Regelwerk

Der Fall Kramer und seine Folgen

Im Fußball mehren sich die Stimmen, die einen vierten Spielerwechsel fordern

Es kommt nicht häufig vor, dass ein Spieler den Schiedsrichter fragt, in welchem Spiel er sich gerade befindet. Christoph Kramer ist das passiert, während des WM-Finales in Rio de Janeiro. Er prallte mit einem Gegenspieler zusammen, die Ärzte ließen ihn noch 14 Minuten benommen weiterspielen, bevor der Schiedsrichter ihn auswechseln ließ. An das größte Spiel seines Lebens kann sich der 23-Jährige nicht erinnern. Das beschäftigt nun den Weltverband Fifa.

Knock-outs wie der von Kramer lösen Diskussionen aus. Wie viel Risiko nehmen Spieler und Betreuer für den Erfolg in Kauf? Wie kann man das minimieren? Im Falle einer Gehirnerschütterung wie beim Mönchengladbacher Kramer drohen etwa Hirnblutungen, warnen Mediziner. Derzeit diskutiert die Fifa, künftig vier statt bisher drei Auswechslungen pro Spiel zu erlauben. Die Fifa verspricht sich davon mehr Schutz für die Spieler.

Der Belgier Michel D’Hooghe, 68, ist Mitglied des Exekutivkomitees der Fifa und deren Medizinchef. „Ich bin der Meinung, dass ein vierter Spielerwechsel im Falle einer Verlängerung erlaubt werden sollte“, sagt er. Es passiere oft, dass Teams ihre Wechselkontingente innerhalb der regulären Spielzeit ausschöpfen: „Im Falle einer Verletzung während der Verlängerung muss der verletzte Spieler auf dem Feld bleiben, damit das Team nicht zu zehnt agieren muss.“

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach begrüßt die Absicht, das Regelwerk zu ändern: „Nach den Erfahrungen der WM bin ich für eine solche Regelung. Das Turnier in Brasilien mit den extremen klimatischen Bedingungen hat gezeigt, dass es in der Verlängerung an die Grenzen der Belastung gehen kann. Wer gesehen hat, wie viele Spieler Probleme mit Krämpfen hatten, fragt sich, wer dann noch Elfmeter schießen soll.“

Der deutsche Nationaltorhüter Albert Weber prallte 1912 bei den Olympischen Spielen in Stockholm bei einer Rettungstat gegen den Pfosten. Auswechslungen waren nicht vorgesehen, trotz Gehirnerschütterung spielte er weiter – und brach später zusammen. Erst 1970 führte die Fifa die Regel ein, dass ein neuer Spieler einen verletzten ersetzen darf.

Ein Kollege D’Hooghes aus dem Exekutivkomitee, der namentlich nicht genannt werden möchte, geht noch einen Schritt weiter. Er sagt: „Auch die Möglichkeit eines vierten Wechsels in der regulären Spielzeit müssen wir diskutieren.“ Das Exekutivkomitee kann die Genehmigung allerdings nicht beschließen. Zuständig für Regeländerungen ist das International Football Association Board (IFAB), das einmal im Jahr tagt. Die letzte revolutionäre Regeländerung gab es 1998, als die „Grätsche von hinten“ als Attacke eingestuft wurde, die mit der Roten Karte zu ahnden ist. Anfang 2015 könnte das IFAB über eine vierte Auswechslung entscheiden.

Auch der Uruguayer Álvaro Pereira blieb in Brasilien nach einem Zusammenstoß mit dem Engländer Daniel Sturridge bewusstlos liegen, spielte aber nach einer kurzen Behandlungspause weiter. Im Halbfinale prallten der Argentinier Javier Mascherano und der Niederländer Georginio Wijnaldum mit den Köpfen zusammen. Mascherano taumelte, als er den Rasen verließ, war aber kurz darauf zurück. D’Hooghe wies darauf hin, dass der Belgier Anthony Vanden Borre zum Ende der Vorrunden-Partie gegen Südkorea mit einem Wadenbeinbruch spielte. Aus medizinischer Sicht „ist das natürlich nicht korrekt“, sagte er.

Kramer überstand den Zusammenprall von Rio glücklicherweise ohne dauerhafte Schäden. Er hofft, dass die Erinnerungen zurückkehren und er nicht für immer auf Videoaufzeichnungen des großen Triumphes angewiesen ist.