Finale

’54, ’74, ’90 – 2014?

Deutschland steht vor dem vierten Triumph. Die Geschichte der früheren Siege hat viel mit Geistern zu tun

Per Mertesacker hat das Wort benutzt. Bastian Schweinsteiger hat es benutzt. Und Joachim Löw, der hat es immer und immer wieder benutzt. Dieses eine Wort: Teamgeist. Das Schlüsselwort des Erfolgs. Deutschland steht im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und das Geheimnis, so sagen sie es unisono, sei dieser vielzitierte Geist. „Es herrscht ein unglaublicher Teamspirit“, sagt der Bundestrainer über die Atmosphäre im deutschen Lager.

„An diesem Teamgeist“, wie Innenverteidiger Per Mertesacker erzählte, „hat es in der Vergangenheit ab und an gehapert“. Mertesacker und auch Bastian Schweinsteiger meinen explizit das Verhalten der Ersatzspieler, die bei Toren der eigenen Mannschaft bei der EM 2012 nur verhalten gejubelt hätten. Nun sei alles anders. „Was ich auf der Bank erlebt habe, war sensationell“, sagte Mertesacker schon nach dem Sieg gegen Frankreich: „Wir wollen uns das beibehalten, am besten bis zum Ende. So muss das sein, anders haben wir keine Chance.“

Gegen Brasilien war der neue Geist nun wieder ein Schlüssel zum Sieg. Sollte Deutschland am Sonntag den ersehnten WM-Titel gewinnen, könnte er namentlich als „Geist von Bahia“ in die deutsche Fußball-Geschichte eingehen. Campo Bahia heißt das Quartier, in dem sich der DFB-Tross seit dem 8. Juni auf das große Ziel einschwört. Mit Tischtennis, Boule und Kartenspielen. Mit Strandspaziergängen und kollektivem Planschen im Meer. Und vor allem mit den Fünf-Mann-WG’s. Die Idee von Teammanager Oliver Bierhoff könnte auf dem Weg zum Titel die entscheidende Stellschraube sein, an der Löw gedreht hat.

Angefangen hat die Geschichte mit dem „Geist von Spiez“, der Mutter aller Geister. 1954 war das. Deutschland, noch schwer angeschlagen vom Zweiten Weltkrieg, reiste als krasser Außenseiter zur Weltmeisterschaft in die Schweiz. Talentierte Spieler hatte Trainer Sepp Herberger zwar genug, doch wie diese als Mannschaft funktionierten, zeigte sich spätestens beim 3:8 in der Vorrunde gegen Titelfavorit Ungarn. Doch im Laufe des Turniers wuchsen die Fritz Walters, Helmut Rahns oder Hans Schäfers zu einer Einheit zusammen.

Der Legende nach entstand dieser Zusammenhalt im Hotel Belvedere in Spiez am Thunersee. Hier wohnte die deutsche Mannschaft während der WM. Und schon hier sollen es die Tischtennisrunden und gemeinsame Bootsfahrten gewesen sein, die aus einem Haufen von Individualisten eine Gemeinschaft gemacht haben. Horst Eckel, neben Schäfer der einzig noch lebende Weltmeister von ’54, sagte am vergangenen Sonntag, auf den Tag genau 60 Jahre nach dem 3:2 gegen Ungarn: „Für Herberger war es wichtig, dass nicht die einzelnen Spieler groß rauskommen, sondern dass die Mannschaft die Ziele erreicht.“ Der „Geist von Spiez“ mündete im „Wunder von Bern“, dem ersten WM-Titel Deutschlands.

20 Jahre später sollte es wieder ein Geist sein, von dem noch heute alle reden. Der Trainer hieß nun Helmut Schön und die Spieler Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Wolfgang Overath oder Gerd Müller. Und der Geist, er hieß „Geist von Malente“. In der drögen Sportschule des 10.000-Einwohner-Ortes in Schleswig-Holstein bezogen die Deutschen während der Heim-WM ihr Trainingsquartier. Hier sollte sich das zerstrittene Ensemble nur auf Fußball konzentrieren. Dieser Plan ging zunächst gründlich daneben. Nächtliche Ausflüge zu den Spielerfrauen nach Hamburg gehörten ebenso zu Malente wie die Krisennacht nach dem 0:1 gegen die DDR, als es zwischen Beckenbauer und Schön sehr laut geworden sein soll. Am Ende rauften sich die Deutschen aber für das große Ziel zusammen. Das 2:1 gegen die Niederlande im Finale von München bedeutete Titel Nummer zwei.

1990, nun mit Franz Beckenbauer in der Trainerrolle, sollte in Italien der dritte Streich folgen. Die Grundlagen legte die Mannschaft in ihrem WM-Quartier in Südtirol. Aus dem noblen Castello di Casiglio im lombardischen Erba wurde zwar nie ein spezieller Geist überliefert, doch von der guten Stimmung in der deutschen Mannschaft schwärmen die Beteiligten auch heute noch. „Die ganze Region hat uns Kraft gegeben, um später Weltmeister zu werden“, sagte Teamchef Beckenbauer.

24 Jahre nach dem 1:0 gegen Argentinien in Rom hat die deutsche Nationalmannschaft nun den vierten Titel ganz dicht vor Augen. Der „Geist von Bahia“ nimmt immer konkretere Formen an.