Neuauflage

„Argentinien ist für uns der bessere Gegner“

Felix Magath verlor 1986 im Finale. Bei der Neuauflage glaubt er an einen deutschen Sieg

Derzeit nimmt Felix Magath, 60, etwas Abstand von seinem Job. Während viele seiner Trainerkollegen bei der Weltmeisterschaft in Brasilien vor Ort sind, tankt der Teammanager des in die zweite englische Liga abgestiegenen FC Fulham in Schottland Kraft für die neue Saison. Die Highlands seien wunderschön, sie seien die richtige Gegend, um den Akku wieder aufzuladen, sagt der einstige Mittelfeldspieler, der 1982 und 1986 jeweils WM-Zweiter wurde. 1986 verlor er das Finale gegen Argentinien 2:3. Trotz seines Urlaubs verpasst er natürlich kein Spiel dieser WM.

Berliner Morgenpost:

Herr Magath, beneiden Sie Joachim Löw um sein Team?

Felix Magath:

Nein. Ich hatte ja schon vor der Weltmeisterschaft gesagt, als im Vorfeld viel Unruhe herrschte und Probleme in den Vordergrund geschoben wurden, dass wir eine Mannschaft haben, die Weltmeister werden kann. Der Erfolg nun gibt uns Rückenwind fürs Finale, deswegen bin ich überzeugt, dass wir es auch gewinnen werden. Ich bin mir auch sicher, dass sich Jogi Löw und die Spieler vom Ergebnis gegen Brasilien nicht blenden lassen und es genauso richtig einordnen werden wie jeder andere, der im Fußball große Verantwortung übernommen hat.

Ein 7:1 gab es noch nie im WM-Halbfinale.

Mit dem Ergebnis konnte wahrlich keiner rechnen. Von daher fehlten auch mir anfangs die Worte. Das ist ein historisches und wahrscheinlich einmaliges Ergebnis. Das werden wir in den nächsten Jahrzehnten wohl nicht mehr erleben. Ich hatte das Gefühl, so wie die Einstellung und Haltung der Mannschaft schon vor dem Halbfinale war, dass alles 100-prozentig stimmt. Das konnte man den Spielern ansehen. Ich habe keine Bedenken, dass sie als erste europäische Mannschaft den Titel von Südamerika nach Hause bringen werden.

Der Trainer macht also alles richtig?

Absolut. Er hat alles richtig gedeutet und die Mannschaft perfekt auf die Spiele eingestellt.

Was beeindruckt Sie an der Mannschaft?

Es kann doch nur darum gehen, die Erklärung für die Überlegenheit zu finden. Und die liegt darin, dass Jogi Löw durch die taktischen Veränderungen nach dem Achtelfinale gegen Algerien die Mannschaft stabilisiert und aus ihr eine Einheit gemacht hat. Da steht eben ein überragender und nicht vergleichbarer Manuel Neuer im Tor, davor steht eine stabile Innenverteidigung und davor eine stabile defensive Mittelfeldreihe. Dieses spielbestimmende Zentrum ist die Grundlage der deutschen Erfolge. Ein generelles Urteil zu fällen ist schwer, da die Mannschaft nicht immer gleich spielt. Die große Stärke der Mannschaft ist aber, die Dinge richtig einzuordnen, jeden Gegner richtig einzuordnen.

Ist Deutschland seinem Ruf als Turniermannschaft gerecht geworden?

Die Mannschaft zeigte das, was schon immer als deutsche Tugend galt, indem sie sich in so einem Turnier steigert und nicht an einem Gegner zerbricht, so wie es den Brasilianern passiert ist.

Wen würden Sie von der deutschen Mannschaft gern zum FC Fulham holen?

Die Spieler, die jetzt im Halbfinale standen, werden sicher nicht in die Championship kommen wollen. Die Bundesliga hat natürlich ihren Anteil am Erfolg. Dort werden die Spieler sehr gut über die Saison gefordert und entwickelt. Gerade für solch ein Turnier ist die Bundesliga Gold wert. Schwierige Bedingungen kommen immer denen zugute, die konditionell besser ausgebildet sind. Ich habe ja schon mit Spielern vieler Nationalitäten gearbeitet, aber keiner von denen war konditionell so gut drauf wie ein deutscher Spieler. Deshalb werden wir auch das Finale gewinnen.

Wäre ein Finalsieg nicht ein guter Zeitpunkt für Joachim Löw, als Bundestrainer abzutreten?

Das kommt auf seine Lebensziele an. Jogi Löw ist für mich der ideale Bundestrainer, und er soll es auch bleiben. Ich glaube nicht, dass etwas, was so gut funktioniert, freiwillig aufgegeben werden sollte. Klar, er kann natürlich auf dem Höhepunkt aufhören, mehr, als Weltmeister zu sein, geht nicht.

Wer ist Ihr herausragender Spieler?

Manuel Neuer. Er gibt der Abwehr die entscheidende Stabilität. Er ist sozusagen die Konstante im Team. Das große Verdienst von Löw besteht darin, dass er die Spieler zusammengefügt hat. Dass es untereinander keine Eifersüchteleien gibt, wie man sie oft in Mannschaften hat, sondern alle ihre Rolle akzeptieren. Man hat immer das Gefühl, dass da eine Mannschaft zusammensteht, deren Zusammenhalt unerschütterlich ist. Jeder hat seine Aufgabe und stellt seine Fähigkeiten in den Dienst der Mannschaft. Das hat der Bundestrainer überragend hinbekommen. Das ersetzt viele Einzelleistungen. Neben Neuer ist für mich aber auch noch Thomas Müller überragend. Und Bastian Schweinsteiger, er hat großen Anteil an dieser neuen Stabilität.

Jetzt wartet Argentinien am Sonntag im Finale. Ist es ein Angstgegner?

Deren Halbfinale gegen die Niederlande war von mehr Taktik geprägt als das unsrige, weil kein Tor gefallen ist. Dadurch wollte keiner ein höheres Risiko eingehen. Man hat aber gesehen, dass sich zwei gleichwertige Mannschaften auf hohem Niveau gegenüberstanden. Die Argentinier waren in der Nachspielzeit mehr am Drücker, was dafür spricht, dass sie mehr investiert haben. Oder aber mehr Reserven hatten und deshalb auch das Elfmeterschießen gewannen. Sie sind für uns aber der bessere Gegner.

Warum?

Weil die Holländer kompakter stehen, sie taktisch sehr gut agieren, sodass sich die Mannschaften mehr neutralisiert hätten. Gegen die Argentinier können wir uns besser durchsetzen. Ich erwarte schon, dass wir das Spiel gegen Argentinien kontrollieren.

Trotz eines Lionel Messi?

Selbstverständlich muss man auf die Einzelspieler achten. Es ist ja die besondere Stärke der Argentinier, davon lebt deren Spiel.

Wie hoch wird Deutschland gewinnen?

Wer traut sich denn nach dem Brasilien-Spiel noch zu tippen (lacht)?