Fußball-WM

Als Ernst Happel die Zigaretten nicht mehr rauchte, sondern fraß

Den Niederländern stand im WM-Finale 1978 gegen Argentinien nur der Pfosten im Weg

Aus aktuellem Anlass wird an vielen Stammtischen in diesen Tagen die immer wieder beliebte Quizfrage diskutiert: Wovon handelt das dünnste Buch der Welt: von a) britischen Kochrezepten, b) italienischen Heldensagen oder c) holländischen Finalsiegen?

Jeder Fußballfan weiß die richtige Antwort, denn kein anderes Land hat drei WM-Endspiele so zuverlässig und teils hinreißend schön verloren wie Holland. Es war immer knapp, aber nie so knapp wie am 25. Juni 1978.

Jedenfalls war der Gegner derselbe wie am Mittwochabend in Sao Paulo, nur war es damals nicht das Halbfinale, sondern das Endspiel, und die Argentinier haben den Holländern das Leben an dem Tag nicht unnötig leicht gemacht. Schon auf dem Weg zum Stadion Monumental verirrte sich der Mannschaftsbus des Oranje-Teams auf bis heute nicht erklärte Art in ein paar finstere Stadtviertel von Buenos Aires. Mit Flaschen und Wurfgegenständen aller Art wurde der Bus der Holländer behelligt, und mit reichlich Verspätung trafen sie im Stadion ein, gebührend empfangen von 72.000 Argentiniern, die unbedingt Weltmeister werden wollten. Bald stand es 1:0 durch Mario Kempes, aber zehn Minuten vor Schluss gelang Dick Nanninga der Ausgleich, die Holländer stürmten, das Stadion kochte, und die Trainer dampften: Cesar Luis Menotti, besser bekannt als „El Flaco“, der Dürre, gönnte sich tiefe Lungenzüge, so wie Ernst Happel nebenan auf der Bank der Holländer. Der Wiener, der kurz danach den HSV zu Glanz und Gloria trainieren sollte, rauchte die Zigaretten nicht mehr, er fraß sie, unterbrochen von Hustenanfällen. Holland stürmte mit Mann und Maus, die 72.000 im Estadio Monumental wurden mucksmäuschenstill, und dann brach die Nachspielzeit an. Letzter Angriff. Ruud Krol trat einen Freistoß, der Ball fiel Rob Rensenbrink vor den Fuß, der schoss aus spitzem Winkel – und Holland war Weltmeister. Nein, doch nicht ganz. Der Ball landete nur am Pfosten. Schlusspfiff. Verlängerung.

Nie zuvor und nie danach war Holland dem Titel näher als in dieser Sekunde. Nicht einmal vor vier Jahren in Johannesburg, als Arjen Robben beim Stand von 0:0 in der 62. Minute mutterseelenallein die Zehenspitze von Spaniens Torwart Iker Casillas traf – oder 1974 in München, wo sich die Holländer den Ball nach dem Anstoß siebzehn Mal zuspielten, ehe Uli Hoeneß genug hatte und Johan Cruyff im Strafraum umhaute. Elfmeter nach 56 Sekunden. 0:1. Danach packten sie die Trickkiste aus. „Die wollten uns verarschen“, erinnert sich der Frankfurter Bernd Hölzenbein. Sie haben dabei völlig das Siegen vergessen, und wir Deutschen haben uns anschließend in den fragwürdigen Scherz verrannt: Warum haben holländische Kinder Schlappohren? Weil ihre Väter sie am Zaun zur deutschen Grenze an den Ohrlappen hochziehen und sagen: „Guck mal, da drüben wohnt der Weltmeister.“

Und dann eben: Buenos Aires, 1978. Vermutlich hätten die Holländer mit König Johan diesmal gewonnen, aber Cruyff verweigerte den Flug zur WM. Später sagte er: „Ich wurde bedroht, ich hatte Angst vor Kidnappern.“ Auch ohne den Chef lief es prima, und trotz der Heimschiedsrichterei eines Italieners namens Gonella stand das Endspiel in der Verlängerung auf Messers Schneide. Bis Kempes wieder zuschlug.

Der Mann, der die Haare offen trug, schoss Argentinien mit vier Toren ins Finale – und machte sich mit dem 2:1 unsterblich. Zum 3:1 bediente er Bertoni, auf einem Rasen, der längst ein Konfetti-Teppich war. „Ar-gen-ti-na!“ skandierten die 72.000 wie entfesselt – und Kempes gab später zu: „Ich darf an Rensenbrinks Pfostenschuss gar nicht denken.“

Ortswechsel. Zeitsprung. Sao Paulo, heute. Wenn der Herrgott ein Rückgrat hat, sagen sich die Holländer, lässt er den Ball diesmal hinter die Linie kullern. Und im vierten Finale wollen sie dann endlich aufräumen mit dem alten Spuk.