Fußball

„Ihr seid die besseren Brasilianer“

In Santo André verzweifeln die Einwohner am Fußball ihres Teams und laufen zu Deutschland über

Mitten im Fischerort Santo André steht auf dem staubigen Dorfplatz die vermutlich kargste Kneipe Brasiliens, und sie ist bereit für das große Spiel. Vor dem Anpfiff werden Tische und Plastikstühle auf die holprige Sandstraße gestellt und der Fernseher auf eine Bierkiste, und dann, sagen alle, wird wieder gejubelt. Nein, nicht am Montag für Brasilien. Sondern am Sonnabend für Deutschland.

„Hier“, sagt Teresa und klopft sich mit der Faust an die Brust, „so pocht mein Herz, wenn Deutschland spielt. Und wollt ihr wissen, wie es klopft, wenn Brasilien spielt?“ Ihre Faust wird lascher – und trifft das Herz nur gedämpft.

Teresa kann Englisch und arbeitet im Medienzentrum des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Es ist ein guter Job, aber nicht nur deshalb mag sie die Deutschen, sondern wegen ihres Fußballs. Den ihrer Brasilianer mag sie weniger. Wie viele ihrer Landsleute hat sie in den vergangenen Tagen den Glauben an den alten Ballzauber so gut wie verloren.

Wie das passiert ist? Wir waren dabei, es war beim Spiel gegen Mexiko. Der Platz vor der Kneipe war voll, und alle schwenkten heimische Fahnen und trugen die gelben Trikots ihrer Mannschaft. Aber bald ließ die Freude nach, und neben uns am Tisch saß ein gut erhaltener Alter, der sich als Felipe zu erkennen gab und sich die Haare raufte. Er trug ein vergilbtes Hemd mit der „10“, das an das von Pelé anno ’58 erinnerte, und als Paulinho, der Mittelfeldmann, bei einem Konter mit dem Ball nicht so recht klarkam, blickte der Alte flehend zum Himmel und rief: „Wo ist Ronaldinho?“

Sehnsucht nach Ballzauber

Aber der Herrgott wirft ihm keinen Hexer herunter, da kann Felipe beten, so viel er will. Fast leid hat er uns getan, denn die Leidenschaft, mit der der Alte dem verlorenen Zauberer nachtrauerte, war nicht geringer als die Begeisterung, mit der einmal ein Reporter, beflügelt von einer magischen Nacht Ronaldinhos, notierte: „Diesen Auftritt miterlebt zu haben, ist so, als wäre man 1968 bei den Studentenrevolten in Paris oder 1969 beim Rockfestival in Woodstock dabei gewesen.“

Der WM-Auftritt der Brasilianer ist bisher historisch nicht ganz so wertvoll, und beim nächsten Stockfehler beginnt Felipe zu fluchen. Der Tisch wackelt, der Stuhl kippt um, und Teresa übersetzt das allgemeine Gezeter: „Viele finden, dass schon im Eröffnungsspiel der beste Brasilianer der Schiedsrichter war.“

Nicht Neymar?

„Ach, Neymar“, lächelt sie. „Im ersten Spiel trug er schwarze Haare, jetzt ist er halb blond. Er behängt sich mit Schmuck. Aber gut, wenigstens ihn haben wir noch.“

Als das Spiel lustfrei vor sich hinzutrudeln beginnt, schnappt sich eine junge, dicke Frau, die auch Pelés „10“ auf dem Rücken trägt, einen Ball und beginnt zu jonglieren. Auch die Kinder springen auf und kicken jetzt lieber selbst, als länger zuzuschauen. Santo André ist ein Ort, in dem keiner seine Suppe mit goldenen Löffeln isst, aber die Kinder haben das, was sie brauchen. Einen Hund und einen Ball. Mit dem üben sie auf der holprigen Dorfstraße, bis er ihnen nicht mehr vom Fuß springt, er klebt ihnen irgendwann am Schuh, er gehorcht ihnen wie ihr Hündchen. Früher wurden dann Pelés aus ihnen, oder Garrinchas, Zicos und Falcaos, die faszinierenden Fußball spielten, und der Rasen war ihre Varietébühne. Heute?

„Was läuft schief?“, fragen wir Felipe.

„Unsere Talente gehen nach Europa“, erklärt er uns, „und zur WM kommen sie dann zurück und spielen den Fußball von euch Europäern.“ Den mag auch Nelmo nicht. In seinem kleinen Restaurant am Ortseingang brät er die besten Cheeseburger von Santo André. In New York hat er das gelernt, wo er lange gelebt hat, und plötzlich sagt er: „Ihr seid Deutsche? Gratulation. Das ist Fußball.“

Das Lachen ist verschwunden

Je schwerer sich die Brasilianer bei ihrer Nullnummer gegen Mexiko tun, desto mehr sieht der alte Felipe aus, als hätte er lieber das deutsche Trikot mit der „10“ auf dem Leib. Und plötzlich erzählt er uns von Socrates, der als großer WM-Kapitän in den Achtzigern herzzerreißende Niederlagen zu verantworten hatte, aber im Namen der brasilianischen Fußballseele den Realisten eisern die Leviten las, indem er sagte: „Fußball ist für mich ein künstlerischer Ausdruck der Freiheit.“

Für Felipe auch, und er hat an Spielwitz in seinem Leben so viel Gutes gesehen, dass er jetzt froh ist, als der Schiedsrichter zur Halbzeit pfeift.

Altstar Ronaldo tritt auf, als TV-Experte. „Er ist fett geworden“, sage ich, und Teresa lacht und findet, dass man ihn in einen Jungbrunnen stecken und abgespeckt herausholen sollte. Mit Wehmut spricht sie von der WM 2002, als Brasilien zuletzt Weltmeister wurde, dank Ronaldo, Rivaldo und Ronaldinho. Immer wieder Ronaldinho. Der brachte mit seinem Fußball früher noch alle zum Lachen, sogar sich.

Er lachte, wann immer er den Wahnsinn mit der Genialität verband. Er lachte, wenn ihm ein zirkusreifes Dribbling oder ein unerklärlicher Trick zwischen Hacke und Sohle gelang. Er lachte sogar, wenn er einen hanebüchenen Unsinn probierte – im Grunde lachte er alle aus, die den Fußball mit einer Verbissenheit betreiben, als müssten sie Steine schleppen. „Ich hätte auch Musiker werden können“, hat er einmal gesagt. Große Oper. „Zauberflöte“. Ist das jetzt der letzte Vorhang?

„Das ist alles traurig“, sagt Felipe. Als Fred ausgewechselt wird, klatscht er mit den anderen demonstrativ. Fred, der Klotz im Sturm, wird oft treffen müssen bei dieser WM, um die Brasilianer halbwegs hinwegzutrösten über seine Art, Fußball zu spielen. Sie fangen auch nicht viel an mit Luiz Gustavo, dem Ärmelhochkrempler vom VfL Wolfsburg. Der läuft und läuft und läuft auch bei dieser WM wie ein Volkswagen und stopft tausend Löcher – aber beim Abpfiff sind alle bedient, stehen auf, wickeln die Fahnen ein und gehen zeternd nach Hause.

Auch Saulo, der bis dahin der Stillste war, schimpft und jammert. Saulo ist der Mann von Teresa, schüttelt den Kopf, verzweifelt an Gott, Fred und der Welt und klopft uns auf die Schultern. „Was sagt er?“, fragen wir Teresa. „Dass ihr Deutschen jetzt die besseren Brasilianer seid.“ Im nächsten Moment kommt die dicke, junge Frau mit der „10“ vorbei. „Alemanha!“, ruft sie uns zu, Am Sonnabend kamen sie alle wieder. Alemanha zuschauen. Dass auch die Deutschen nicht jeden Tag eine Zaubershow bieten, hat sicher für die nächste Enttäuschung gesorgt.