Ausgeschieden!

Italien lernt das Leiden

Die stolze Nation muss sich fühlen wie von einer Coladose getroffen. Eine Polemik

Von Wilhelm Busch stammt der treffliche Rat: „Bist du wütend, zähl bis vier, hilft das nichts, dann explodier.“ Italien ist lieber sofort explodiert. Nach dem, was da in Natal passiert ist, hilft kein Zählen mehr. Unerträglich ist das Gefühl, von diesem Sauhund Luis Suarez aufs Kreuz gelegt worden zu sein.

Was die Italiener da nun durchmachen, kann nur nachvollziehen, der sowas selbst schon erlebt hat. Zum Beispiel Zinedine Zidane.

Damals war es sogar noch schlimmer, denn es war das WM-Finale. In Berlin ist es passiert, 2006. Der Gegner hieß Italien, und die Ungerechtigkeit, die der großen Franzosen widerfuhr, schreit noch heute zum Himmel. Zidane, der nicht nur der beste, sondern auch ungefähr der anständigste Spieler der Welt war, hat nämlich allerhand aushalten müssen, ehe er den Italiener Materazzi mit einem Kopfstoß letztendlich niederstreckte. Erst unter dem Druck von vier Lippenlesern ist der Provokateur später zusammengebrochen und hat wenigstens halbwegs zugegeben, dass er den Franzosen bis aufs Blut gereizt hat, Hurensohn ist keine schlechte Übersetzung.

Jedenfalls waren Zidanes Gefühle nach dem Platzverweis etwa so fürchterlich wie jetzt die von Chiellini, der sich voller Verzweiflung fragt: „Warum hat der Schiedsrichter das nicht gesehen?“

An der Stelle sind es wir Deutschen, die uns in die Italiener problemlos hineindenken können. Auch wir haben unter dem, was man im Fußballer „Pfeife“ nennt, schrecklich gelitten, und zwar gegen Italien. Noch heute steht auf einer Gedenktafel im Aztekenstadion in Mexico: „17 junio 1970. Juego del siglo.“ Das Spiel des Jahrhunderts. Arturo Yamasaki hieß der Kerl, der uns gleich dreimal keinen Elfmeter gab, und Italien gewann 4:3 nach Verlängerung und zog statt uns ins WM-Finale ein. Rotz und Wasser haben wir geheult und wurden später wenigstens ein bisschen getröstet durch den TV-Spot, den Olli Dittrich für eine Elektronikfirma drehte. „Dittsche“ verkörperte darin einen Toni, und der uns Deutsche dafür auslachte, dass wir uns für den Fußball Flachbildschirme kaufen. „Was kaufen Italiener?“, grinste Toni. „Sie kaufen die Schiedsrichter.“ Im Weggehen sagte er: „Kleiner Scherz.“

Also wenn einer weiß, wie beschissen die Italiener sich dieser Tage fühlen, dann wir, und vor allem Günter Netzer. Seine Gladbacher schossen, Sie erraten es wieder, die Italiener vom amtierenden Weltpokalsieger Inter Mailand 1971 mit 7:1 aus den Schuhen – nur ein Ausfall des Flutlichts hätte Inter retten können.

Oder der Wurf einer Cola-Dose, an den Kopf von Roberto Boninsegna. Andere schwören, die Büchse habe nur Robertos Rücken gestreift. Die Dose war auf jeden Fall leer, aber die Wirkung erstaunlich: Wie von der Axt getroffen fiel Boninsegna um. Später wurde das 7:1 am grünen Tisch annulliert – und ausradiert war das größte Spiel des großen Netzer, der seinen Frust in fünf Worte fasste: „Das war schamlos und primitiv.”

So hören sie sich an, diese unerträglichen Gefühle der Wut und des Zorns, die nun auch die Italiener in Worte zu fassen versuchen - ein Land fühlt sich nach dem WM-Unrecht wie vor den Kopf gestoßen und ist völlig fassungslos, dass es im Fußball Schlawiner wie Suarez gibt.