Leichtathletik

Sprünge unter Vorbehalt

Markus Rehmer startet mit Prothese bei den Deutschen Meisterschaften der Leichtathleten. Ihm begegnet viel Skepsis

Gerade mal 14 Jahre jung ist Markus Rehm, als er beim Wakeboarden auf dem Main, in der Nähe von Kitzingen, ins Wasser stürzt und von einem Motorboot überfahren wird. Die über ihn hinwegjagende Schiffsschraube zerfetzt beide Beine. In der Uniklinik Würzburg können die Ärzte zwar sein Leben retten, einen seiner Unterschenkel allerdings nicht. Drei Tage nach dem Unfall müssen die Mediziner unterhalb seines rechten Knies amputieren, um eine drohende Blutvergiftung zu verhindern.

Es ist ein Schicksalsschlag, an dem junge Männer zerbrechen können. Rehm aber nicht. Statt zu hadern und in Apathie zu versinken, beginnt er trotz seines Handicaps weiter für seine Passion, den Sport, zu kämpfen – und geht beharrlich seinen Weg. Heute ist Markus Rehm 25 Jahre alt, er trägt eine Unterschenkelprothese und ist als Weitspringer ein bewunderter Star der Szene. Bei den Paralympics 2012 in London hat er die Goldmedaille gewonnen. Und klar, auch den Weltrekord hält er mit 7,95 Metern in seiner Disziplin.

Der Athlet vom TSV Bayer 04 Leverkusen springt inzwischen derart überragend, dass ihm ernsthafte Konkurrenten im Feld der Behindertensportler ausgehen. Darum stellt er sich nun einer neuen Herausforderung: Als erster Sportler mit Handicap wird Rehm am Sonnabend bei den Deutschen Meisterschaften in Ulm starten, nachdem sich der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) und der Deutsche Behinderten-Sportverband (DBS) über eine Starterlaubnis geeinigt haben.

Verband gibt Gutachten in Auftrag

Markus Rehm ahnt, wie sensibel die ganze Situation werden kann. „Fliege ich im Vorkampf raus, werden viele sagen: Schön, dass du da warst, tolle Außenseitergeschichte. Lande ich aber weiter vorn, bedeutet dies gleichzeitig, dass mehrere Konkurrenten hinter mir sind“, so Rehm. „Und dann werden die Diskussionen sicherlich groß sein – über vermeintliche Vorteile für mich.“ Eine Frage wird sich nicht vermeiden lassen: Welche Rolle genau spielt Rehms Prothese für seine Resultate?

Die Norm für die Deutschen Meisterschaften erfüllte der gebürtige Göppinger im Februar bei einem Meeting in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit einem Sprung über 7,65 Meter. Anfang des Jahres, bei seiner ersten Teilnahme an einem Wettbewerb Nicht-Behinderter, hatte er die Nordrhein-Meisterschaften in Leverkusen mit 7,61 Meter gewonnen. Noch am selben Abend wurde Rehm zunächst aus der Wertung gestrichen, diese Entscheidung revidierte das Kampfgericht jedoch am nächsten Tag. Der DLV gab daraufhin ein wissenschaftliches Gutachten in Auftrag.

Die Kampfrichter empfanden die Situation als unglücklich, erinnert sich Rehms Trainerin Steffi Nerius, 42. Erfahrungswerte fehlten und fehlen, die Unsicherheit ist groß. Deshalb setzen Rehm und seine Trainerin, die 2009 in Berlin Weltmeisterin im Speerwurf wurde, auf die Ergebnisse einer biomechanischen Leistungsdiagnostik, die Sportwissenschaftler in Ulm vornehmen werden. Bis die Ergebnisse abschließend vorliegen und diskutiert sind, werden Monate vergehen. So lange rangieren Rehms Resultate „unter Vorbehalt“.

Viele Fragen offen, und die Klischees in den Köpfen kaum zu bändigen, das sind die Prämissen vor Rehms Start bei den „Normalen“. Wie etwa jenes Vorurteil, dass seine Prothese besondere Katapulteffekte zeitige. „Wir haben es vor einigen Jahren schon am Beispiel von Oscar Pistorius erlebt (doppelt beinamputierter mehrfacher Paralympics-Goldläufer, der gerade in Südafrika des Mordes angeklagt ist, d. Red.). Die Annahme, dass er einen Vorteil gegenüber Nicht-Behinderten hat, wurde damals wissenschaftlich widerlegt. Aber das Vorurteil steckt weiter in den Köpfen“, so Nerius.

Trotzdem bleibt die Unterstellung, dass ein technisches Hilfsmittel wie eine Prothese einen unfairen Vorteil bedeuten könne. Rehm findet das „schon komisch“. Früher hätten sich die Menschen gewundert, wie er überhaupt Fahrrad fahren könne. „Jetzt heißt es: Du hast einen Vorteil durch deine Prothese!“

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Behinderten-Sportverbandes, ist zunächst froh über die Einigung mit dem DLV über Rehms Startberechtigung: „Das ist ein ebenso konsequentes wie richtiges Signal“, betont der 67-Jährige. Durch die anstehende wissenschaftliche Analyse werde „dem Vorwurf des vermeintlichen Vorteils fachlich begegnet“.

Rehm weiß, dass ihn viele Konkurrenten in Ulm nicht ohne Misstrauen beäugen werden. Und er weiß: Solang sie vor ihm landen, werden sie ihm applaudieren. Doch was, wenn nicht? Wenn ihm gar ein Satz von 8,05 Meter gelingt, die Qualifikationsweite für die Europameisterschaft? Plötzlich würden ganz neue, knifflige Fragen auftauchen. Müsste Rehm dann nicht eigentlich bei der EM in Zürich (12. bis 17. August) für Deutschland starten dürfen, auch wenn sein Resultat „unter Vorbehalt“ verbucht wird?

„Konflikte sind vorhersehbar“, meint Helmut Digel: „Ein Konflikt entsteht zum Beispiel auch in dem Moment, wo Preis- oder Antrittsgeld im Raum steht“, erläutert der DLV-Ehrenpräsident, „wo ein Behindertensportler einen Nicht-Behinderten nämlich von einem Startplatz verdrängt. Wir haben es ja im Spitzenbereich mit halbprofessionellen Athleten zu tun.“ Und bei denen gehe es natürlich auch um finanzielle Effekte.

Digel möchte nicht missverstanden werden. Er sagt: „Behindertensportler haben Anerkennung für ihre tollen Leistungen verdient. Aber wir haben die Aufgabe, sicherzustellen, dass Leistungen vergleichbar sind. Dass alles fair bleibt.“

Und sei es denn – im Umkehrschluss – nicht unfair, so Digel zugespitzt, wenn Sportlern ohne Handicap der Weg in den paralympischen Sport verschlossen sei? „Wenn Druck herrscht, dass man alle zu inkludieren hat, gleichsam keine Unterschiede mehr zu machen, stellt sich die Frage: Ist das vorteilhaft? Was haben die Behinderten davon?“

Gerhard Janetzky ist Inklusions-Beauftragter im Präsidium des DLV, sein Credo lautet: „Fair Play geht vor Inklusion.“ Der Berliner erhofft sich, dass in Folge der Causa Rehm eine Art „Prothesen-TÜV“ im Dialog mit Herstellern in Deutschland installiert werde. „Wir müssen eine Regelung finden, die objektiven Kriterien standhält.“ Zumal Fragen der Inklusion – also die Möglichkeit für jedermann, sich vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen – in der Leichtathletik vor allem den Breitensport beträfen. Normierte, vom DLV zugelassene Prothesen-Modelle würden Kampfrichtern ihre Arbeit wesentlich erleichtern.

Konflikte sind vorhersehbar

„Wir wollen Inklusion, wollen Sportlern mit Behinderung Gleichberechtigung so weit wie möglich einräumen. Aber wir wollen ihnen keine Vorteile geben“, betont DLV-Präsident Clemens Prokop. Die zentrale Frage laute daher: „Wo endet Inklusion – und wo beginnt Wettbewerbsverzerrung?“

Sind die Voraussetzungen, unter denen Markus Rehm seine anerkannt außergewöhnlichen Leistungen erbringt, also vergleichbar mit denen nicht-gehandicapter Weitspringer? „An meiner Skepsis hat sich nichts verändert“, sagt Prokop: „Aber ich bin bereit, hinzuzulernen.“ DBS-Chef Beucher meint: „Wenn am Ende herauskommt, dass Markus Rehm einen Vorteil durch seine Prothesen hat, dann hat er eine nicht vergleichbare Leistung erbracht.“ Dann werden sich die Vorbehalte gegen weitere Teilnahmen nie zerstreuen lassen.

Rehm gibt zu bedenken: „Die gesamte Leistung auf die Prothese zu schieben und dies den Gehandicapten vorzuwerfen, ist schlichtweg falsch.“ Es sei eine logische Konsequenz, dass die Leistungen durch die zunehmende Professionalisierung des paralympischen Sports immer besser würden. Rehms Trainerin Steffi Nerius sagt: „Wenn jemand Markus’ Weiten bloß auf die Prothese reduziert – das kann ich gar nicht hören. Da werde ich böse. Das ist unfair.“

Umso spannender wird es für die Zuschauer in Ulm (und am Sonnabend auch im ZDF) zu beobachten sein, wie sich der Paralympics-Sieger im Feld der Acht-Meter-Springer mit Christian Reif, Sebastian Bayer und Co. behaupten wird. Gerhard Janetzky sagt zum Beispiel: „Ich würde mich riesig freuen, wenn Markus Rehm aufs Treppchen kommt.“