Leichtathletik

Zeit für die Revanche

Prothesen-Weitspringer Markus Rehm trifft beim Istaf auf EM-Fahrer Christian Reif

Ein bisschen mehr Bewegung hätten sie sich gewünscht. Stattdessen lagen die Kängurus im Berliner Zoo nur faul rum. Kein Wunder bei dem Wetter. Und schlimm fanden es Christian Reif und Markus Rehm auch nicht. Eigentlich traf die Entspanntheit der Tiere genau den Nerv der beiden. „Die letzten Tage waren sehr anstrengend für uns“, sagte Christian Reif nach dem Spaziergang entlang der Gehege am Sonntagmorgen.

Reif war noch nie im Berliner Zoo gewesen, also nutzte er gern die Einladung der Istaf-Veranstalter, sich dort ein bisschen auf andere Gedanken zu bringen. Gemeinsam mit dem Mann, der vor gut einer Woche dafür gesorgt hatte, dass der Weitsprung der deutschen Männer plötzlich ein großes Thema ist. Rehm ist unterschenkelamputiert, und er nahm als erster Behindertensportler an den nationalen Titelkämpfen der Nichtbehinderten teil. Der 25-Jährige legte mit 8,24 Meter den weitesten Satz hin, Reif sprang vier Zentimeter kürzer.

Ein paar Tage später erhielt Rehm die Nachricht, dass er trotz Titel nicht zur Europameisterschaft nach Zürich (12. bis 17. August) fahren darf, es bestünden „deutliche Zweifel, dass Sprünge mit Beinprothese und mit einem natürlichen Sprunggelenk vergleichbar sind“, hieß es vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). In Berlin fanden Rehm und Reif nun etwas Zeit, sich auszutauschen über die ganze Problematik. „Wir haben einen Wettkampf geliefert, den es so noch nicht gab. Das ist viel mehr wert, als zu gewinnen“, erzählt Reif. Möglicherweise wird ihm sogar noch der Meistertitel zugesprochen.

Dann müsste Rehm ihn hergeben. Noch stehen weitere Untersuchungen aus, inwieweit die Leistungen vergleichbar sind. „Ich bin da relativ entspannt, ich möchte Klarheit haben und, dass man es richtig regelt“, sagt der Leverkusener. Sollten Vorteile für ihn entdeckt werden, dann hätte er kein Problem damit, den Titel aberkannt zu bekommen. „Ich kann mich über einen Sieg nicht freuen, den ich nicht fair errungen habe“, erzählt er.

Für Reif stellt sich die Frage nicht: „Ich habe verloren, für mich war es ein fairer Wettkampf.“ Beide haben viel diskutiert in Berlin, saßen am Abend vor dem Zoobesuch lange in der Hotellobby. Dabei ging es auch um ganz alltägliche Dinge, Reif wollte wissen, wie es so ist, wenn Rehm am Flughafen eincheckt. Die beiden verstehen sich gut. Reif hofft, dass der Verband Rehm wenigstens einlädt nach Zürich, um sich das EM-Finale anzuschauen.

Wirklich Zeit hat der zwar nicht, weil er sich auf die EM der paralympischen Sportler eine Woche später vorbereitet. Aber er würde es schon hinbekommen. Wichtiger ist ihm allerdings, wie es weitergeht mit der Beurteilung seiner Leistung. „Ich möchte nicht dieses Bild hinterlassen, dass alles die Prothese macht. Das stimmt einfach nicht. Dann würden viel mehr Leute acht Meter springen“, sagt Rehm. Nur er schafft das.

Um ihn selbst geht es ihm gar nicht so sehr. Er fühlt sich dem Nachwuchs verpflichtet. Er fragt: „Mit welchem Ansporn soll der Nachwuchs da noch trainieren, um Ausnahmeleistungen zu bringen? Denn wenn die Ausnahmeleistung da ist, wird sie auf die Prothese zurückgeführt.“ Sein künstlicher Unterschenkel ist seit eineinhalb Jahren nicht mehr verändert worden. „Ich nutze keine technischen Weiterentwicklungen“, sagt der Athlet, der bei der Deutschen Meisterschaft erstmals über acht Meter sprang.

Am Dienstag wird es Gespräche mit dem DLV darüber geben, wie alles eingeordnet werden soll, wie alles genau überprüft werden soll. Bezüglich eines Wettkampfes wird das keine Rolle spielen. Beim Istaf am 31. August im Berliner Olympiastadion ist Rehm eingeladen. „Ich freue mich auf einen großartigen Wettkampf, so viele Zuschauer hat man nicht allzu oft im paralympischen Sport“, sagt er. Es ist die Gelegenheit zur Revanche für Christian Reif.