Tour de France

Überlebenskampf am Limit

Der Berliner Jens Voigt will bei seiner letzten Tour unbedingt Paris erreichen

Michael Rogers verbeugte sich noch vor dem Zielstrich hochachtungsvoll und vollendete mit Tränen in den Augen sein Meisterstück. Der Australier triumphierte auf der 16. Etappe der 101. Tour de France, der 34-Jährige vom Tinkoff-Saxo gewann in den Pyrenäen das längste Teilstück über 237,5 Kilometer von Carcassonne nach Bagneres-de-Luchon. Für den früheren T-Mobile-Profi und Edelhelfer des verletzt ausgeschiedenen Alberto Contador war es der erste Sieg bei der Tour. Das Gelbe Trikot des Gesamtführenden trägt weiter der Italiener Vincenzo Nibali (Astana).

Von Führungskilometern, Etappensiegen oder Trikots ein gutes Stück entfernt, steht Jens Voigt seinen Mann. „Das ganze Kaleidoskop“, sagt der Radsport-Altmeister, habe er erlebt bei dieser Tour de France, seiner 17. und wahrhaftig letzten. Die Freude, gut genug für eine Nominierung gewesen zu sein. Der Genuss, wenn ihm die Menschen applaudieren. Aber auch das Leiden, wenn der Schmerz der Anstrengung durch den Körper kriecht, und ein bisschen Angst, wenn der beinharte Kampf um die Positionen das Sturzrisiko deutlich erhöht. Jens Voigt hat es bald geschafft, die Pyrenäen muss er noch durchstehen – sich auf der Königsetappe am Donnerstag ein letztes Mal über den Col du Tourmalet quälen. Spätestens dann ist Paris ganz nah. Der fast 43-Jährige, er hat 2:42 Stunden Rückstand auf Nibali, würde die französische Metropole zum 14. Mal in seiner Tour-Karriere erreichen, sich noch einmal feiern lassen von den Millionen Menschen, die den Prachtboulevard Champs Elysees am Sonntag wieder säumen werden. „Ein toller Augenblick, das werde ich noch mal in vollen Zügen genießen“, sagt der Berliner.

Seine letzte Frankreich-Rundfahrt war bisher keine Spazierfahrt, keine Abschiedstour, bei der Voigt täglich fröhlich winkend mit der Menge abklatscht und Champagner schlürft. Das kann er machen, wenn die 3664 Kilometer geschafft sind und die Ehrenrunde absolviert wird. „Es war schwere Arbeit für mich“, sagte der Profi des Teams Trek. Helferdienste hatte er zu verrichten vor allem für den Luxemburger Fränk Schleck, der noch in die Top 10 der Gesamtwertung möchte.

So wird es wohl auch auf den verbleibenden Kilometern seines Tour-Lebens sein. Die Pyrenäen sind für Voigt ein Ort des sportlichen Überlebenskampfes geworden. Früher hätte er dort der Konkurrenz zugesetzt. „Vor zehn Jahren hätte ich gesagt: Na klar greife ich an. Jetzt gucke ich, wo das Zeitlimit ist. Man wird demütiger“, sagt Voigt. Und so denkt Voigt darüber nach, was passiert, wenn es endgültig vorbei ist am Saisonende. „Man ist ein bisschen unsicher. Ich bin jetzt in meinem 33. Jahr Radfahrer, also ein Drittel eines Jahrhunderts. Wenn das auf einmal weg ist, das ist schon ein großer Schnitt in meinem Leben – ein respekteinflößender Gedanke.“

Vielleicht macht er als sportlicher Leiter in seinem Team weiter, vielleicht kehrt er im nächsten Sommer als TV-Experte zur Tour zurück – Voigt weiß das noch nicht. „Vielleicht bin ich auch am Baggersee mit unseren sechs Kindern und grille.“ Die Große Schleife ohne Jens Voigt – es ist nicht mehr weit bis dahin. 1998 debütierte er bei der Ausgabe, die durch den Festina-Skandal als „Tour de Dopage“ in die Analen eingegangen ist. Voigt gewann in seiner Laufbahn zwei Etappen, er trug zweimal das Maillot jaune (Gelbe Trikot), er eroberte zum diesjährigen Auftakt in Yorkshire noch einmal das Bergtrikot.

Er tritt ab mit dem Teilnahmerekord und der Ansicht, dass der Radsport etwas Besseres als ein Schmuddel-Image verdient hat. „Ich sehe in dieser Tour nicht ein einziges Ergebnis, das nicht erklärbar ist mit Trainingsfleiß und Talent. Das Roboterhafte gibt es heute nicht mehr. Da bin ich sicher“, sagt Voigt. Und dass er mit seinen fast 43 Jahren noch mitfahren könne, sei ein weiteres Indiz. „Wer vernünftig trainiert und hart arbeitet, der hat seine Chancen.“