Interview

„Löw kann Klinsmanns Werk vollenden“

Arne Friedrich spricht über seine früheren Trainer und die Position von Kapitän Lahm

Der Besuch im deutschen Mannschaftsquartier endete für Arne Friedrich, 35, am Dienstag im Meer. Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger tauchten den früheren Nationalmannschaftskollegen aus Berlin in Klamotten einfach unter. Heute trifft Deutschland auf die USA, Joachim Löw auf seinen Vorgänger Jürgen Klinsmann. Friedrich kennt beide aus nächster Nähe. 2006 erlebte er mit Klinsmann als Bundestrainer und Löw als Assistenten das „Sommermärchen“ im eigenen Land. 2010 wurde er mit Löw als Cheftrainer Dritter in Südafrika. Danach zog es Friedrich in die amerikanischen Profiliga MLS, bei der WM arbeitet er für das chinesische Fernsehen.

Berliner Morgenpost:

Herr Friedrich, willkommen auf der anderen Seite. Wie fühlt man sich so als Journalist?

Arne Friedrich:

Speziell. Vor allem bei den Spielen im Stadion. Eigentlich fühlt es sich für mich noch so an, als wäre ich Teil der Mannschaft. Dabei gucke ich ja nur zu und erzähle später darüber.

Wenn Sie mit den Spielern sprechen, merken Sie da, dass sich bei ihnen etwas verändert hat im Vergleich zur WM 2010?

Das Selbstvertrauen ist noch einmal gestiegen. Einige Spieler haben in der Zwischenzeit die Champions League gewonnen, und die Nationalelf ist noch einmal auf ein neues Leistungsniveau geklettert. Das spürt man. Niemand von den Spielern rennt hier mit einer großen Klappe rum, das nicht. Aber man merkt, dass die Brust breit ist.

Im Gruppenspiel gegen die USA treffen mit Jürgen Klinsmann und Joachim Löw die Bundestrainer aufeinander, unter denen auch Sie spielten. Gibt es einen markanten Unterschied zwischen beiden?

Zu der Zeit, als Klinsmann die Nationalelf übernommen hat, war er der absolute Innovator, hat die Nationalelf komplett revolutioniert. Löw hat dieses System weitergeführt und perfektioniert. Beide sind ganz unterschiedliche Typen. Klinsmann lebt von seiner Inspiration, seiner Motivation und dem großen Bild, wie die Dinge einmal aussehen sollen. Löw ist nach 2006 aus seinem Schatten getreten und hat sich unglaublich weiterentwickelt.

Wie hat sich Löw verändert?

In seinem Auftreten, in seinen Ansprachen und im Umgang mit uns Spielern ist er enorm gereift. Er hat ja eine komplett neue Rolle eingenommen: Vom Co- zum Cheftrainer, das muss man erst einmal schaffen.

Co-Trainer sind eher die Netten, während der Chef eben eine Respektsperson ist.

Genau. Co-Trainer sind meistens die Kumpeltypen, die Chefs eben die Chefs. Löw hat das gut hinbekommen, weil er authentisch geblieben ist. Die Spieler haben mit ihm ja diesen Prozess zusammen durchlaufen. Ein Beispiel: Bei der WM 2006 haben ihn die älteren Spieler geduzt. Es wäre komisch gewesen, wenn er sich von ihnen dann später als Cheftrainer wieder hätte siezen lassen. Aber das war gar nicht nötig. Er war so und so eine Respektsperson für die Spieler.

Was ist Löws größte Stärke als Trainer?

Dass er zuhören kann. Löw nimmt auch mal Ratschläge von den Spielern an, hört sich ihre Meinung an und die Meinungen des Teams hinter dem Team. Am Ende trifft Löw seine Entscheidungen allein und steht rigoros für sie ein. Aber er ist niemand, der von vornherein sagt: Ich habe bei allem recht. Ich weiß alles besser. Solche Trainer gibt es auch. Außerdem versteht es Löw sehr gut, einen Mittelweg zu finden zwischen der langen Leine für die Spieler und dem Zügelanziehen, wenn es nötig ist.

Was war Klinsmanns große Stärke?

Dass er keine Angst davor hatte, harte Entscheidungen zu treffen und alles auf den Kopf zu stellen. Klinsmann lässt sich von niemandem von seinem Weg abbringen. Er hat Oliver Kahn damals die Kapitänsbinde entzogen und ihn zur Nummer zwei gemacht. Das war ein enormes Risiko. Aber er hat es durchgezogen, weil er es für richtig hielt. Diese Courage zeichnet ihn aus.

Durch den Film „Deutschland. Ein Sommermärchen“ blieb der Eindruck haften, Klinsmann sei 2006 nur Motivator gewesen, Löw aber derjenige, der die Trainerarbeit gemacht hat. Klären Sie uns mal auf!

Für uns Spieler war das nicht hundertprozentig ersichtlich. Wir waren ja nicht dabei, als die Taktik entworfen wurde. Sicher, wir hatten schon den Eindruck, dass Löw eher der Tüftler war und Klinsmann derjenige, der es uns vermittelt hat. Aber wie es wirklich war, kann ich nicht sagen.

Sie haben bei Chicago Fire in der Major League Soccer gespielt. Zu dieser Zeit begann Klinsmann als US-Trainer. Was haben die Leute in den USA über ihn gedacht?

Zum Anfang gab es eine riesige Euphorie. Doch dann gab es eine Phase, in der er sehr kritisch gesehen wurde, als er die ersten Spiele verlor. Jetzt aber mit der Qualifikation für die WM und dem starken Auftreten bei der WM ist sein Ansehen enorm weit oben. Selbst wenn die USA nun ausscheiden, hat jeder gesehen, dass er auf dem richtigen Weg ist.

Klinsmann hat gesagt, dass die MLS noch nicht gut genug sei, um Spieler hervorzubringen, die bei einer WM auftrumpfen können. Sehen Sie das ähnlich?

Physisch sind die Amerikaner in der MLS auf Topniveau. Taktisch und technisch hapert es aber noch. Das Problem ist, dass die Ausbildung nicht mit der in Europa zu vergleichen ist. Das wird der Schlüssel sein für die Zukunft. Aber die MLS hat sich weiterentwickelt, es spielen nun viel mehr Stars in der Liga. Die MLS darf man nicht unterschätzen.

Klinsmann sagte auch, er versuche die Spielweise des US-Teams der Mentalität der Amerikaner anzupassen. Was genau meinte er damit?

Amerikaner denken immer positiv, sie wollen die Zügel selbst in die Hand nehmen und sind extrem erfolgsorientiert. Das hat man gegen Portugal sehr gut gesehen: Für das US-Team gab es nur Vollgas. Sie waren selbstbewusst und wollten gewinnen, um jeden Preis. Das entspricht der amerikanischen Mentalität.

Löw und Klinsmann sind gute Freunde. Beide Teams bräuchten nur ein Remis, um weiterzukommen...

Ich weiß schon, was jetzt kommt. Aber glauben Sie mir, einen Nichtangriffspakt wird es nicht geben. Erstens denken Sportler nicht so. Und zweitens sind Löw und Klinsmann überhaupt nicht die Typen dafür. Beide wollen immer gewinnen, es geht auch um den Gruppensieg.

Gibt es so etwas wie eine deutsche Note im US-Fußball? Zum Trainer Jürgen Klinsmann gesellen sich aktuell ja auch noch fünf Spieler, die in Deutschland geboren worden sind: Jones, Johnson, Brooks, Chandler und Green.

Ich würde eher sagen, dass es eine europäische Note gibt. Der Kapitän Clint Dempsey hat lange in England gespielt, der Torwart Tim Howard spielt immer noch dort, dazu die Deutsch-Amerikaner. Der US-Fußball ist europäischer geworden und das heißt letztlich erfahrener und besser.

Das US-Team hat Ghana geschlagen und fast auch Portugal. Kann es auch Deutschland besiegen?

An einem sehr guten Tag schon. Wenn bei ihnen alles optimal läuft und bei uns nicht, dann wird es schwierig. Aber ich bin sicher, dass wir das abrufen werden, was wir können und auch gewinnen.

2006 spielten Sie als gelernter Innenverteidiger rechts in der Viererkette. Jetzt tun das Benedikt Höwedes und Jerome Boateng. Was halten Sie von der Variante mit vier gelernten Innenverteidigern in der Viererkette?

Es ist egal, was wir beide davon halten. Am Ende zählt, ob gewonnen wird, oder nicht. Daran muss sich Löw messen lassen. Gegen Portugal hat es super geklappt. Gegen Ghana nicht mehr so gut. Man kann darüber diskutieren, ob Philipp Lahm besser rechts spielen sollte oder nicht.

Und, sollte er?

Wenn es nach mir ginge, schon. Philipp ist mit Abstand der beste Außenverteidiger der Welt. Im Mittelfeld ist er auch Weltklasse, aber in der Viererkette finde ich ihn wertvoller. Im Mittelfeld haben wir mit Sami Khedria und Bastian Schweinsteiger große Qualität, der wir uns durch Lahms Versetzung ein Stück weit selbst berauben.

Lahm gehört zu der Generation „Sommermärchen“ um Schweinsteiger und Lukas Podolski. Sie hat nun die wohl letzte Chance, einen Weltmeister-Titel zu holen. Wäre es schlimm, wenn diese Generation titellos bliebe?

Das wäre sehr schlimm. Diese Generation hat es jetzt einfach verdient. Wir waren zweimal dicht dran. Jetzt ist die Zeit reif. Mit einem Titel würde Joachim Löw Jürgen Klinsmanns Werk vollenden. Und ich glaube, dass dies auch gelingen kann.