Motorsport

Der Feind im eigenen Stall

Hamilton erhält keine Strafe nach seiner Weigerung, Rosberg überholen zu lassen

Der Brasilianer Nelson Piquet und der Engländer Nigel Mansel haben sich fast geprügelt, weil Piquet sich über das Aussehen von Mansels Frau Roseanne abfällig geäußert hatte. Alain Prost und Ayrton Senna rammten sich gegenseitig von der Rennstrecke. Der Franzose und der Brasilianer wechselten jahrelang kaum ein privates Wort. Und der älteste Leitsatz in der Formel 1 lautet: Du musst deinen Team-Kollegen besiegen, der Rest ist nachrangig. Der Hauptfeind sitzt definitiv im eigenen Team.

Ganz so schlimm ist es um das Verhältnis zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg, Aushängeschilder des Mercedes-Formel-1-Teams, noch nicht bestellt. Aber die Rollen sind klar verteilt. Der Brite Hamilton, 29 Jahre alt wie sein deutscher Team-Kollege, ist ein Egomane der ausgeprägten Sorte. Rosberg versucht den Schein zu wahren, ein Teamplayer zu sein. Doch das wird für den Sohn von Keke Rosberg, Weltmeister 1982, immer schwieriger.

Kein zweites Schnitzel-Essen

WM-Spitzenreiter Rosberg kann in dem Titel-Zweikampf offiziell nicht mehr auf Hilfe vom Kommandostand hoffen. „Wir können nicht mehr erwarten, dass einer für seinen Hauptrivalen in der WM Platz macht“, erklärte Mercedes-Motorsportchef Christian Wolff nach Hamiltons provokantem Verstoß gegen eine Funk-Anweisung beim Großen Preis von Ungarn.

Das heißt: Für den Rest der Formel-1-Saison wird es bei den Silberpfeilen wohl keine Teamorder-Versuche mehr geben. Das Duell der einstigen Kart-Kumpels steuert auf den Siedepunkt zu. Jetzt kämpft jeder für sich. „Das wird intensiv“, kündigte Rosberg an. Sinnlose Aktionen wie Händeschüttel-Fotos oder gar ein gemeinsames – von der PR-Abteilung arrangiertes – Schnitzel-Essen der beiden „Freunde“ dürfte es nicht mehr geben.

Nach Hamiltons Budapest-Blockade, als er den auf einer anderen Strategie fahrenden Deutschen trotz mehrfacher Aufforderung von der Box nicht passieren ließ, war Rosberg die Urlaubsstimmung gründlich vergangen. „Ich bin sehr enttäuscht“, bekannte der in einer Video-Botschaft auf der Massageliege. Eine interne Strafe muss der Brite nicht fürchten. „So etwas wird es nicht geben“, stellte Wolff klar. Team-Aufseher Niki Lauda urteilte gar: „Die Anweisung an Lewis war unnötig.“ Ebenso unnötig wie seine Reaktion, denn so verpasst er Mercedes-Chefingenieur Paddy Lowe zusätzlich einen unverdienten Rüffel.

Christian Wolff, der nach dem Rennen auch eingeräumt hatte, dass er am Funk härter hätte eingreifen können, versuchte die Sache zu deckeln: „Wir sind alle erwachsen, wir müssen es nächstes Mal besser machen.“ Für Hamiltons öffentliche Vorwürfe an das Team, ihm überhaupt diesen Befehl erteilt zu haben, hatte der Österreicher Verständnis. „Er trägt eben sein Herz auf der Zunge.“ Und Hamilton hat sich offensichtlich daran erinnert, dass Mercedes zu Saisonbeginn davon gesprochen hat, keinen Stallorder nötig zu haben.

Rosberg dagegen wand sich in den Fragerunden nach dem spektakulären Rennen auf dem Hungaroring um klare Aussagen zu Hamiltons Verhalten. „Wir müssen das intern besprechen, das ist der beste Weg vorwärts für uns als Team. Ihr habt alle gesehen, was passiert ist“, sagte der gebürtige Wiesbadener. Elf Punkte Vorsprung auf Hamilton nimmt der Ungarn-Vierte mit in die knapp vierwöchige Sommerpause bis zum Grand Prix von Belgien.

Geht das Privatduell der überlegenen Mercedes-Fahrer so weiter, könnte tatsächlich erst im letzten Saisonlauf in Abu Dhabi die WM-Entscheidung fallen. Dort werden diesmal doppelte Punkte vergeben. „Ich habe einige Geschichten gelesen, dass ich unter dem Druck zerbreche. Das hier hat hoffentlich gezeigt, dass es nicht so ist und ich weiter mitten im Fight bin“, sagte Hamilton nach seiner Paradefahrt aus der Boxengasse bis auf Rang drei. Teamintern scheint er der angesagte Liebling zu sein. Unterstützung für Rosberg? Allenfalls sparsam. Auch wenn sein Vertrag kürzlich verlängert wurde.

Sorgen um die Zuverlässigkeit

In jedem der bisherigen elf Saisonläufe stand damit mindestens ein Mercedes-Fahrer auf dem Podium. Das Polster in der Teamwertung auf Verfolger Red Bull um Budapest-Sieger Daniel Ricciardo und den abgeschlagenen Titelverteidiger Sebastian Vettel beträgt schon 174 Punkte. Genau das erleichtert der Mercedes-Spitze momentan noch die Entscheidung, die beiden Piloten künftig noch mehr von der Leine zu lassen. „Vielleicht ist das der Zeitpunkt, die Sache zu lockern, wenn beide einverstanden sind“, so Wolff.

Wären da nicht die Sorgen um die Zuverlässigkeit der Silberpfeile, die immer wieder zusätzliche Irritationen auslösen. Nach seinen technischen Defekten in den Qualifikationen für Hockenheim und Budapest hatte Hamilton schon geätzt: „Das ist mehr als Pech, das ist etwas anderes.“ Pfusch zugunsten seines Lieblingsfeindes Rosberg? „Wir müssen uns jetzt beruhigen, alles analysieren und mit mehr Stärke zurückkommen“, mahnte Wolff. Nach entspannten Ferien hört sich das jedenfalls nicht an. Man muss auch kein Prophet sein, wenn man davon ausgeht, dass Mercedes-Konzernchef Dieter Zetsche dem Treiben auf den Pisten „not amused“ zuschaut. Der 61-Jährige erwartet für einen geschätzten Mitteleinsatz zwischen 150 und 200 Millionen Euro beide Weltmeistertitel. Den der Fahrer und den für die Konstrukteurs- oder Teamwertung.