WM 2014

Suarez schießt England an den Abgrund

Nach dem 1:2 droht den „Three Lions“ das erste Vorrunden-Aus bei einer WM seit 56 Jahren

Ausgerechnet Luis Suarez. Englands Fußballer des Jahres. Jener Spieler also, der für den FC Liverpool in der abgelaufenen Premiere-League-Saison mit 31 Treffern Torschützenkönig geworden war. Im zweiten Gruppenspiel der Gruppe D aber hatte der Uruguayer am Donnerstag nur wenig Nächstenliebe für England übrig. Mit einem sehenswerten Kopfballtor (39. Minute) und einen strammen Rechtsschuss (85.) sicherte er Uruguay vor 62.575 Zuschauern in Sao Paulo den 2:1 (1:0)-Erfolg und brachte die Briten damit in höchste Not, der Weltmeister von 1966 steht nun vor dem ersten Vorrunden-Aus bei einer WM seit 56 Jahren. Die Südamerikaner haben weiterhin die Chance auf den Einzug ins Achtelfinale. Das erste WM-Tor seiner Karriere von Stürmerstar Wayne Rooney (75.) war zu wenig für die Engländer.

Nur vier Wochen nach seiner Knie-Operation wurde Suarez für das Team von der Insel zum Schrecken. Der Angreifer, der beim blamablen WM-Start seiner Mannschaft gegen Costa Rica noch gefehlt hatte, deckte bei seinen Treffern einmal mehr die Schwächen in der Defensive der Engländer auf. „Er ist ein Genie“, hatte Englands Kapitän Steven Gerrard schon vor dem Spiel gesagt. „Wir haben unser Ziel erreicht und genießen jetzt den Moment“, sagt ein zu Tränen gerührter Suarez, „der Druck war so groß, und wir sind in der Heimat so stark kritisiert worden. Umso mehr ist jetzt die Erleichterung.“ Englands Trainer Roy Hodgson war am Boden zerstört: „Wir müssen nun auf Italien hoffen, das wollten wir so nicht, aber es hat heute einfach nicht gereicht.“

Bei den „Three Lions“ war Wayne Rooney trotz heftiger Kritik in der Heimat an seinen Auftritten wieder mit von der Partie. In seinem zehnten WM-Spiel wurde der 28-Jährige von Manchester United trotz seines ersten WM-Tores zum großen Pechvogel, als er nach einer halben Stunde aus einem Meter Entfernung die Latte traf. Trotz der schwachen Chancenverwertung lieferte Rooney zusammen mit Danny Welbeck eine überzeugende Partie gegen Uruguay.

Bei mitteleuropäisch anmutenden Temperaturen von etwa 15 Grad entwickelte sich das Alles-oder-Nichts-Duell der Auftaktverlierer zu einer Partie mit hoher Intensität und vielen Zweikämpfen, in der das spielerische Element allerdings zu kurz kam. Die erste Chance in der verbissen geführten Partie verpasste Rooney, der einen Freistoß von der Strafraumgrenze knapp am Kasten von Fernando Muslera vorbeischoss (10.). Auf der Gegenseite versuchte sich Cristian Rodriguez in der 15. Minute vergeblich als Distanzschütze.

Dann schien nach Gerrards dicht vor das Tor geschlagenen Freistoß die englische Führung fällig, doch Rooney brachte das Kunststück fertig, den Ball aus einem Meter Entfernung an die Latte zu köpfen (31.). Wie man es besser macht demonstrierte auf der Gegenseite Suarez, der eine Flanke von Edinson Cavani mit dem Kopf am chancenlosen Joe Hart im englischen Tor vorbeidirigierte. Wie schon bei Italiens Siegtor durch Mario Balotelli im ersten Gruppenspiel wirkte die Innenverteidigung der Engländer in dieser Szene unsortiert und statisch.

Drei Minuten nach dem Wiederbeginn der umkämpften Partie stand erneut das englische Tor im Brennpunkt, als Suarez mit einem direkt verwandelten Eckball beinahe das 2:0 gelungen wäre. Hart konnte den Ball vor Überschreiten der Linie mit den Fäusten abwehren. Vier Minuten später verlor Englands Abwehr Cavani aus den Augen, der frei vor Hart den Ball verzog. In der 54. Minute scheiterte auf der anderen Seite Rooney wiederum am gut reagierenden Muslera. In der letzten Viertelstunde überschlugen sich die Ereignisse. Erst drückte Rooney eine Hereingabe von Glen Johnson zum Ausgleich über die Linie, dann versetzte der sträflich ungedeckte Suarez England den K.o.

Vor dem Spiel waren englische Fans von einer Gruppe vermummter Rowdys angegriffen worden. Die in Schwarz gekleideten Randalierer gingen ohne Vorwarnung mit Knallkörpern und Feuerwerkskörpern gegen die in zwei Kneipen in der Nähe des Fan-Festes sitzenden Briten vor, raubten Fahnen, wurden aber auf der Flucht in einem Nahverkehrsbus von Polizisten gestellt. Nach Angaben der Militärpolizei nahm die WM-Sondereinheit, die das Fahrzeug unweit des Tatortes anhielt, 15 Personen in Gewahrsam und brachte diese noch im selben Bus zur nächsten Wache.