Kommentar

Verband hat Chance vertan

Sebastian Arlt über die Probleme im Fall Rehm

Große Worte wurden gefunden. Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), sprach sogar von einem „historischen Moment“. Erstmals durfte in Markus Rehm ein behinderter Athlet an den nationalen Titelkämpfen der nicht behinderten Leichtathleten teilnehmen. Er hat mit seinem Satz von 8,24 m, zugleich Weltrekord für Behinderte, alle in Staunen versetzt.

Doch jetzt ist die Aufregung groß. Die wichtigste Frage ist ungeklärt: Hatte der beinamputierte Sportler durch seine Carbon-Prothese einen Vorteil gegenüber den nichtbehinderten Konkurrenten? War Chancengleichheit gegeben?

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat dem 25-jährigen Sportler die Chance gegeben, bei den Titelkämpfen starten zu können. So weit, so gut. Aber der DLV muss sich jetzt vorwerfen lassen, sich nicht mit Nachdruck engagiert und die notwendigen Untersuchungen nicht früher durchgeführt zu haben. Klarheit bereits im Vorfeld wäre wichtig und notwendig gewesen. Offenbar hatte der Verband nicht damit gerechnet, dass Rehm so weit springen kann und ordnete biomechanische Untersuchungen erst für die Titelkämpfe selbst an.

Jetzt ist Rehms Supersprung zu einem Politikum geworden. Der DLV wirkt wie ein Getriebener; die Nominierung für die EM in zwei Wochen wurde von Montag auf den letztmöglichen Termin, den Mittwoch, verschoben. Auch der europäische und der Weltleichtathletik-Verband werden sich mit Markus Rehm und seiner Prothese befassen müssen.

Das sensible Thema polarisiert. Kaum ein Athlet oder Trainer bei den Titelkämpfen wollte offiziell Stellung nehmen. Das neue Wort vom Prothesen-Doping machte im Donaustadion die Runde.

Bei einigen war deutlich ein Grummeln zu hören, dass über die Ereignisse beim Weitsprung rund um Rehm zum Beispiel andere hochwertige Leistungen in Ulm, wie der 100-Meter-Rekord durch Julian Reus, völlig in den Hintergrund gedrängt wurden.

Andererseits gab es auch Stimmen, die sich durch die Diskussionen bestätigt glaubten, dass, wenn’s zum Schwur kommt, man behinderte Sportler eben doch kritisch beäugen würde.

Der sympathische Rehm, der selbst Klarheit haben will, findet sich wieder im Spannungsfeld zwischen Inklusion und Fairplay. Er hat eine außerordentliche Leistung vollbracht, auf die er zu Recht stolz sein darf. Jetzt fühlt er sich unter Rechtfertigungszwang. Eine Situation, die man ihm hätte ersparen müssen.

Inklusion hat viele Facetten, nicht selten stoßen alle Beteiligten bei ihren Bemühungen an Grenzen und Widerstände: im Berufsleben, in der Schule, tagtäglich überall. Insofern zeigt jetzt auch das Sport-Beispiel Markus Rehm, wie schwierig gelebte Inklusion sein kann.