Aufregung

Bayern in ständiger Unruhe

Sammer macht sich sportliche Sorgen, hinzu kommen Irritationen durch Häftling Hoeneß

Ja, es gab erfreuliche Erkenntnisse nach dem 1:1 des FC Bayern im Benefizkick beim MSV Duisburg. Für den Gastgeber etwa, dass fast 25.000 Zuschauer mit ihrem Eintritt die leeren Kassen des Drittligavereins auffüllten. Und für die Münchner, dass der neue Stürmer Robert Lewandowski Tore schießt. Und dass Holger Badstuber das zweite Spiel nach 19-monatiger Zwangspause problemlos übersteht.

Ansonsten ließ der Ausflug in den Westen viele Fragen offen. Werden einige Spieler, die Trainer Pep Guardiola auf das Feld schickte, jemals in der Bundesliga zu sehen sein? Spieler wie Basta. Walter. Sieghart. Steinhart. Wen werden die Bayern noch verpflichten? Und wie schnell finden die Weltmeister nach dem Urlaub zurück in die Mannschaft? Die Frage, die in München derzeit noch mehr Aufregung verursacht: Wie geht es mit Uli Hoeneß weiter?

Am Montagabend, als der Bayern-Tross in Duisburg gerade zusammenpackte, waren wieder Schlagzeilen über den ehemaligen Manager und Bayern-Präsidenten zu lesen. Dass der wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilte Hoeneß nicht mehr in der JVA Landsberg sitze, sondern in einem Krankenhaus im Süden von München liege. Wegen eines Routineeingriffs am Herzen, so vermeldete „Bild“, sei Hoeneß verlegt worden. Heimlich und unter falschem Namen – in die ehemalige Privatklinik von Valentin Argirov, dem einstigen Leibarzt von Franz Josef Strauß, die heutige „Schön Klinik“ am Ufer des Starnberger Sees. Eine seit Wochen geplante Routinebehandlung, die statt auf der Krankenstation der JVA zwingend in einer Spezialklinik durchgeführt werden musste, heißt es. Erst nach vollständiger Erholung soll Hoeneß zurück ins Gefängnis.

Sofort auf der Krankenstation

Nach der Verurteilung Mitte März sollte es eine Zeit lang ruhig werden um Hoeneß. Er würde in Landsberg einer von vielen Insassen sein und einem geregelten Häftlingsalltag nachgehen. Aufstehen noch vor sechs Uhr, ein Job in der Wäscherei. Es hieß, Hoeneß würde keine Sonderrechte genießen.

Doch dann rückte Hoeneß viel später als erwartet am 2. Juni in Landsberg ein. Anfang Juli wurden Details von seinem Leben hinter Gittern bekannt. Der Zeitung „TZ“ wurden Informationen zugespielt, nach denen Hoeneß von Anfang an krankgeschrieben gewesen sei, was zur Folge habe, dass er statt in einer gewöhnlichen Vier-Mann-Zelle abgeschottet auf der Krankenstation liegen würde – in Zelle 108 mit einem richtigen Bett mit Matratze, mit Fernsehen auf einem 21-Zoll-Flachbildschirm ohne zeitliche Beschränkung und mit nur noch einem weiteren Zimmergenossen, dem Münchner Gynäkologen Christian K., 67. Jener Arzt, der mit einer als Kugelschreiber getarnten Filmkamera Frauen im Intimbereich gefilmt hatte und bei dem die Polizei obendrein im Keller auch noch ein Waffenarsenal mit 351 Schusswaffen fand, was ihm in der Boulevardpresse den Spitznamen „Dr. Kalaschnikow“ einbrachte.

Am Sonntag nun folgten Berichte über Anträge der Hoeneß-Anwälte für eine Hafterleichterung, durch die der 62-Jährige dann ab September Freigänger sein könnte. Nun das Herz, die Klinik, der Starnberger See – und was kommt jetzt noch?

Es ist davon auszugehen, dass Details über Hoeneß’ Werdegang auch in den nächsten Wochen für Wirbel sorgen werden – nicht abzuschätzen ist, ob und wie sehr das den FC Bayern beeinflussen wird. Fakt ist, Hoeneß beschäftigt den Verein und die Spieler immer. Erinnert sei ans WM-Finale, nach dem Bastian Schweinsteiger in der Stunde des großen Triumphs via Fernsehen eine Grußbotschaft sendete. „Ein ganz spezieller Gruß geht an jemanden, ohne den wir alle nicht hier wären: Uli Hoeneß! Vielen Dank für Ihre Unterstützung. Wir glauben daran, dass alles gut wird. Wir unterstützen Sie sehr.“

Ist Uli Hoeneß aber derzeit seinerseits eine Unterstützung für die Bayern? Oder eher eine Belastung? Vieles ist ungewiss, genau ein Monat vor dem Bundesliga-Auftakt am 22. August gegen Wolfsburg.

Auch Sportdirektor Matthias Sammer wirkte ziemlich ratlos am Montagabend nach dem 1:1 in Duisburg und blickte angespannt in die nähere Zukunft. Erst am 5. August, also während der USA-Reise des FC Bayern (30. Juli bis 7. August), werden die Weltmeister sowie auch der Niederländer Arjen Robben und der Brasilianer Dante aus dem Urlaub zum FC Bayern zurückkehren, zweieinhalb Wochen vor dem Ligastart. „Mir machen die Unbekannten Sorgen“, sagte Sammer darum, „ich weiß, dass die Spieler zurückkommen, ich weiß, dass sie heiß sein werden, ich weiß aber nicht, ob sie müde sein werden. Was mir Sorgen macht, dass von einem vernünftigen Aufbau aus leistungssporttechnischen Gründen nicht die Rede sein kann und damit einhergeht, dass die, die wenig Vorbereitung haben, relativ schnell ins Rennen müssen. Und stellen Sie sich vor, wenn die Ergebnisse am Anfang nicht so stimmen, dann entsteht sofort Druck.“

Sammer erwägt neue Transfers

Grenzenloser Optimismus klingt anders. Der Bayern-Sportdirektor sprach sogar von Ängsten: „Die Verhältnismäßigkeit zwischen Aufbau und keine Zeit zu haben, die macht mir Angst, plus die Tatsache, dass es zu Verletzungen kommen könnte, weil du dann gar nichts mehr im Griff hast. Wir müssen uns darüber Gedanken machen, ob es Konsequenzen hat.“ Damit meinte er etwaige Einkäufe auf dem Transfermarkt.

Interesse am Kolumbianer Juan Cuadrado (AC Florenz) dementierte Sammer („Totaler Blödsinn“) zwar, aber was heißt das in dieser Phase schon. Es steht zu befürchten, dass es für den FC Bayern noch ein quälend zäher Monat wird bis zum Ligastart. Und dass der Fußball für weniger Aufregung sorgt als ein Häftling. Das ist die Höchststrafe.