Reform

Revolution auf dem Eis

Im Eishockey gelten ab sofort neue Regeln, die das Spiel maßgeblich verändern werden

Peter-John Lee, 58, und Stefan Ustorf, 40, haben in der Summe in 45 Jahren über 2000 Eishockey-Spiele auf allerhöchstem Niveau auf beiden Seiten des Atlantiks gespielt. Wohl noch öfter saßen der Manager der Eisbären und der neue sportliche Leiter als Zuschauer auf der Tribüne, sahen sich Spiele an oder beim Training zu.

Derzeit tun sie das bei den ersten Trainingseinheiten ihrer Mannschaft im Wellblechpalast mit ungewöhnlich fragendem Blick, obwohl dem ersten Anschein nach alles ist wie immer. „Die blauen Linien“, sagt Lee und erntet erst mal Unverständnis. „Stefan und ich waren am Sonntag selbst kurz auf dem Eis und echt geschockt“, sagt der Eisbären-Manager und erklärt endlich: „Sie wurden für die kommende Saison um 1,53 Meter Richtung Mittellinie verrückt.“ Was von der Tribüne aussähe wie immer, „wird das Spiel komplett verändern“, glaubt Lee. „Es wird spannend werden zu sehen, was für eine Mannschaft man braucht, um auf einer solchen Eisfläche zu spielen.“

Das Team auf die neuen Verhältnisse, die ja einerseits die Verkleinerung der neutralen Zone, aber noch viel entscheidender die Vergrößerung der Angriffs- und Verteidigungszonen bedeuten, einzustellen, liegt natürlich zu allererst in den Händen des Cheftrainers. „Eines ist sicher“, sagt Jeff Tomlinson, der die neue Aufteilung der Eisfläche begrüßt, „es wird auf jeden Fall mehr Chancen geben.“ Schon jetzt aber warnt er sein Team. „Wenn du mehr Platz hast, hast du auch mehr Zeit. Wir dürfen uns aber keinesfalls dazu verleiten lassen, das Tempo heraus zu nehmen. Wir haben technisch gute Spieler und müssen weiter schnell spielen.“

Die weitreichendsten Folgen der verschobenen blauen Linien werden ganz sicher in Über- und Unterzahl zu beobachten sein. Mit einem oder gar mehreren Spielern weniger auf dem Eis würden auf alle „große Herausforderungen“ warten, erklärt der Headcoach der Eisbären. „Meine Philosophie war immer, in Unterzahl auch die gegnerischen Spieler an der blauen Linie aggressiv zu attackieren. Das geht jetzt nicht mehr, die Wege sind so weit, dass du zwangsläufig die Ordnung verlieren würdest.“

Die aufopferungsvollere Pflichterfüllung in der Verteidigung wird zukünftig aber mit mehr Optionen belohnt, wenn ein gegnerischer Spieler auf der Strafbank sitzt. „Es wird mehr Schüsse aufs Tor geben“, erwartet der 44-jährige Tomlinson. „Die guten Schützen an der blauen Linie sind schwerer zu verteidigen und die Schussbahnen schwerer zuzumachen“.

Wenn Manager Lee mit Spannung auf die Erkenntnis wartet, wie eine Mannschaft optimal besetzt sein muss, um die größeren Flächen vor dem eigenen Tor am effektivsten zu verteidigen und vor dem gegnerischen mit möglichst vielen Toren zu nutzen, weiß er aber schon jetzt: Hüftsteife Verteidiger, und sei ihr Schuss auch noch so hammerhart, sind eher ein Auslaufmodell. Was mit einer weiteren geänderten Regel zu tun hat, der man in der nordamerikanischen Profiliga NHL, wo sie schon in der vergangenen Saison angewendet wurde, den etwas schwammigen Namen „Hybrid Icing“ gegeben hat.

Sprintduelle zum Bullypunkt

Auf gut Deutsch geht es um den unerlaubten Befreiungsschlag oder Weitschuss, wie der Volksmund sagt. Wann immer der Puck aus der eigenen Hälfte gespielt ohne weitere Berührung in der gegnerischen die verlängerte Torlinie überschritt, wurde das Spiel unterbrochen und die Partie wurde mit einem Bully vor dem eigenen Tor fortgesetzt.

Mit der neuen Regel kann ein schneller Stürmer die Spielunterbrechung abwenden, was sicherlich den Spielfluss erhöhen wird. Schlägt er den gegnerischen Verteidiger im Laufduell bis zu einer gedachten Linie zwischen den beiden Bully-Punkten, läuft das Spiel weiter. Stürmer können sich jetzt also mit einem kleinen Chip wie Arjen Robben im Fußball den Puck weit vorlegen, den Verteidiger, der vielleicht erst umdrehen muss, überlaufen, dann entweder selbst den Abschluss suchen oder nachrückende Kollegen bedienen.

„Auch diese Regel finde ich gut“, sagt Tomlinson, der „Hybrid Icing“ längst in seine Trainingspläne einbezogen hat. „Natürlich müssen die Verteidiger schnell drehen und zurücklaufen, aber gleiches gilt für die Stürmer, wenn sie sich Chancen erarbeiten wollen. Richtungswechsel stehen bei uns im Training vermehrt auf dem Programm.“ Dann muss Tomlinson lachen: „Ich bin echt auf unser erstes Spiel am 8. August bei Sparta Prag gespannt. Da wird wohl einiges an Überraschungen zu sehen sein, auf das wir dann vielleicht mit ein paar Korrekturen reagieren müssen.“ Die Spannung erhöht sicherlich, dass es dank der neuen Regeln nicht nur für sein Team eine Reise ins Ungewisse ist.

Der Vollständigkeit sei erwähnt, dass es noch eine weitere neue Regel gibt, die von der kommenden Saison an greifen wird. Der „Spin-O-Rama“ wurde verboten. Penalty-Schützen dürfen sich auf dem Weg zum Tor nicht mehr um 360 Grad drehen. Diese bahnbrechende Änderung spielt in der Vorbereitung der Eisbären übrigens keine Rolle.