Brasilien

Zu Besuch in der gefährlichsten Stadt dieser WM

In Fortaleza wurden im Vorjahr 2017 Menschen getötet. Morgen tritt hier nun Deutschland an

Es ist wie verhext. Der grün-weiße Zug will einfach nicht losfahren. Schnaubt, ruckelt, schließt die Türen und dann passiert: nichts. Verzweifelt schauen die Männer der Metro de Fortaleza auf ihr nagelneues, schickes Gefährt in der ebenfalls neuen U-Bahn-Station. Natasha Nunes kann so ein kleine Panne nichts anhaben. „Typisch Vorführeffekt“, sagt die schlanke Frau mit der dunklen Lockenmähne, legt ihr schönstes Lächeln auf und zeigt den aus aller Welt eingeflogenen Journalisten den Verlauf der neuen U-Bahn-Strecke in der 2,7-Millionen-Einwohner-Stadt Fortaleza.

Man hat sehr viel Geld in die Hand genommen in der Hauptstadt des Bundesstaates Ceara, um für die sechs WM-Spiele gut gerüstet zu sein. Und doch gibt es riesige Probleme, die sich mit Geld nicht einfach so wegwischen lassen: Im vergangenen Jahr wurden in Fortaleza, wo die deutsche Nationalmannschaft am Sonnabend gegen Ghana antritt (21 Uhr, ARD) und bis zu 5000 deutsche Fans erwartet werden, mehr als 2000 Menschen ermordet. Erst am Mittwoch wurde bei einer Schießerei zwischen Mitgliedern rivalisierender Gangs ein siebenjähriger Junge in der Nähe des offiziellen Fan-Festes in der WM-Stadt angeschossen. Eine verirrte Kugel traf das in einem Park spielende Kind in der Schulter. Keine Seltenheit in einer der gefährlichsten Städte Brasiliens.

Natasha Nunes lässt sich von all den miesen Nachrichten nicht beirren. Für die Vorführung der neuen U-Bahn ist sie extra aus der Bundeshauptstadt Brasilia eingeflogen. Sie ist Planungschefin des 80-Millionen-Euro-Projektes, das eines Tages die Hotels an den Stränden der Stadt mit der Arena Castelao verbinden soll. Zur WM ist die komplette Strecke nicht ganz fertig geworden. „Das letzte Stück fahren die Fans mit dem Bus“, erklärt Nunes, während ein Mitarbeiter nun dringend bittet, die fahrbereite Bahn zu besteigen. Abfahrt. Sanft gleiten die neuen Wagen durch die Tunnel – die fabrikneuen Züge kamen per Schiff aus Italien nach Fortaleza. Sie sind klimatisiert, duften wie ein neues Auto und haben ein schickes blau-grünes Design. Städte wie New York oder Berlin würden wahrscheinlich vor Neid erblassen.

Die neue U-Bahn ist klimatisiert

Fortaleza hat im Vorfeld der WM eine Menge getan: Ganz in der Nähe der 2012 eröffneten Arena – übrigens mit 64.846 Plätzen die viertgrößte des Turniers – wurde ein Veranstaltungszentrum für bis zu 30.000 Besucher hochgezogen. „Es ist das größte und modernste Brasiliens“, sagt Ciro Camara, Medien-Koordinator beim Bundesstaat. Auch das neue Kreuzfahrtterminal war pünktlich zur WM fertig. „Zum Deutschland-Spiel wird dort ein Schiff aus Ghana mit 2500 Fans an Bord festmachen“, weiß Camara.

Fortaleza ist ein durchaus attraktive Kreuzfahrtziel im Norden Brasiliens. Aus europäischer Sicht ist die Stadt vor allem interessant, weil sie zum Beispiel von Lissabon schon in sieben Flugstunden erreichbar ist. Problem: Auch der Flughafen ist nicht rechtzeitig zum Turnier fertig geworden. Berlin lässt grüßen.

Doch Fortaleza hat viel größere Probleme. Darüber spricht natürlich niemand gern vor WM-Touristen. Doch Fakt ist, dass im vergangenen Jahr 2.017 Menschen ermordet wurden. Zum Vergleich: In Berlin gab es im gleichen Zeitraum 106 Tötungsdelikte.

Allein beim diesjährigen Karneval wurden 43 Menschen umgebracht. Fortaleza hat ein Kriminalitätsproblem, das offensichtlich noch größer ist als das von Salvador oder Rio de Janeiro. In einer mexikanischen Studie wird Fortaleza mittlerweile an Position sieben der gefährlichsten Städte der Welt geführt. Drogenhandel und Prostitution gehören auch ganz in der Nähe der WM-Arena zum Alltag. „Es werden genügend Sicherheitsleute hier sein. Und an den Stränden, auf dem Fanfest sowie im Zentrum gibt es keine Probleme. Aber natürlich sollten die Fans auch ein wenig vorsichtig sein und nicht nachts auf eigene Faust fremde Viertel erkunden“, lässt Ciro Camara wissen. Das wie ein riesiger Metallkäfig wirkende Stadion wurde bereits am 16. Dezember 2012 durch Staatspräsidentin Dilma Rousseff eröffnet. Hier fand schon Brasiliens zweites WM-Spiel gegen Mexiko (0:0) statt. „Unser Stadion war als erstes fertig, und wir sind mit dem geplanten Budget von rund 200 Millionen Euro ausgekommen. 130 Millionen Euro stammen davon aus staatlicher Förderung. Der Betrieb und die Instandhaltung wiederum werden privat finanziert“, erläutert Ferrucio Feitosa Petri Staatssekretär für die WM in Ceara.

Stadion für zweitklassige Klubs

Er könne nicht beantworten, warum die anderen Arenen zum Teil so verspätet fertiggestellt wurden. Die Arena Castelao jedenfalls sei bestens erprobt gewesen und hatte auch schon Konzerte von Elton John oder Beyonce überstanden.

Wenn die Partie Deutschland gegen Ghana um 16 Uhr Ortszeit angepfiffen wird, darf man wohl mit mehr als 30 Grad und einem für deutsche Verhältnisse tropischen Hitzekessel rechnen. Frieren muss in Fortaleza niemand. Auch nicht, wenn es regnet. Ins Museum der Arena kommt Leben. Schulkinder toben herein, sie haben eine Stadionführung bei Mirandinha gebucht. Mirandinha, das ist der erste brasilianische Fußballspieler, der in England gespielt hat. Das war 1987.

Wie in Manaus oder Cuiaba gibt es auch in Fortaleza nur unterklassige Mannschaften, die eine Arena wie das Castelao nach der WM unmöglich füllen können. Kein Wunder, dass viele WM-Kritiker auch gegen den Bau des Stadions Sturm gelaufen sind. Es wird nach dem Turnier wohl vor allem eines: leer stehen und Geld verschlingen. Apropos Geld, da gibt es eine gute Nachricht für alle Fans, die nach Fortaleza reisen: Die Zugfahrt zum Stadion ist kostenlos. Und ziemlich sicher.