Fußball

Einsam in der Schaltzentrale

Weil diverse Spieler angeschlagen sind, hegt Hertha-Trainer Luhukay seinen Zugang Hegeler

Jos Luhukay nahm sich nach dem Trainingsende am Vormittag noch etwas Zeit. Während die meisten Spieler sich zur Regeneration kurz in die Eistonne setzten, Fotos mit mitgereisten Fans machten oder zum Hotel gingen, saß der Hertha-Trainer etwas abseits vor einer Ersatzbank und sprach mit Jens Hegeler. Eine Viertelstunde saßen die beiden auf dem Rasen. Der Niederländer schützte sich mit einem Baseballmütze vor der Mittagssonne, während der Mittelfeldspieler im Schneidersitz vor ihm saß.

Das 15-minütige Gespräch zeigt, dass Hertha gerade besonders auf den Zugang aus Leverkusen angewiesen ist. Denn mit dem Ausfall von Tolga Cigerci und der etwas in die Ferne gerückten Verpflichtung von Per Skjelbred wird es eng auf der Schalterposition im Mittelfeld, wie Luhukay die Schnittstelle zwischen Abwehr und Angriff bezeichnet.

Aus der zweiten Hälfte der vergangenen Saison hat die sportliche Leitung der Berliner ihre Schlüsse gezogen. Nachdem sich die Gegner auf Herthas schnelles Konterspiel eingestellt hatten und zusätzlich Leitfiguren wie Fabian Lustenberger ausfielen, konnten die nachrückenden Spieler die Leistung nicht unbedingt gleichwertig bringen. Zusätzlich hat sich Herthas finanzielle Situation durch den Einstieg von Investor KKR und die Transfers von Adrian Ramos (9,7 Millionen Euro) und Pierre-Michel Lasogga (8,5 Millionen Euro plus Zusatzzahlungen) signifikant verändert. Statt nur nach preiswerten und flexibel einsetzbaren Spielern suchen zu müssen, ging es nun darum, die Positionen gleichwertig doppelt zu besetzen. Deshalb haben die Berliner bereits sieben statt der anvisierten vier Neuen verpflichtet. Und ein weiterer Stürmer soll auch noch kommen.

Die Neuen geben gute Impulse

Jens Hegeler entspricht beiden Intentionen. Einerseits besetzt er die Schalterposition, andererseits ist er flexibel einsetzbar. Er hat sowohl Innenverteidiger als auch die Außenpositionen und im Zentrum auf der Zehnerposition gespielt. Im Gespräch nach dem Training erklärte ihm Luhukay die genaue Planung: „Er wird im Mittelfeldzentrum zum Einsatz kommen. Ich habe ihm gesagt, dass er sich nicht mehr auf die Außenpositionen ausrichten braucht.“ Der Test beim Regionalligisten SV Rödinghausen (2:0) hat dem Niederländer gezeigt, dass dort mit Genki Haraguchi und Roy Beerens die Zugänge bereits gute Impulse bringen.

Anders sieht es in der Mittelfeldzentrale aus, die bei Hertha traditionell gut besetzt ist. Doch aktuell stehen für die defensive Position vor allem Hajime Hosogai und Peter Niemeyer zur Verfügung. Und auf der offensiveren Stelle ist Hegeler fast alleine. Im Testspiel kam dort Talent Hany Mukhtar zum Einsatz. Der ist allerdings am Mittwoch zur U19-Europameisterschaft nach Ungarn gefahren und wird mindestens bis 25. Juli fehlen. Sollte Deutschland ins Finale kommen, sogar noch eine Woche länger.

Luhukay unterstützt diese Reise zum Turnier ausdrücklich. Die Spieler sammeln dort Erfahrung und kommen reifer zurück. Nur verletzen sollte sich Mukhtar möglichst nicht. Denn eine genaue Rückkehr von Tolga Cigerci (Kapselverletzung im Zeh) und Fabian Lustenberger (muskuläre Probleme im Oberschenkel) ist nicht prognostizierbar. „Ich wünschte, ich könnte das sagen. Dann könnte ich mich auf den Tag freuen, an dem sie wieder ins Training einsteigen“, sagte Luhukay. Für den Trainer ist das Fehlen gerade in der Vorbereitung ärgerlich. Die Mannschaft trainiert, baut körperliche Grundlagen auf und stimmt verschiedene Spielsysteme für die Bundesliga-Saison ab. Cigerci oder Lustenberger müssen körperliche Rückstände aufholen. „Jeder Spieler wird von Tag zu Tag, von Woche zu Woche besser, stärker und kommt in den Rhythmus. Wenn man nicht dabei ist, fehlt etwas. Auch vom Inhalt her. Deshalb ist das für fehlende Spieler schade und für uns als Verein bitter“, sagte Luhukay.

Immer im Gefecht

Jens Hegeler kennt die Problematik. Er machte seit einen Syndesmosebandriss im rechten Fuß im Frühjahr kein Pflichtspiel mehr. Die Verletzung an sich spürt er nicht mehr. „Das bereitet mir keine Schmerzen mehr“, sagte der 26-Jährige. Auch das Thema klopfte Luhukay im Gespräch mit dem gebürtigen Kölner ab. Denn Hegeler steht nicht nur im Zentrum des Feldes, sondern auch im Fokus. Beim Spiel mit zwei Sechsern, soll er den offensiveren Part übernehmen. Beim Spiel mit einem Sechser, für den Hosogai gesetzt ist, würde Hegeler beispielsweise gemeinsam mit Ronny die beiden Achterpositionen besetzen.

Ihm selbst gefällt die Aussicht: „Das ist eine anspruchsvolle Position, die viele Aufgaben beinhaltet: Räume zulaufen, Zweikämpfe führen und Aktionen einleiten. Man steht immer mitten im Gefecht.“ Und gefechtsbereite Spieler braucht Hertha jetzt besonders.