Leichtathletik

Fairplay oder Prothesen-Doping?

Der Rekordsprung des behinderten Leichtathleten Rehm sorgt für hitzige Diskussionen im deutschen Sport

Markus Rehm brachte es mit einem Lächeln auf den Punkt: „Ich werde wohl für rauchende Köpfe gesorgt haben.“ Rauchende Köpfe? Vielmehr hat der 25-Jährige die deutsche Leichtathletik in ein Dilemma gestürzt, nachdem er am Sonnabend bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Ulm als erster behinderter Athlet an den Titelkämpfen der nicht Behinderten teilgenommen hat. Dabei steigerte er seine Bestweite um 29 Zentimeter auf 8,24 Meter, gewann den Wettbewerb, hat damit die Norm für die EM in Zürich (12. bis 17. August) erfüllt – und müsste nun durch den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) für die EM gemeldet werden.

Aber hatte Rehm, der Paralympics-Sieger von 2012 in London, durch seine Prothese am rechten Bein einen Wettbewerbsvorteil oder nicht? Im Alter von 14 Jahren musste Rehm nach einem Unfall beim Wakeboarden der Unterschenkel amputiert werden.

Diese entscheidende Frage ist noch nicht beantwortet. In Ulm wurden biomechanische Untersuchungen gemacht: Anlaufgeschwindigkeit, Absprungdruck, Absprungwinkel wurden unter die Lupe genommen. Rehm sagte immer wieder: „Ich will ja selbst Gewissheit haben und dass alles fair zugeht.“ Und sollte ihm die Prothese wirklich einen Vorteil gebracht haben, „wäre es richtig, wenn man mir den Titel wieder wegnehmen würde.“

Der europäische Verband EAA hat von dem Fall bereits gehört und ihn gleich an den Weltverband IAAF weitergegeben. „Die IAAF muss entscheiden, ob Rehm bei der EM starten darf oder nicht“, erklärte EAA-Generaldirektor Christian Milz. Dennoch hat die EAA die Leistung von Rehm bereits in ihre kontinentale Jahresbestenliste aufgenommen. Mit seinen 8,24 m ist er als Nummer fünf geführt.

Die Prothese des Orthopädietechniker-Meisters als unerlaubtes Hilfsmittel? Diverse Weitsprungtrainer wollten zwar offiziell nicht Stellung nehmen, aber allgemeine Meinung war: Mit Rehms relativ geringer Anlaufgeschwindigkeit sei eine solche Weite eigentlich nicht möglich. Und: Manche wollen eine andere Dynamik bei Rehms Absprung mit der Carbon-Prothese bemerkt haben, eine Katapultwirkung.

Weitsprung-Bundestrainer Uwe Florczak gab ehrlich zu: „Der DLV hat hier geschlafen.“ Eine Formulierung, die seine Vorgesetzten gar nicht gern gehört haben dürften. Schon viel früher, so Florczak, hätten die entsprechenden biomechanischen Untersuchungen gemacht werden müssen.

Doch auch in dieser Hinsicht stößt man auf Ungereimtheiten. Rehms Trainerin Steffi Nerius, ehemalige Weltmeisterin im Speerwerfen, berichtete, sie habe den DLV schon vor Monaten darauf hingewiesen, dass ihr Athlet so gut drauf sei, dass er die Norm für die Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft in Ulm (7,65 m) schaffen wird. Der Verband sei also vorgewarnt gewesen. Rehm sprang die Norm bei einem Wettkampf in den Vereinigten Arabischen Emiraten im Februar dieses Jahres. Irgendwann habe man dann vom Verband mitgeteilt bekommen, dass Rehm in Ulm starten dürfe, so Nerius.

Biomechaniker werten Daten aus

Florczak hingegen berichtete davon, dass er vor zwei Monaten Kontakt mit Nerius aufgenommen habe. Ob Rehm nicht an einem Wettkampf in Dillingen teilnehmen könnte, da man dort – ähnlich wie in Ulm – aufwendige biomechanische Untersuchungen der Sprünge machen würde. In Dillingen wurde vor drei Wochen gesprungen. Florczak: „Erschienen sind Rehm und Nerius dort aber nicht.“

DLV-Präsident Clemens Prokop verwahrte sich gegen Vorwürfe, der DLV sei zu lange untätig gewesen. Schon Anfang des Jahres habe er auf „eine Feststellung“ durch Biomechaniker gedrängt, doch die notwendigen Rahmenbedingungen für entsprechende Untersuchungen herzustellen, sei zu schwierig gewesen. „Von vorne herein haben wir aber gesagt, dass Markus Rehm vorbehaltlich der nachträglichen Prüfung in Ulm starten wird.“

„Tag und Nacht“ würden die Biomechaniker jetzt die Daten auswerten. „Ich hoffe, dass die Ergebnisse schon Montagabend vorliegen werden“, sagte Prokop der Berliner Morgenpost. Sollten die Untersuchungen einen Wettbewerbsvorteil für Rehm nachweisen, wird ihn der DLV nicht für die EM nominieren. Anderenfalls wird Rehm gemeldet. Bis zum Mittwoch hat der DLV dafür Zeit.

„Es ist schon schade, dass ich mich für meine gute Weite rechtfertigen muss“, sagte Rehm, der selbst schnelle Aufklärung wünscht. „Kein Athlet freut sich über Erreichtes, wenn er es nicht fair erzielt hat.“ Christian Reif, in Ulm hinter Rehm Zweiter mit 8,20 m, versuchte, sich in Rehm hineinzuversetzen: „Niemand sollte vergessen, unter welchem Druck Markus stand.“ Rehm habe eine „großartige Leistung“ vollbracht. Dass er mit geschaffter EM-Norm nach Zürich fahren müsse, sei „der einzig richtige Weg“.

Der Fall Oscar Pistorius, als erster Behinderter bei Großereignissen der nicht Behinderten dabei, dürfte der IAAF nicht unbedingt als Vorgabe dienen. Der Südafrikaner, beidseitig beinamputiert, hatte seinen Start über 400 Meter bei der WM in Daegu 2011 und den Olympischen Spielen 2012 in London beim Internationalen Sportgerichtshof Cas erstritten, nachdem die IAAF Pistorius die Starterlaubnis verweigert hatte. Der Grund: Untersuchungen des Kölner Biomechanikers Gert-Peter Brüggemann hatten einen Wettbewerbsvorteil durch die Prothesen festgestellt. Der Cas kassierte das IAAF-Urteil damals ein, strich aber heraus, dass es sich bei Pistorius nur um eine Einzelfallentscheidung handele.

Die Causa Rehm spaltet. Sebastian Bayer, in Ulm mit 7,62 Metern enttäuschender Fünfter, sprach davon, dass das Bein mit der Prothese „gefühlt 15 Zentimeter länger als sein gesundes Bein“ sei. „Mein Sprungbein ist genauso lang wie das andere Bein.“ Er habe zu der ganzen Sache seine Meinung: „Man kann es machen, man muss es nicht.“

Nerius stellte klar: „Markus hat genauso viele Nachteile wie Vorteile. Der erste Nachteil ist, dass er unterschenkelamputiert ist. Ich bin froh, dass ich meinen Unterschenkel noch habe. Diesen Nachteil vergessen viele.“