Weltmeister

Wir haben den Pokal – auch dank meines Mannes!

Vier Wochen hat er sich geschunden, gebrüllt und gefiebert – Beobachtungen unserer Autorin Susanne Leinemann

Mein Mann ist Weltmeister. Vier Wochen totaler Einsatz und Schinderei liegen hinter ihm. So einen Pokal bekommt man nicht geschenkt. Der Spitzensport verlangt eiserne Disziplin. Das gilt natürlich auch für einen echten Fußball-Fan. Doch es hat sich gelohnt!

31 Tage war er total fokussiert. Nur die Besten halten Public Viewing bis Mitternacht durch, schauen Vorrundenspiele wie Chile gegen Australien oder Japan gegen Griechenland. Gerade am Anfang ist es wichtig, die Disziplin auf der Fanmeile nicht schleifen zu lassen. Keinen Gegner zu unterschätzen, alle auf der Großleinwand im Blick zu haben. Gut, am Ende hat sich kein Außenseiter bis in die Finalspiele durchgesetzt. Aber wie viele große Mitstreiter – seine langjährigen Konkurrenten – musste mein Mann bereits in den ersten beiden Wochen straucheln sehen? Spanien, Italien, England, Portugal. Sie alle hatten die Sache zu leicht genommen. Mein Mann dagegen nicht, er blieb eisern dabei. Sogar das öde Halbfinale Holland gegen Argentinien hielt er bis 0.48 Uhr durch. Viele Sportkameraden waren da längst auf der Strecke geblieben und hatten vor Müdigkeit aufgegeben, waren nach Hause gegangen. Nicht mein Mann!

Natürlich geht dieses Dauerstehen auf der Fanmeile extrem in die Beine. Super wichtig ist deshalb die richtige Ernährung, da war mein Mann total streng. Bratwurst, Bratwurst, Bratwurst. Etwas anderes kam ihm in diesen Tagen nicht ins Brötchen. Gut, ein bisschen Varianz musste sein – mal ein Nackensteak vom Grill dazwischengeschoben, zur Not auch mal Geflügel. Hauptsache Fleisch. Andere Lebensmittelarten galt es, streng zu vermeiden – alles was Vitamine enthält! In diesem Bereich des Fan-Spitzensports muss man verzichten können. Ein knackiger Salat, Obst, schon ist die ganze Form hin. Und gegen Dehydrierung hilft nur eines: Bier! Da kommt dann auch das Eisbad ins Spiel. Ein gutes Bier wird dort gelagert. Mein Mann ist kein Freund stylischer Energydrinks, die manchmal jüngere Fansportler zu sich nehmen. Süßes, klebriges, hochprozentiges Zeug. Die Folgen waren viel zu oft im Tiergarten zu entdecken. „Sie müssen noch lernen“, sagte mein Mann oft. Er hat ja schon einige Weltmeisterschaften hinter sich.

Diese vergangenen vier Wochen veränderten ihn natürlich physisch, das kann bei so viel Einsatz nicht ausbleiben. Seine fansportliche Entschlossenheit hat ihm einen neuen Körper geschenkt. Sein Bierbauch ist größer denn je, kugelig und rund. Dank seines knallharten Ernährungsplans. Ich glaube, ich hatte vergessen zu erwähnen, dass er manchmal Chips und Flips zuließ, so als Nutrition-Snack. Gerade das zahlt sich jetzt richtig aus! Seine Beine sind kräftiger geworden vom vielen Stehen. Und brauner. Er hat ja immer seine Funktions-Kleidung auf der Fanmeile getragen: Nationaltrikot, kurze Hose und Sandalen. Da bekommt man Farbe. Ein anderes Organ, das sich total gekräftigt hat in dieser Zeit, ist seine Stimme: Sie ist lauter und rauer denn je. Dank des Dauerjubels. Mein Mann klingt jetzt wie Gianna Nannini.

Wie oft haben wir als Familie ihn gesehen? So ein Spitzensport bedeutet Verzicht für alle. Machen wir uns nichts vor, es gibt zwar Frauenfußball, aber eigentlich ist Fußball immer noch ein Männersport. Er wollte die Kinder und mich selten dabeihaben, sagte, wir würden ihn und seine Kumpels nur in ihrer Konzentration ablenken. Denn auch mental waren sie in diesen Wochen total fit, dank ihres Trainings: Zahlen, Daten, Fakten. In welcher Vorrundengruppe war Deutschland 1966? Was genau stand auf dem Zettel, den Andy Köpke seinem Schützling Lehmann 2006 schrieb? Torschützenkönige aller bisherigen Weltmeisterschaften, am besten mit Toranzahl. Nur die Besten können da mithalten. Ob ich in den vergangenen Wochen überhaupt etwas von meinem Mann hatte, wenigstens in den kurzen Stunden, die er bei uns zu Hause im Bett verbrachte?

Frauen auf der Reservebank

Auch da ist mein Mann ganz traditionell. Er hält nicht viel von modernen Trainingsformen, dass Spielerfrauen ins Camp dürfen. Männer benötigen totale Fokussierung, keine Ablenkung ist erlaubt. Nur so, hat er mir erklärt, schafft man es bis zum Pokal. Es hat sich gelohnt. Wir haben ihn! Auch dank meines Mannes.

Am Dienstag muss er zum Empfang ans Brandenburger Tor, um den Pokal entgegenzunehmen. Er lässt sich dann feiern. Ach, seine elf Freunde sind übrigens auch da. Sie wissen schon: Schweinsteiger, Khedira, Kroos, Klose, Lahm, sein neuer bester Freund Schürrle, Müller natürlich, die Abwehrrecken und, klar, sein dicker Kumpel Manuel Neuer. Sie haben es echt gerissen – mein Mann und die.