Leichtathletik

David Storl Deutscher Meister auf dem Münsterplatz

Der Weltmeister im Kugelstoßen siegt unter dem höchsten Kirchturm der Welt

Die Dämmerung hatte sich bereits über den Münsterplatz in Ulm gelegt, als David Storl seinen letzten Versuch hatte. Unter dem Jubel der 4000 Zuschauer wuchtete der zweimalige Kugelstoß-Weltmeister aus Chemnitz die Kugel auf 21,87 Meter. Mit weitem Vorsprung (der Zweite Christian Jagusch kam auf 19,73 Meter) gewann er damit seine vierte Deutsche Meisterschaft in Serie. Der 23-Jährige stößt in einer eigenen Liga. Noch nie in der 114-jährigen Geschichte der nationalen Titelkämpfe hat es eine solch außerordentliche Siegerweite gegeben.

Ein wenig schien er aber doch hin- und hergerissen zu sein, denn sein Traum, nein, sein Wunsch war es gewesen, erstmals in seiner Karriere über die magische 22-Meter-Marke zu stoßen. „Aber auch 21,87 sind aller Ehren wert, das stößt man nicht alle Tage“, meinte der 1,98 Meter große und 122 Kilogramm schwere Storl.

Es bleiben also nach wie vor drei lächerliche Zentimeter bis zu den 22 Metern. Am vergangenen Sonntag hatte er beim Meeting in London 21,97 Meter geschafft.

„Er hat sich anfangs etwas schwer getan“, bilanzierte Storls Trainer Sven Lang nach dem Wettkampf. Beim Einwerfen hatte sein Schützling noch deutlich über 22 Meter gestoßen. Zweimal hintereinander 21,32 m, 21,36 m, 21,58 m und eben 21,87 m lautete Storls beeindruckende Serie. Wobei sein ungültiger vierter Versuch noch weiter schien.

Es waren dennoch Storl-Festspiele auf dem Ulmer Münsterplatz. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hatte extra die Wettkämpfe der Kugelstoßer und Kugelstoßerinnen (Deutsche Meisterin wurde Christina Schwanitz mit 19,69 Metern) ausgelagert. Statt wie die anderen Wettbewerbe am Sonnabend und Sonntag im Donaustadion auszutragen, war eine Anlage mit Zuschauertribünen vor dem höchsten Kirchturm der Welt (161,53 Meter) installiert worden. Dröhnende Beats versetzten die Besucher und die Athleten zusätzlich in Stimmung. „Im Stadion stehen wir meistens im Schatten der Läufer und Springer, hier hatten wir die ganze Aufmerksamkeit. Das war eine tolle Erfahrung“, lobte Storl das Event. „Wahnsinn, dass 4000 Leute da waren“, freute sich Lang.

Es war also alles angerichtet dafür, dass der Chemnitzer als dritter Deutscher nach Europarekordler Ulf Timmermann (23,06 m/1988) und Olympiasieger Udo Beyer (22,64 m/1986) die besagte Marke knacken kann. Wobei die beiden DDR-Athleten allerdings zu Hochzeiten des Anabolika-Missbrauchs aktiv waren.

Diesmal hat es noch nicht geklappt. „Das ist jetzt kein Grund, traurig zu sein“, sagte Storl. Es ist mit Sicherheit nur eine Frage der Zeit, wann es das „Jahrhunderttalent“ Storl schaffen wird. „Langsam nervt es“, hatte er zuletzt ziemlich dünnhäutig auf Fragen reagiert, wann ihm denn endlich der ganz besondere Wurf gelingen würde.

Vielleicht war ihm auch eine leichte Verletzung am linken Knie im Weg, die ihn hat vorsichtig werden lassen. Bereits bei seiner neuen persönlichen Bestleistung in London hatte er daher mit einer etwas anderen Technik gestoßen. Nach Aussage von Lang könne Storl dadurch bis zu einem Viertelmeter verlieren. Es ist noch viel möglich.

Storl hat auf alle Fälle – wie auch Schwanitz – bei der EM in Zürich (12. bis 17. August) die Favoritenbürde zu tragen. In Europa kommt niemand annähernd an die beiden heran. Lang ist sich sicher: „David kann sich eigentlich nur selbst besiegen.“