Interview

„Das ist unsere Fußball-WM“

Marcel Kittel über den Reiz der Tour de France und die störende Doping-Vergangenheit

Die Tour ist der Star. Das sagen sie in Frankreich über ihre Radrundfahrt, wohl wissend, dass manch ein Fahrer aus dem Peloton herausragt. Marcel Kittel, 26-jähriger Profi aus Erfurt, ist der Pedaleur, dessen Chancen aktuell am meisten diskutiert werden, bevor am Sonnabend in Leeds die 101. Auflage der Tour de France beginnt. 2013 gewann der 1,89-Meter-Mann vier Etappen, darunter die erste - was ihn kurzzeitig ins Gelbe Trikot hievte. Dazu die finale, die prestigeträchtigste, auf den Champs-Élysées in Paris. Das hat sich in den Köpfen der Fans und Experten festgesetzt. Deutschlands „Radsportler des Jahres“ zählt nach sieben Saisonsiegen in 2014 wieder zu den favorisierten Sprintern. Zur jungen deutschen Fahrer-Generation, die unter den Doping-Altlasten der Vergangenheit leidet, gehört er obendrein. Abfinden möchte sich Kittel damit nicht.

Berliner Morgenpost:

Herr Kittel, ist die Tour de France noch das großartigste oder nur noch das größte Radrennen der Welt?

Marcel Kittel:

Eine gute Frage – die Sie vielleicht nicht mir stellen sollten. Ich bin Radprofi. Für mich ist die Tour eine Ausnahmesituation. Nehmen Sie allein das Drumherum: Eine Kultur ist um die Tour entstanden, die Franzosen leben dieses Radrennen. Die Engländer werden ihnen zum Start auf der Insel sicher nacheifern. Eine solche Atmosphäre wie bei der Tour findet man wohl nirgendwo anders. Insofern ist es berechtigt zu sagen, dass sie nicht nur das größte, sondern auch das großartigste Rennen der Welt ist.

In welchem Falle sagen Sie am Ende: Das war eine gute Tour de France für mich?

Wenn ich gesund und sturzfrei durchkomme und eine Etappe gewinne.

Als die Tour in Deutschland ihre Boomzeit hatte, Ende der 90er-Jahre mit Jan Ullrich als erstem deutschem Sieger, waren Sie neun Jahre alt. Welche Eindrücke von damals sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

Das sollte ich jetzt vielleicht gar nicht so laut sagen, aber ich bin nie – auch nicht, nachdem ich mit 13 Jahren mit dem Radsport begonnen habe – so verrückt gewesen und habe mich stundenlang vor den Fernseher gesetzt, um Tour de France zu schauen. Starke Eindrücke habe ich insofern früh nicht gesammelt, das kam erst mit der Zeit. Und Idole hatte ich auch deswegen auch nie wirklich. Mein Idol war immer mein Vater, der selbst Radrennen fuhr.

Welche Gefühle kommen Ihnen heute in den Sinn, wenn Sie an die Tour denken? Zweimal sind Sie schon mitgefahren.

Die Tour lässt einen ein Gefühl gewinnen, das man sonst nirgendwo erhält. Sei es durch die Zuschauer am Streckenrand, durch den Geruch von Bratwurst, durch die Landschaft. Es gab voriges Jahr Momente im Rennen, in denen ich Gänsehaut bekam.

2013, zur 100. Auflage, ließen die Organisatoren Alpe d’Huez zweimal an einem Tag fahren. Gibt es dieses Jahr ähnliche Verrücktheiten, denen Sie mit gemischten Gefühlen entgegenblicken?

Zum Glück nicht. Allerdings ist die fünfte Etappe eine Kopfsteinpflasteretappe, da ein Teil der Strecke von Paris–Roubaix gefahren werden wird. Insgesamt erwarte ich wieder eine sehr stressige, sehr schwere Tour de France.

Zahlen sich für Sie als Berufsradfahrer Erfolge bei der Tour auch ökonomisch am meisten aus?

Logisch. Genau wie andere Sportarten ihre Höhepunkte haben, ist die Tour de France im Radrennsport das Größte. Sie ist für uns Radprofis quasi die Fußball-WM. Wer dort erfolgreich ist, erhöht – wie ein Fußballspieler jetzt in Brasilien – seinen Marktwert, der macht sich interessant.

Für das breite deutsche Publikum sind Sie nicht sichtbar: ARD und das ZDF verzichten auch in diesem Jahr wieder auf eine Live-Übertragung der Tour. Ärgert Sie das?

Abgefunden habe ich mich damit nicht. Und es ärgert mich auch. Aber ändern kann ich es im Moment nicht. Ich bleibe optimistisch. Zumal es ja positive Zeichen gibt. Allerdings sind die Schritte, die wir nach vorn machen, kleiner als die, die der Radsport zurückgelegt hat nach dem Ausstieg der Öffentlich-Rechtlichen 2011. Ich denke, wenn wir so weiterarbeiten, wie wir es bisher getan haben, dann machen wir es den Öffentlich-Rechtlichen schwer, weiterhin Nein zu sagen.

Führen Sie persönliche Gespräche mit den Verantwortlichen bei den Sendern?

Solche Gespräche hat es gegeben, ja. Es ist ja nicht so, dass dort kein Interesse besteht. Letzten Endes müssen wir die Entscheidungsträger überzeugen. Ich bin aber eben auch nur Leistungssportler, ich kann mich nur auf Radfahren konzentrieren. Als solcher möchte ich zusammen mit den anderen Fahrern genügend Gründe liefern. Ich denke, das haben wir in der Vergangenheit schon getan.

Letztlich – und das ist die Krux – sind es aber ja eben nicht nur sportliche Erfolge, die die öffentliche Wahrnehmung des Radsports in Deutschland verändern helfen.

Ich denke, wir haben klargemacht, wofür wir als Sportler stehen möchten ...

Sie meinen den öffentlichkeitswirksamen „Sauber-Schwur“ via „Bild“ Anfang 2013, gemeinsam mit Tony Martin und John Degenkolb?

Ja, unter anderem. Wir müssen dieser Sache Zeit geben. Dann wird das schon.

Leiden Sie unter den Vergleichen mit Ihrer Vorgänger-Generation, wo Doping Teil des Systems gewesen ist?

Scheinbar lockt es viele noch immer, unsere Generation mit der früheren zu vergleichen. Sicherlich muss man sich immer mal wieder in Erinnerung rufen, was damals gewesen ist. Aber ich glaube, inzwischen ist so viel Zeit ins Land gegangen, und unser Sport hat sich – auch auf schmerzhafte Art und Weise – versucht zu ändern, dass hoffentlich auch die Medien umzudenken lernen. Bei uns jedenfalls hat dieses Umdenken bereits stattgefunden.

Gibt es Momente, in denen Sie sich wünschen würden, in den 90er-Jahren Radprofi gewesen zu sein? Immerhin hätten Sie einen Hype sondergleichen erlebt.

Ach, diese Frage stellt sich mir nicht. Ich habe ja auch nicht mit dem Radsport begonnen, um eines Tages fünf Stunden lang in der ARD zu sehen zu sein. Im Lichte der Geschichten, die man heute von damals kennt, ist es aber auch leicht zu sagen: Ich hätte damals nicht fahren wollen. Also, ich bin froh, dass ich im Hier und Jetzt Profi bin, im Jahr 2014. Und an der Sache mit den Medien? Daran arbeiten wir noch.