Personalien

Der Schlaue und der Unterschätzte

Duell der Trainer: Van Gaal scheint auf der Höhe seines Schaffens zu sein, Sabella wird belächelt

Es war einer dieser internationalen Momente, die eine Weltmeisterschaft so unterhaltsam machen. Ein brasilianischer Reporter befragte den niederländischen Trainer über die argentinische Mannschaft. Und der niederländische Trainer guckte sehr streng, als er sagte: „Ich glaube, da kommen wir nicht zusammen.“

Wer Louis van Gaal mit einer dummen, falschen oder sonst irgendwie unbotmäßigen Bemerkung kommt, wird darüber umgehend in Kenntnis gesetzt. Und die Frage, wie er gegen dieses offensive Argentinien vorgehen wolle, war leider so daneben, dass er kurz anmerken musste, dass Argentinien kein offensives Team ist. Van Gaal hatte natürlich recht. Van Gaal hat gern recht, und bei dieser WM hat er tatsächlich immer recht. Wenn man davon ausgeht, dass manche Mannschaften mit, andere trotz und die dritten wegen ihres Trainers in ein WM-Halbfinale kommen, dann sind die Niederlande der vielleicht klarste Fall: wegen ihres Trainers.

Coaching hat schon lange keine solche Rolle mehr gespielt bei einem großen Turnier. Das liegt womöglich auch an den extremen klimatischen Bedingungen. Keine Mannschaft konnte in Brasilien bisher so zuverlässig ihre Spielidee durchsetzen wie die Spanier in den vergangenen Jahren. Bei vielen stellt sich sogar die Frage, ob sie überhaupt eine haben. Oder ob es nur um Strategien für den Augenblick geht. Jeder der vier Halbfinalisten hatte schon ein Elfmeterschießen oder eine Verlängerung überstehen müssen und keines seiner K.-o.-Spiele mit mehr als einem Tor Unterschied gewonnen. Die Partien werden mehr denn je von Details entschieden.

Sogar ein jahrzehntelanger Ästhet wie van Gaal ist für dieses Turnier zum Pragmatiker geworden. Er steht mit seinem Team auch deshalb im Halbfinale heute gegen Argentinien (22 Uhr, ARD), weil er die Natur dieses Championats besser antizipiert als seine europäischen Kollegen. Derweil ist sein südamerikanischer Konkurrent im Halbfinale, Alejandro Sabella, sowieso schon immer für sein striktes Resultatsdenken bekannt gewesen. Sabella bevorzugt unter den beiden grundsätzlichen Denkrichtungen des argentinischen Fußballs, dem offensiven „Menottismo“ nach César Luis Menotti (Weltmeister 1978) und dem defensiven „Bilardismo“ nach Carlos Bilardo (Weltmeister 1986), klar die letztere. Sein ehemaliger Klub Estudiantes de La Plata, für den er wie Bilardo spielte, gilt als Heimstatt des Catenaccio argentinischer Art.

Sabella gibt bisher die Figur ab, bei der man geneigt sein könnte zu sagen: Halbfinale trotz des Trainers. Nach dem ersten Spiel gegen Bosnien stellte Lionel Messi persönlich die taktischen Fehler in seiner Aufstellung bloß. Beim Match gegen Nigeria wurde er von Stürmer Ezequiel Lavezzi mit Wasser bespritzt. Im Viertelfinale gegen Belgien erheiterte er das globale Dorf erneut, als er Mitte der zweiten Halbzeit beinahe hintenübergekippt wäre, als er in typischer Trainerpose eine vergebene Torchance betrauerte.

Es ist leicht, diesen fahlen und etwas linkisch wirkenden Mann zu unterschätzen, der nach vielen Jahren als Assistent von Daniel Passarella erst 2009, im Alter von 54, bei Estudiantes seinen ersten Job als Cheftrainer übernahm.

Das Duell mit van Gaal ist gewissermaßen eines von Provinzbühne und Weltniveau: Der Niederländer, 62, hat in den 90er-Jahren die Ajax-Schule wiederbelebt, beim FC Barcelona wichtige Puzzlesteine der späteren spanischen Weltmeisterelf entdeckt und zuletzt den FC Bayern in die fußballerische Gegenwart geführt.

Wo der künftige Trainer von Manchester United bei seinen Spielern als Lehrer wie Vaterfigur unumstritten ist und sogar den als individualistisch verschrienen Arjen Robben zum Teamplayer formte, wirkt Sabella wie eine Marionette in der Hand seiner Stars. Aber haben sie das über Helmut Schön nicht auch gesagt? Ist der nicht trotzdem Weltmeister geworden?

Sabella gewann, auf welche Weise auch immer, mit Estudiantes auf Anhieb die Copa Libertadores (Südamerikas Champions League) und hat bei der Nationalelf schon zweierlei geschafft: Lionel Messi spielt endlich auch für sein Land so gut wie in Barcelona (zuletzt sogar besser). Und Argentinien steht erstmals seit 24 Jahren im WM-Halbfinale. Bei der Bearbeitung der Schiedsrichter ist ihm mit van Gaal inzwischen ein veritabler Konkurrent erwachsen. Auch der Niederländer prangert systematisch die vermeintliche Benachteiligung seiner Mannschaft an. Als Trainergenie weiß er: Eine Entscheidung hier oder da gehört zu den Details, die bei so einem engen Turnier den Unterschied machen.

In der Heimat jedenfalls schlägt van Gaal die ungeteilte Liebe entgegen. Für den ehemaligen Bondscoach Dick Advocaat ist er der beste niederländische Fußballtrainer aller Zeiten: „Das habe ich schon vor WM-Beginn gesagt. Louis war bei allen Klubs, bei denen er gearbeitet hat, erfolgreich. Außerdem hat er immer den schwierigsten Weg gewählt. Wenn ein Trainer mit dieser Gruppe etwas anfangen kann, dann ist das sicher Louis.“ Auch der zukünftige niederländische Nationaltrainer Guus Hiddink lobte seinen Vorgänger. „Hervorragend der Torwartwechsel“, meinte er zum Coup im Viertelfinale. Sogar sein ewiger Rivale, das niederländische Fußballidol Johan Cruyff, muss seine Aufwartung machen – immerhin darf er noch eine Spitze verteilen: „Nur mit dem Fußballspielen läuft es nicht so gut. Das ist eine schöne Aufgabe für den neuen Bondscoach“, schrieb Cruyff. Louis van Gaal dürfte das herzlich egal sein.