Mein Brasilien

Lust und Spiele

Jörn Meyn über die Sehnsucht nach den Menschen, die man liebt

Diese WM in Brasilien macht einfach Spaß. Man lernt viel über Land, Leute – und vor allem über sich selbst. Ich bin nun in Rio de Janeiro angekommen, wo die deutsche Mannschaft am Freitag gegen Frankreich ran muss. Als ich am Abend in einem Lokal im Stadtteil Centro saß und eines von diesen brasilianischen Bieren mit den völlig unbrasilianischen Namen wie Skol oder Bohemian kostete, schmatzte es hinter mir. Es war eines von diesen Geräuschen, bei denen man sofort weiß, was sie verursacht, aber nicht, ob man das nun so richtig gut oder so richtig ekelig finden soll.

Ich drehte mich um. Am Nebentisch saßen ein Mann und eine Frau mittleren Alters. Der Mann hatte einen schwarzen Vollbart. Die Frau einen Pferdeschwanz. Sie war schön. Beide hatten ihre Gesichter fest an sich gepresst und probierten gegenseitig ihre Zungen. Die Augen hatten sie genießerisch geschlossen, und ihre Hände umschlangen ihre Hüften. Dass um sie herum noch andere Gäste saßen, störte sie nicht. „Die sind bestimmt verheiratet, so wie die rummachen“, scherzte mein Kollege. „Aber nicht mit sich“, sagte ein anderer. Wir lachten ein bisschen, schielten immer mal wieder verstohlen rüber – und tranken Skol.

Aber ehrlich gesagt habe ich mich in diesem Moment ziemlich einsam gefühlt. Denn genau das ist es ja, was bei so einer WM fehlt – trotz des Umstandes, beim größten Sportereignis der Welt hautnah dabei sein zu können. Nicht das Knutschen an sich. Das natürlich ganz besonders. Nein, die Nähe zu den Menschen, die wir lieben. Die Nationalspieler haben es da einfacher. Neulich, nach dem letzten Vorrundenspiel gegen die USA, wurde ihnen erlaubt, ihre Frauen oder Freundinnen bei sich übernachten zu lassen. Quasi als Belohnung für den Einzug ins Achtelfinale. Vielleicht hat sich der Bundestrainer gedacht, dass diese Maßnahme zwangsläufig leistungssteigernde Wirkung zeigen werde. Lust und Spiele, kennt man ja. Für mich gab es natürlich keine Belohnung. So saß ich nun da in Rio de Janeiro, trank Skol und freute mich über das Schmatzen.