Interview

„Im Endspiel ist Deutschland Favorit“

Hertha-Trainer Jos Luhukay über die Mängel seiner Niederländer und deutsche Qualitäten

Trainer Jos Luhukay wurde in Venlo, 500 Meter von der deutschen Grenze entfernt, geboren und ist dort aufgewachsen. Bis heute wohnt seine Familie in seiner Geburtsstadt. Die Bundesliga war Soundtrack seiner Kindheit. Dazu gehörte jeden Sonnabend die „Sportschau“ mit Ernst Huberty. Regelmäßig fuhr er mit seinem Vater die 35 Kilometer ins benachbarte Mönchengladbach, um Bundesligaspiele zu sehen.

Auch, wenn Luhukay mittlerweile seit 20 Jahren als Trainer in Deutschland arbeitet, seit Juli 2012 bei Hertha BSC: Sein Herz schlägt für die niederländische Nationalmannschaft. Luhukay hatte fest damit gerechnet, dass sein Heimatland im zweiten Halbfinale Deutschland ins WM-Enspiel am Sonntag in Rio de Janeiro folgen würde (21 Uhr). Entsprechend enttäuscht äußerte sich Luhukay nach der Halbfinal-Niederlage der Elftal von Bondscoach Luuis van Gaal im Elfmeterschießen gegen Argentinien (2:4 i.E, 0:0). Hertha-Trainer Luhukay über ...

... Niederlande-Argentinien: Eigentlich geht es in einem Halbfinale darum, etwas zu gewinnen, den Einzug ins Endspiel. Aber beide Mannschaften haben sich unglaublich schwer getan, Möglichkeiten herauszuspielen.

... die taktische Ausrichtung: Für Fans im Stadion und die Zuschauer am Fernseher war das harte Kost. Holland und Argentinien waren sehr auf Defensive eingestellt. Beide Trainer hatten ihrer Mannschaft wohl vorgegeben, unbedingt Fehler in der eigenen Hälfte zu vermeiden. Entsprechend hat niemand irgendetwas nach vorne riskiert.

... Hollands Probleme: Die Stärke der Mannschaft von Louis van Gaal ist das Umschaltspiel. Das hat die Mannschaft sehr gut gemacht im ersten Gruppenspiel beim 5:1 gegen Spanien. Aber sowohl im Viertelfinale gegen Costa Rica (4:3 i.E., 0:0 nach 120 Minuten) als auch gegen Argentinien hat sich gezeigt: Holland hatte Probleme, wenn es selbst das Spiel machen muss. Gegen Argentinien hat die Mannschaft so gut wie keinen Weg gefunden, um sich spielerisch durchzusetzen.

... Arjen Robben: Arjen hat eine herausragende WM gespielt. Er war der beste Spieler bei Holland. Seine besondere Qualität ist das Umschaltspiel, wenn er in seine langen Tempodribblings kommt. Aber er ist auch nur ein Mensch. Die Argentinier haben dafür gesorgt, dass er diese Fähigkeit kaum einmal zeigen konnte. Im Halbfinale hat ihm die Unterstützung der Kollegen gefehlt, da ist er kaum ins Spiel gekommen.

... Deutschlands Final-Chancen: Die sind sehr gut. Weil die deutsche Mannschaft etwas kann, was die Holländer nicht gezeigt haben: Sie haben ein sehr gutes Kombinationsvermögen. Das beginnt schon im Aufbau aus der Abwehr, eine gute Passschärfe ist vorhanden, und sie können das Ganze auch noch in einem hohen Tempo durchführen. Das sind gute Voraussetzungen, um eine tief gestaffelte Abwehr in Verlegenheit zu bringen. Und ich erwarte, dass Argentinien im Endspiel betont defensiv auftreten wird. Sie werden versuchen, die offensiven Stärken von Deutschland zu unterbinden.

... Favoritenrolle: Nach dem spektakulären Halbfinal-Erfolg gegen Gastgeber Brasilien, ist Deutschland für mich der Favorit für das WM-Finale. Aber die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw macht auf mich einen gefestigten Eindruck, sie wird trotz des 7:1 nicht abheben.