Motorsport

Ricciardo stoppt die Silberpfeile

Vettels Teamkollege gewinnt in Ungarn. Streit zwischen Rosberg und Hamilton eskaliert

Red-Bull-Pilot Daniel Ricciardo hat sensationell den Großen Preis von Ungarn gewonnen und den bislang so dominanten Silberpfeilen mit seinem zweiten Saisonsieg den Start in die Sommerpause verdorben. In Budapest setzte sich der Australier im wohl spannendsten Rennen der bisherigen Saison erst zwei Runden vor Schluss an die Spitze und siegte hauchdünn vor Vizeweltmeister Fernando Alonso (Ferrari) und Lewis Hamilton (Mercedes), der aus der Boxengasse gestartet war.

Der viertplatzierte Nico Rosberg führt im Mercedes trotzdem weiter die WM-Wertung an. Der Wiesbadener liegt mit 202 Zählern allerdings nur elf Punkte vor seinem Stallrivalen Lewis Hamilton (191). Den dritten Rang belegt nun Ricciardo (131), der seinen Mitstreiter Sebastian Vettel erneut abhängte. Vettel, lediglich Siebter, haderte: „Für mich kam das Safety Car einen Tick zu spät. Ich war an der Box vorbei und somit benachteiligt. Dann hatte ich noch einen Dreher. Aber das hätte alles den Bock nicht fett geschossen. Mehr als ein Platz weiter vorn wäre wohl nicht drin gewesen.“

Der stets gut gelaunte Australier Ricciardo versprach: „Ich werde mit ein paar Kumpels eine heiße Party machen, heute Abend. Aber zuerst möchte ich mich bei meinem Team bedanken, das in den ersten Monaten der Saison ein tolles Auto für mich gebaut hat und einen Traumjob gemacht hat.“ Hamiltons vorläufige Bilanz lautete: „Ein brillantes Rennen, mit diesem Ergebnis hatte ich nicht gerechnet.“ Rosberg hielt zunächst die Verfolger wie schon vor einer Woche beim Heimerfolg auf dem Hockenheimring auf Abstand, doch die erste Safety-Car-Phase bremste ihn ein. Nach einem Reifenwechsel fiel der 29-Jährige, der von der Poleposition gestartet war, auf Rang vier zurück und tat sich bei feuchten Bedingungen schwer, an die Spitze zurückzukehren. Teamkollege Hamilton, der nach umfangreichen Reparaturen in Folge eines Brands im Qualifying aus der Boxengasse starten musste, war zwar gleich in der ersten Runde von der Strecke abgekommen – belohnte sich dann aber durch eine perfekte Leistung am Lenkrad auf dem Weg durch das gesamte Fahrerfeld. Der Weltmeister von 2008 überholte Auto um Auto und fand sich in unmittelbarer Nähe von Rosberg und Vettel schnell unter den besten Zehn wieder, ehe er nach 40 Runden plötzlich sogar kurz erstmals in Führung lag.

Funkspruch einfach ignoriert

15 Runden vor Ende gab es Aufregung bei den Silberpfeilen. Hamilton wollte Rosberg nach Anweisung der Teamleitung nicht vorbeiziehen lassen, obwohl beide auf unterschiedlichen Strategien unterwegs waren. „Ich fahre für Nico nicht langsamer“, funkte Hamilton an die Box. Später sagte er: „Ich war geschockt, als mich das Team aufgefordert hat, langsamer zu fahren.“ Womit das immer wieder als „vorbildlich, sportlich“ beschriebene Verhältnis der beiden, inklusive eines Schnitzel-Essens in Wien, erneut ad absurdum geführt wurde. Mercedes sollte sich fragen: Warum gibt es Anweisungen vom Team, wenn sie nicht befolgt werden? Rosberg blieb cool. „Das müssen wir mit dem Team diskutieren. Ich denke an die letzte Runde und bin enttäuscht, dass ich Lewis nicht überholt habe.“

Dem spanischen Doppel-Weltmeister Fernando Alonso (2005 und 2006 im Benetton) war es vorbehalten, Ferrari aus der Trottelecke zu holen. „Die havarierte Costa Concordia kommt schneller am Verschrottungshafen in Genua an als Ferrari in Budapest ins Ziel“, kommentierte die römische Tageszeitung „La Repubblica“ im Vorfeld des Ungarn-Grand-Prix. Doch unabhängig von Alonsos unerwartetem Podestplatz scheint man in Maranello die Saison intern schon abgehakt zu haben, rüstet für 2015 aber auf. Zehn Techniker, darunter drei frühere Motoren-Experten von Mercedes und drei Aerodynamiker von Red Bull, hat das Team um den neuen Chef Marco Mattiacci eingekauft.

Extrem dünnhäutig reagiert der Formel-1-Zirkus mittlerweile auf Kritik an künftigen Austragungsorten wie Sotschi und Baku. „Wir haben Benzin im Blut. Wir kommen her, um Rennen zu fahren und das zu genießen“, senkte Force-India-Teamchef Vijay Mallya das Niveau der Stellungnahmen dramatisch ab. Nahtlos auf Niedrigstniveau bewegte sich auch Vettel-Teamchef Christian Horner. Der Engländer, Trauzeuge bei Bernie Ecclestones dritter Hochzeit, wurde nach einer weiteren Frage zum heiklen Thema grantig: „Immer wird nur auf das Negative fokussiert“, warf er den Medien, unter anderem „Sport-Bild“, einseitig falsche Berichterstattung vor. „Im Oktober oder November kommt ein Rennkalender heraus. Und wir haben die Wahl, ob wir an der WM teilnehmen oder nicht“, sagte Horner. Weitere Nachfragen waren in der offiziellen Pressekonferenz der Teamchefs unerwünscht.

Den Aserbaidschan-Deal soll übrigens Flavio Briatore mit eingefädelt haben. Der Italiener, früher Teamchef bei Benetton von Michael Schumacher, wurde offenbar in eine Arbeitsgruppe zur Verbesserung des Spektakels in der Formel 1 berufen. Zur Erinnerung: Briatore war auf Lebenszeit gesperrt worden, weil er 2008 beim Nachtrennen in Singapur einen Unfall mit seinen Fahrern Nelson Piquet Jr. und Alonso fingiert hatte. Oder war das alles auch falsche Berichterstattung?