisons auf. Selektiert man nicht durch, bleibt man stehen oder macht sogar einen Schritt zurück. Und den Schritt zurück Richtung Zweite Liga wollen wir unbedingt vermeiden. Deshalb haben wir versucht, uns sinnvoll zu verstärken.

Was verlangt dieser Prozess von den Spielern? Peter Niemeyer war Kapitän und Leistungsträger im Aufstiegsjahr, mittlerweile spielt er viel weniger. Johannes van den Bergh war in der vergangenen Hinrunde gesetzt, aktuell kämpft er mit Marvin Plattenhardt um einen Stammplatz.

Das habe ich der Mannschaft am ersten Trainingstag gesagt: Wir gucken nicht zurück. Die Vergangenheit zählt nicht mehr. Es verlangt von jedem Spieler, hart zu arbeiten, weil wir wieder die Leistungsgrenzen neu bestimmen: Was braucht es, um in der Startelf zu stehen? Was braucht es, um im 18er-Kader zu sein? Das ist mental schwer, wenn ein Spieler in der Startelf stand und jetzt Mühe hat, dort wieder hinzukommen. Das verlangt Charakter. Ich schätze alle meine Spieler. Aus Trainer-Sicht ist es manchmal schwierig, Entscheidungen zu treffen, von denen ich weiß, dass sie Spielern weh tun. Aber es geht um die Verantwortung, ob wir Erfolg haben oder nicht. Daran werde ich in meiner Position als Trainer abgerechnet.

Was war Ihnen wichtig bei den Neuen?

Da wird nichts aus dem Bauchgefühl entschieden, das ist alles gut überlegt. In der Abwehr kann John Heitinga Fabian Lustenberger nach dessen langen Ausfall eins zu eins ersetzen. Links in der Abwehr hatten wir keine echte Alternative für Johannes van den Bergh, deshalb haben wir Marvin Plattenhardt geholt. In der vergangenen Rückrunde hatten wir nicht ausreichend Möglichkeiten, um auf Verletzungen oder Formschwankungen reagieren zu können. Jetzt kann Jens Hegeler Tolga Cigerci direkt ersetzen. Das gleiche gilt für die Flügel.

Die wichtigste Position ist noch offen. Hertha sucht einen Topstürmer, der Adrian Ramos ersetzen kann.

In vielen Ligen suchen Vereine nach einer Nr.9, wir auch. Das dauert noch etwas. Ich bin voller Hoffnung, dass uns das zum Ende des Monats gelingt.

Was ist, wenn Hertha keinen Stürmer für sich gewinnen kann?

Klar, es muss sportlich und wirtschaftlich für Hertha passen. Gelingt das nicht, dann hätte ich kein Problem, mit dem jetzigen Kader in die Saison zu gehen.

Wer ist der Hertha-Kapitän der kommenden Saison?

Fabian ist und bleibt mein Kapitän. Über eine neue Lösung hätte ich mir nur Gedanken gemacht, wenn er auf unbestimmte Zeit ausfallen würde. Fabian hat anderthalb Jahre gute Leistungen gebracht. Er war jetzt sechs Monate verletzt. Deshalb kann es sein, dass es Fabian zum Saisonstart noch nicht schafft. Dann wird es einen zweiten oder dritten Kapitän geben.

Sie verlangen von Ihren Spielern, dass die sich permanent entwickeln sollen. Sie gehen jetzt bei Hertha in Ihre dritte Saison: Wie entwickeln Sie sich weiter?

Es ist wichtig, sich selbst zu hinterfragen. Wenn man eine verantwortliche Position hat, muss Herz und Feuer zu spüren sein. Ich finde Hertha klasse. Die Fans sind super, die Stadt ist toll. Vor zwei Jahren haben mir viele davon abgeraten, nach Berlin zu gehen. Ich bin sehr froh, dass ich vor zwei Jahren diesen Schritt gemacht habe.

Bei der WM hat man verschiedene Systeme gesehen. Chile hat mit einer Dreier-Abwehr gespielt, die Niederlande mit einer Fünfer-Kette. Wie wird Hertha spielen?

Wir werden im Training daran arbeiten, dass wir nicht nur ein 4-2-3-1 spielen. Ich werde in einem der beiden Testspiele im Trainingslager eine Dreier-Abwehrkette probieren, ein 3-4-3. Neu wird sein, dass wir den Tannenbaum spielen, ein 4-3-2-1-System. Eine neue Taktik ist ein Anreiz, aber man soll es nicht übertreiben. Selbst, wenn man nur ein System spielt, gibt es in der täglichen Arbeit so viele Details, die man verbessern kann. Ein Trainer kann im Kopf fünf oder sechs Taktiken parat haben. Aber keine Mannschaft kann vier, fünf oder sechs Systeme spielen.

Der Traum vom Fliegen ist nicht Ihrer, was ist Ihr Traum mit Hertha?

Mein Traum ist, mit Hertha europäisch zu spielen. Das ist ein Anreiz, das habe ich als Trainer noch nie erlebt. Ich bin nicht nur froh, bei Hertha zu sein, sondern froh, überhaupt in der Bundesliga zu sein. Und: Ich bin noch lange nicht erfolgsmüde.