Tennis

Absturzgefahr in London

Sabine Lisicki kehrt nach Wimbledon zurück und hat viel zu verlieren. Vorher kündigt sie noch die Zusammenarbeit mit Martina Hingis auf

Als Boris Becker noch als Boris Becker im Tennis unterwegs war und nicht als Trainer von Novak Djokovic, ist er mal zur Bedeutung Wimbledons in seinem Profileben gefragt worden. Becker zögerte nicht lange mit seiner Antwort, die er gleich auf die ganze Familie und seine Entourage erweiterte: „Bei uns allen gibt es nur drei Jahreszeiten im Tennis: Vor Wimbledon, Wimbledon und nach Wimbledon.“ Deshalb galt: War Wimbledon gut, war eine Becker-Saison gut. War Wimbledon schlecht, traf das Gegenteil zu.

Jahrzehnte nach Beckers Heldentaten gibt es eine deutsche Tennisspielerin, die Beckers Erbe ganz in diesem Sinne angetreten hat. Auch bei Sabine Lisicki wirkt es so, als sei Wimbledon das alles beherrschende Ziel ihres Strebens und Lebens im Tennis – und der Rest des Jahres nettes Beiwerk, irgendwie nur Staffage für das Championat im Londoner Stadtteil SW 19.

Vater Richard übernimmt

Als Lisicki, die stolze Finalistin des Vorjahres, Anfang vergangener Woche zurückkehrte auf die grünen Felder des All England Club, endlich, endlich, da schickte sie ihren Fans ein symbolbeladenes Bild in die Welt hinaus: Die Arme in die Höhe gerissen, posierte sie da vor der Kamera. Es sah, lange vor dem ersten Ballwechsel, bereits aus wie ein Siegerfoto. Und es sollte auch genau das ausdrücken: Es war ein Sieg, wieder auf dem vertrauten, geliebten Rasen Wimbledons zu stehen. „Wimbledon“, sagt Lisicki, „ist der Ort, der schöner ist als alle anderen im Tennis für mich. Ein Ort, der besondere Kräfte weckt.“

Das sagte Lisicki in Wimbledon. Und sie sagte es auch schon, bevor sie überhaupt herüber reiste auf ihre ganz persönliche Glücksinsel – nämlich in Halle, wo sie sich zunächst auf die intensive Rasensaison am Rande der Gerry Weber Open einstimmte. Gemeinsam mit Vater Richard fiel Lisicki, 2013 bei ihrem Siegeszug zur „Bum-Bum-Bine“ erkoren, dort kaum zwischen den Superstars Federer und Nadal auf. Was der nicht ungern ins Rampenlicht drängelnden Hauptdarstellerin zur Abwechslung mal ganz lieb war: „Ich wollte mich in aller Ruhe auf Wimbledon vorbereiten, ohne Trubel, ohne Hektik, ohne irgendwelche Termine.“

Ihre gelegentliche Beraterin Martina Hingis war da schon nicht mehr dabei. Die Schweizerin war bereits für den Doppelwettbewerb in Eastbourne unterwegs, bereitete sich dort auch auf ihren Einsatz in Wimbledon mit der Russin Vera Swonarewa vor. „Martina will noch einmal intensiver auf der Tour Doppel spielen. Wir gehen jetzt wieder getrennte Wege“, sagt die Berlinerin. Ab sofort ist Tennis bei den Lisickis also mal wieder ganz Familienangelegenheit, mit Vater Richard als Coach.

Die Frage ist: Setzt Wimbledon bei der 24-Jährigen wieder die besonderen Kräfte frei, gibt es wieder einen verblüffenden Siegeslauf? Oder kann es keine Magie geben nach all den Enttäuschungen und Rückschlägen, die Lisickis Weg in den vergangenen Wochen und Monaten begleiteten? „Ich spüre keinen Druck, sondern nur die riesige Freude, wieder hier zu spielen. Ich weiß, dass ich hier gutes Tennis spielen werde“, sagt Lisicki vor dem Erstrundenmatch gegen die Israelin Julia Glushko, mit dem sie am Dienstag den Spielbetrieb auf dem Centre-Court eröffnen wird.

Zuversicht ohne Begründung

Es ist ein typischer Lisicki-Satz, der alles und nichts erklärt. Man könnte auch sagen: Bei einem Turnier, bei dem bisher schon nichts unmöglich war für sie, sollte man auch 2014 nichts ausschließen. Eben auch nicht einen neuerlichen Ausnahmezustand. „Sabine“, sagt Vater Lisicki, „spielt hier immer mit einer Sicherheit und Selbstverständlichkeit, die mich selbst wundert.“

So wie sie im vergangenen Jahr Matches auf unerklärliche Weise gewann und nebenbei noch Deutschland aus dem Tennis-Dämmerschlaf riss, etwa mit den Siegen im Achtelfinale gegen Serena Williams und später noch einmal im Halbfinale gegen Agnieszka Radwanska, so muss sie nun die gesamte Wahrnehmung der Spielerin Sabine Lisicki um 180 Grad verändern.

Nicht weniger als eine Rückkehr zu alter Rasen-Macht braucht die Berlinerin, um die offenen und versteckten Vorwürfe an ihre Adresse hinter sich zu lassen – das Geraune um nicht ausreichende Trainingsintensität, die angeblich zu häufige Präsenz auf roten Teppichen, den zu häufigen Wechsel der Coaches. „Ich lese das alles gar nicht mehr. Da reden und schreiben so viele Leute über mich, mit denen ich in meinem Leben noch kein Wort gewechselt habe“, sagt Lisicki, „mein ganzer Fokus ist nur auf Wimbledon gerichtet jetzt. Ich weiß, dass ich alles Mögliche getan habe, um gut präpariert zu sein.“

Wobei das eine relative Einschätzung sein kann. Und sein muss. Denn das Pech hat das Wimbledon-Glückskind ja auch auf den letzten Metern vor dem Turnier 2014 nicht wirklich verlassen. In die French Open ging Lisicki schon mit einer fiebrigen Erkältung, die sogar ihren Start gefährdete. Dann stürzte sie so unglücklich im Duell mit Landsfrau Mona Barthel in den roten Sand und aufs rechte Handgelenk, dass sie die Partie aufgeben und knapp eine Woche pausieren musste.

Ein Turnier spielte sie auch nicht mehr vor Wimbledon, weshalb die ganze Mission schon wie ein Hochseil-Balanceakt erscheint – ohne Netz und doppelten Boden. Mehr als ihre unerschütterliche Zuversicht, dass in Wimbledon schon wieder alles gut wird, wirft Lisicki zunächst nicht in den Titelkampf. Acht Siege und acht Niederlagen weist ihre Arbeitsbilanz für diese Saison bisher aus, das ist alles andere als Champions-League-Level.

Ob Lisicki sich wirklich frei fühlt von aller nervlichen Belastung oder diesen Druck lächelnd verleugnet, weiß man bei ihr nie so genau. Fakt ist: Bei diesem Wimbledon-Auftritt steht viel auf dem Spiel, nicht nur die Verteidigung ihrer paradiesischen Tennis-Bastion, sondern auch der angenehme Platz in den Top 20 der Welt und der komfortable Status auf der Tour. Sollte Lisicki zeitig ausscheiden, droht ein steiler Absturz in der Hackordnung, so tief, dass die Berlinerin bei vielen Turnieren sogar in die Qualifikation müsste.

So weit ist es aber noch nicht. Erst kommt Wimbledon. Das ganz besondere Turnier für Sabine Lisicki. Die Chance auf einen neuen Wunderdreh in dieser wunderlichen Karriere.