WM 2014

Der General verliert den Glanz

Van Gaals Elfmetertrick wird zum Bumerang. Trainer fordert, Spiel um Platz drei abzuschaffen

Über das gesamte Turnier hinweg hatte sich Trainer Louis van Gaal als Taktikfuchs feiern lassen. Doch als es im WM-Halbfinale drauf ankam, griffen seine Maßnahmen nicht. 2:4 im Elfmeterschießen unterlagen die Niederlande Argentinien, zuvor hatten die beiden vermeintlichen Schwergewichte des Weltfußballs über 120 Minuten eine eher trostlose Nullnummer geboten. Als es darum ging, die Schützen fürs Elfmeterschießen ausfindig zu machen, handelte sich van Gaal Absagen ein. Zwei Spieler weigerte sich, den ersten Strafstoß auszuführen. Dann trat Innenverteidiger Ron Vlaar an – und scheiterte. Ebenso wie Wesley Sneijder. „Wenn du keinen Elfmeter nimmst, kannst du keinen verschießen“, beklagte sich Sneijder danach. Über die Fehlschützen verlor van Gaal kein schlechtes Wort. „Ron war der beste Spieler auf dem Platz. Deshalb war ich mir sicher, dass er genug Selbstvertrauen hat für das Elfmeterschießen.“ Vlaar gab indessen zu: „Ich war nervös. Ich hatte den Keeper wohl länger anschauen müssen.“

Torhüter Cillesen verunsichert

Damit nicht genug. Wie ein Bumerang kam eine Maßnahme auf den Bondscoach zurück, für die er sich nach dem Viertelfinale gegen Costa Rica hatte feiern lassen. Der Trainer hatte Stammtorwart Jasper Cillesen in der 120. Minute gegen Ersatzmann Tim Krul ausgewechselt. Weil Cillesen „in seiner ganzen Karriere noch keinen Elfmeter gehalten hat“, sagte van Gaal. Krul parierte zwar zweimal gegen Costa Rica. Aber Cillesen, der vorab nichts gewusst hatte von der Rochade seines Trainers, war darüber „schwer getroffen“.

Gegen Argentinien musste der Trainer drei Mal wechseln. Zunächst hatte sich der Schachzug mit Bruno Martins Indi in der Abwehr als falsch erwiesen. Der 22-Jährige musste überfordert und rotgefährdet zur Pause raus. Die Auswechslung von Lionel Messis Bewacher Nigel de Jong hatte van Gaal einkalkuliert, da vorher klar war, dass de Jong nach einer Leistenverletzung nicht über die volle Distanz gehen konnte. Dann signalisierte in der Verlängerung Kapitän Robin van Persie, ausgewechselt werden zu müssen – Magenverstimmung. Van Gaal brachte den Schalker Klaas-Jan Huntelaar – das Wechselkontingent war erschöpft, Krul musste beim Elfmeterschießen draußen bleiben. „Ich weiß, dass Krul der bessere Elfmetertöter ist“, sagte der Bondscoach: „Hätte ich die Chance gehabt, hätte ich ihn wieder eingewechselt. Aber ich konnte nicht.“ Der verunsicherte Cillesen parierte keinen einzigen Elfmeter.

Auch Luka Robben nahm der Abend sichtlich mit. Die herzzerreißenden Tränen seines Sohnes konnte selbst Papa Arjen nicht stoppen. Nachdem er vergeblich versucht hatte, den bitterlich weinenden Sohn im Arm von Mutter Bernadien zu trösten, schimpfte Robben über das anstehende Duell der Verlierer mit Brasilien. „Der dritte Platz kann mir gestohlen bleiben“, sagte der 30-Jährige: „Allein der Titel zählt, das Spiel dürfen sie von mir aus echt abschaffen.“

Wie schon im Finale vor vier Jahren, als Robben an Spaniens Keeper Iker Casillas gescheitert war, hatte der Bayern-Profi erneut die Entscheidung auf dem Fuß. Mit einem Tackling verhinderte Mascherano, bester Mann bei Argentinien, das Führungstor. „Er war genau pünktlich mit seiner Grätsche“, sagte Robben. Kaum ein Profi hat so viele Höhen und Tiefen in den vergangenen Jahren durchlebt, wie der wieselflinke Stürmer. Doch all’ die Erfahrung ändert nichts an seinen Emotionen: „Es ist Scheiße. Und es tut weh.“ Für das Finale von Deutschland gegen Argentinien wollte er keinen Favoriten benennen: „Ich habe viele Freunde im Team von Deutschland, aber es soll der Bessere gewinnen.“

Van Gaal blieb sich treu. Von Selbstkritik war wenig zu hören. Stattdessen verurteilte der Trainer die anstehende Pflichtaufgabe gegen Brasilien: „Das hat nichts mit meiner Auffassung von Sport zu tun.“ Es sei schlimm, „dass der Verlierer dieses Spiels am Ende mit zwei Niederlagen nacheinander aus einem eigentlich sehr erfolgreich verlaufenen Turnier als Loser gehen wird.“ Den Verlierer-Stempel, den möchte Zocker van Gaal auf keinen Fall tragen.

240 Millionen für van Gaal

Mehmet Scholl, der ARD-Experte, kritisierte den Bondscoach: Van Gaal habe mit seinen taktischen Spielereien zeigen wollen, „dass er nicht nur den Fußball-Keks, sondern den allergrößten Fußball-Keks gegessen hat. Dann kommt eben der Fußball-Gott oder die Argentinier und sagen: Ne, warte mal, bleib mal hier“.

Van Gaal wird die Häme nicht weiter stören. Bei Manchester United gab Interimscoach Ryan Giggs bekannt, dass van Gaal Mitte nächster Woche in Manchester erwartet werde, um den Premier-League-Klub zu einstiger Größe zurückzuführen. Dem Vernehmen nach darf van Gaal neue Spieler kaufen – für mehr als 240 Millionen Euro.