Radsport

Kittel krönt eine Tour der Rekorde

Italiener Nibali siegt, aber nie gelangen deutschen Fahrern mehr Etappensiege

Für die deutschen Radprofis und den italienischen Gesamtsieger Vincenzo Nibali ist die 101. Tour de France am Sonntag glanzvoll zu Ende gegangen. Während Kittel wie im Vorjahr zum Abschluss der prestigereiche Sieg auf der Champs Elysees in Paris gelang und er für das beste deutsche Abschneiden in der Geschichte der Frankreich-Rundfahrt sorgte, stand Nibali am Abend im Gelben Trikot auf dem Siegerpodest in der französischen Hauptstadt. „Es ist ein toller Augenblick. Hier auf dem Podium zu stehen, ist schöner als ich es mir vorgestellt habe. Ich habe davon lange geträumt. Ich möchte meinen Teamkollegen danken“, sagte Nibali, der seine Worte auf dem Podest von einem Zettel ablas. Als dann die italienische Nationalhymne erklang, bekam der sichtlich bewegte Nibali feuchte Augen.

Aus deutscher Sicht lassen sich die 3660,5 Kilometer durch Frankreich wie folgt zusammenfassen: die schnellsten Sprinter, der beste Zeitfahrer, der älteste Teilnehmer und ein kleines Team, das große Taten vollbrachte, vor allem durch Kittels Sieg auf der Schlussetappe. Mehr Etappensiege als die sieben für Kittel und Co. bei der Tour 2014 hatte es nicht mal zu Zeiten von Jan Ullrich gegeben. „Wir haben im vergangenen Jahr schon gezeigt, dass der Radsport wieder gut dasteht. Mit unserer Performance können wir zufrieden sein. Ich hoffe, dass es in Deutschland ankommt“, sagte Tony Martin.

Der dreimalige Weltmeister hatte mit seinem überlegenen Sieg im Zeitfahren bereits am vorletzten Tag dafür gesorgt, dass der deutsche Tour-Rekord von sechs Etappensiegen aus den Jahren 1977 und 2013 eingestellt wurde. Neben Martin, der auch in Mulhouse triumphierte, hatten die deutschen Sprinter Kittel und André Greipel für die weiteren Erfolge gesorgt. Sportlich haben Kittel, Martin und Co. jedenfalls reichlich Argumente für eine Rückkehr der öffentlich-rechtlichen TV-Sender geliefert. Im September wollen ARD/ZDF offenbar darüber beraten. Die internationale Presse zeigte sich verwundert über den „Boykott deutscher Medien“ („L’Equipe“).

Kittel stürmte bereits beim Tour-Auftakt in Harrogate wie im Vorjahr zum Sieg und ins Gelbe Trikot. An den ersten vier Tagen schlug der blonde Sympathieträger gleich dreimal zu und bestätigte seinen Ruf als derzeit weltbester Sprinter. Als Kittel mal nicht konnte, war Greipel in Reims zur Stelle. Übertroffen wurden die Leistungen aber noch von Martin, der auf dem Weg nach Mulhouse eine beeindruckende 155-Kilometer-Flucht krönte und nach seinem Solo-Sieg schon mit Rad-Legende Eddy Merckx verglichen wurde.

International genießen Martin und Co. einen hervorragenden Ruf. Mit ihrer klaren Haltung in Sachen Doping stehen sie für Glaubwürdigkeit, wie Enthüllungsjournalist und Armstrong-Jäger David Walsh anmerkte: „Ihre Haltung gegen Doping ist glaubhaft, Martin und Kittel sind wirklich die Vertreter einer neuen Generation.“

Eine Tour der Rekorde war es für die Deutschen, da wollte auch Altmeister Jens Voigt nicht zurückstehen. Zum 17. Mal nahm er teil am französischen Nationalheiligtum und stellte den Rekord von George Hincapie aus den USA und dem Australier Stuart O’Grady ein. „Am ersten Tag hatte ich mit dem Bergtrikot mein Mini-Highlight“, sagte Voigt, der als fast 43-Jähriger aber auch erkennen musste, dass es „immer schwerer wird, in die Fluchtgruppen zu kommen“. Auch ein deutsches Team war zum ersten Mal nach vier Jahren wieder dabei. Das NetApp-Team stellte in Leopold König aus Tschechien gar den Tour-Siebten.