Einzelkritik

Die Klasse von 2014

Das Abschlusszeugnis für die 23 deutschen Weltmeister von Brasilien: Von Sprechern, Strebern, Clowns und Raumdeutern

An Deutschlands Klasse von 2014 dürfte man sich noch lange erinnern. Die Morgenpost veröffentlicht das Abschlusszeugnis der Absolventen, die auf Klassenfahrt nach Brasilien gingen, um die Fußballwelt zu verändern.

Manuel Neuer (28 Jahre/7 WM-Einsätze/0 Tore): Unüberwindbarer Streber. Am Ende des Turniers gingen ganz einfach die Superlative für den besten Torhüter der Welt aus. Note: 1 mit Sternchen.

Roman Weidenfeller (33/0/0): Hatte Fürsorgepflicht als zweitältester der Klasse: Wasserflaschen reichen, aufmunternde Po-Klapse verteilen, den Gegner mit böse Blicken einschüchtern. Seine Nominierung hat sich gelohnt. Note: 2.

Ron-Robert Zieler (25/0/0): Der Hannoveraner darf seinen Enkelkindern später zweierlei erzählen: Er war irgendwie dabei, als Deutschland Weltmeister wurde. Und er hat sechs Wochen lang den Unterricht mit Manuel Neuer, dem Star der Schule, genießen dürfen. Note: 3.

Philipp Lahm (30/7/0): Der Klassensprecher wollte gern Mittelfeldspieler, musste dann einsehen, dass er rechts in der Viererkette noch wertvoller für das Team ist. Hat eine goldene Ära des deutschen Fußballs geprägt und sich nach einem überragenden Finale ein Philipp-Lahm-Denkmal in München-Gern verdient. Note: 2.

Jerome Boateng (25/6/0): Brachte die besten Fußballer der Welt der Reihe nach zur Verzweiflung. Wenn er weiterhin rechts in der Abwehr genauso weltmeisterlich überzeugen kann wie im Abwehrzentrum, dann braucht sich der gebürtige Berliner nun wirklich nicht wundern, wenn er auch in der Zukunft mal hier und mal dort spielen wird. Note: 2.

Per Mertesacker (29/6/0): MC Mertesacker hat die deutsche Musikbranche um einen Hit bereichert: Eis, Eis, Tonne. Rhetorisch weltmeisterlich. Zeigte Größe, als er ab dem Viertelfinale die Rolle des Wasserträgers und Chefantreibers von der Bank aus formidabel gab. Note: 2.

Mats Hummels (25/6/2): Nach dieser herausragenden WM dürfte der Dortmunder Mädchenschwarm auch Soja Latte zum neuen Nationalgetränk der Deutschen erklären. Nur ausgerechnet im Finale vermasselte er sich die eigentlich verdiente 1. Deswegen: Note: 2.

Benedikt Höwedes (26/7/0): Panini hatte vom Schalker Innenverteidiger keine Aufkleber angefertigt und musste ihn im „Ergänzungspäckchen“ anbieten. Mauerte die für ihn ungewohnte linke Seite zu und spukte bei Standards im gegnerischen Klassenraum herum. Ist dem „Ergänzungspäckchen“ entwachsen. Note: 2.

Kevin Großkreutz (25/0/0): Der Dortmunder Klassenclown konnte nach der Pipi-Affäre vom Pokalfinale in Berlin seine Degradierung zum Null-Minuten-WM-Touristen nicht verhindern. Note: 4.

Shkodran Mustafi (22/3/0): Direkt vor der WM konnte es der Verteidiger gar nicht glauben, dass er tatsächlich für den verletzten Marco Reus mit durfte. Und nach einem suboptimalen Turnier versteht man auch, warum. Note: 4.

Erik Durm (22/0/0): Der Dortmunder blieb Hinterbänkler, kann aber auf einen sympathischen Auftritt in der Pressekonferenz verweisen. Note: 3.

Matthias Ginter (20/0/0): Der Freiburger durfte nicht mitmischen. Das dürfte sich nächstes Schuljahr ändern. Note: 3.

Sami Khedira (27/5/1): Der Mittelfeldprimus kehrte fast acht Monate nach dem Riss seines Kreuz- und Innenbandes so stark auf den Rasen zurück, dass nur übernatürliche Kräfte eine Erklärung sein können. Setzte sich selbst nach einer grandiosen WM 2010 mit der WM 2014 ein monumentales Fußball-Denkmal – auch wenn er im Finale passen musste. Note: 1.

Bastian Schweinsteiger: (29/6/0): Man hatte ihm schon die Versetzung verweigern wollen, er reagierte darauf mit Mundfaulheit. Zeigte mit fortschreitendem Turnierverlauf aber seine strategischen Fähigkeiten und dirigierte seine Klasse mit der Erhabenheit eines Maestros zum Titel. Von ihm wird man sagen, er sei einer der komplettesten deutschen Mittelfeldspieler aller Zeiten gewesen. Note: 1.

Mesut Özil (25/7/1): Unter vielen Gewinnern war der Londoner einer von wenigen Verlierern. Wirklich mies spielte er nicht, aber von einem Einserschüler erwartet man einfach mehr. Damit ist klar: Die beste deutsche Mannschaft aller Zeiten hat noch Entwicklungspotenzial. Note: 3.

Lukas Podolski (29/2/0): Man könnte jetzt anfangen, über das Sorgenkind der Klasse zu maulen. Sein antiquiertes Spielverständnis und seine fehlende Flexibilität bemängeln. Oder man lässt es einfach und gratuliert einem der letzten Vertreter der Generation Sommermärchen. Note: 4.

Christoph Kramer (23/3/0): Konnte sein Glück kaum fassen, zunächst überhaupt in die WM-Klasse versetzt zu werden – und dann auch noch beim Finale spielen zu dürfen. Fast wäre er ein tragischer Überraschungsheld geworden. Note: 2.

André Schürrle (23/6/3): Spezialkraft und Finaltor-Vorbereiter. Sauste durch des Gegners Abwehrreihen, wenn Lehrer Löw ihn ließ. Erzielte drei Treffer nach Einwechslungen und ist damit der Joker-König der WM. In Erinnerung bleibt aber seine Vorlage zu Götzes Finaltor. Note: 2.

Julian Draxler (20/1/0): 13 Minuten lang war der Schalker beim historischen 7:1-Halbfinalsieg gegen Brasilien auf dem Platz dabei. Dem zweitjüngsten Nationalspieler gehört die Zukunft, die Gegenwart durfte er von den hinteren Plätzen aus in Ruhe genießen. Note: 3.

Mario Götze (22/6/2): Rahn, Müller, Brehme, Götze. Mit dieser Chronologie der Großen wird sich der nicht immer glückliche WM-Schüler schnell arrangieren können. Note: 2.

Toni Kroos (24/7/2): Herausragend! Wenn man sein Spiel einrahmen könnte, dann müsste man dieses Fußball-Gemälde im Louvre ausstellen. Kroos ist Deutschlands bester Mittelfeldantreiber seit Lothar Matthäus 1990. Note: 1.

Thomas Müller (24/7/5): Überrascher, Raumdeuter, Medienhengst – ständig auf Sendung war „Radio Müller“, wie ihn sein Entdecker Hermann Gerland in München nennt, der Streber in der WM-Klasse, den alle lieben – die personifizierte Genialität und Normalität. Note: 1 mit Sternchen.

Miroslav Klose (36/5/2): Kann irgendjemand ernsthaft und plausibel erklären, warum der Klassenälteste nicht auch noch 2018 in Russland und 2022 in Katar Deutschlands Tore schießen soll? Eben! Lange Rede, kurzer Sinn: Er ist ganz einfach der Beste. Note: 1.