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Ein Land im Ausnahmezustand

WM spaltet Brasilien: Die Menschen fiebern mit der Selecao, sind aber enttäuscht wegen der hohen Kosten und der Korruption

In den Hügeln von Teresópolis ist die Welt noch in Ordnung. Auf der Anhöhe über dem Trainingsgelände bilden Blumen die brasilianische Flagge und das Wappen des Fußballverbandes. Das Städtchen ist mit gelb-grünen Devotionalien geschmückt, die Grußschilder mit Porträts von Neymar, David Luiz oder einem der anderen Stars verziert, die jetzt den sechsten WM-Titel für Brasilien gewinnen sollen. Am Rande eines Nationalparks, gut eine Stunde von Rio de Janeiro entfernt, hat sich das Team von Luiz Felipe Scolari auf seine historische Mission vorbereitet. Bestaunt und nicht weiter belästigt von ein paar gut situierten Hausbesitzern, deren Grundstücke ebenfalls auf dem Gelände liegen.

Sieben Jahre Vorbereitung

Heute wird Brasiliens Nationalelf auf eine andere Realität ihres großen Landes treffen, ein bisschen jedenfalls. In Sao Paulo steigt das Eröffnungsspiel gegen Kroatien (22.00 Uhr, ZDF). Natürlich werden Kohorten von Polizei- und Militäreinheiten zu Lande, zu Wasser und in der Luft dafür sorgen, dass der Mannschaftsbus sanft durch den infarktösen Verkehr der 20-Millionen-Einwohner-Metropole geleitet wird, in der wegen eines Streiks der Metrobediensteten dieser Tage bis zu 239 Kilometer Stau gemessen wurden.

Und natürlich werden ihnen in der gerade noch rechtzeitig fertiggestellten Arena Itaquerao die zumeist privilegierten Fans zujubeln. Die also, die sich solche Tickets leisten können oder von einem der unzähligen Sponsoren eingeladen wurden. Aber vielleicht wird es dahinter dennoch in dem einen oder anderen Moment durchschimmern: dieses Gefühl zwischen Wut und Resignation, das so erstaunlich viele Brasilianer bewegt, wenn es dieser Tage um die Weltmeisterschaft geht.

Oder sogar: Scham. Adailson schämt sich. Er arbeitet für eine Fluggesellschaft, die zu den Werbepartnern der Selecao gehört. Wie die Kollegen von den Mautstellen – auch die Autobahnbehörde sponsert die Mannschaft – tragen die Mitarbeiter der Fluggesellschaft das Nationaltrikot. Müssen es tragen, Befehl der Chefs. Adailson seufzt, er hat eigentlich nichts gegen Fußball, ganz im Gegenteil. Bei früheren Weltmeisterschaften hat er oft ein brasilianisches Trikot angezogen, mit Freunden beim Grillen.

Aber jetzt und hier will er das nicht. Er will sich den Enthusiasmus nicht vorschreiben lassen, nicht für dieses Turnier. Noch ein Seufzer: „Fünf Wochen, die ganze WM müssen wir das tragen, jeden Tag.“

Sieben Jahre hatte Brasilien Zeit zur Vorbereitung. Brasilien, das Land des Fußballs. Brasilien, der aufsteigende Riese. Die Menschen haben große Hoffnungen gehabt, dann kam der Zorn über die gigantischen Kosten, über Korruption, über gebrochene Versprechen. Und voriges Jahr beim Confed-Cup kamen die Massendemonstrationen. Da gab es wenigstens die Hoffnung, dass anlässlich des Fußballs ein neues Gemeinschaftsgefühl erwachsen würde, eines, das nicht bloß Tore bejubelt, sondern die Politik zu einem Reformprozess zwingt, der endlich die Probleme in Infrastruktur, Gesundheitswesen, Erziehung und Sicherheit angehen würde. Doch seitdem ist wenig passiert. Die Staus sind noch länger, die Bahnstrecken immer noch nicht fertig, die Probleme die alten, die Demonstrationen kleiner, die Konfrontationen gewalttätiger. Was dieser Monat jetzt bringen wird, vermag noch niemand vorherzusagen.

Traum vom patriotischen Taumel

Womöglich ja: einen Weltmeistertitel. In Teresópolis sitzt Luiz Gustavo, der Nationalspieler vom VfL Wolfsburg, vor einem schicken Pult in Silber-Metallic, in das ein Bildschirm eingelassen ist, auf dem sein Name steht. Grüne Buchstaben auf gelbem Grund – die Nationalfarben. Gustavo trägt einen Schnauzbart und Ohrringe, aber auch das ändert nichts daran, dass er für die Brasilianer der größte Nobody unter den Stammspielern ist. Ohne einmal in der ersten Liga aufgelaufen zu sein, wechselte er mit 19 nach Europa, zu 1899 Hoffenheim. Ähnliche Biographien gibt es immer häufiger in der Selecao. Am Stammtisch heißt es oft, auch das habe das Volk von der Mannschaft entfremdet.

Luiz Gustavo sagt, er könnte nicht glücklicher sein. Er gehöre zu der Gruppe, die den Traum von Millionen Brasilianern wahr machen könne, den WM-Sieg auf eigenem Boden. Aber Luiz Gustavo sagt auch, es werde nötig sein, dass die Mannschaft die Leute mitnehme, sie infiziere. Darauf hoffen auch die Organisatoren, die Fifa, die brasilianische Politik. Es ist so etwas wie die letzte Chance. Und es wäre ja nicht das erste Mal, dass alle Kritik vor einem Großereignis im patriotischen Taumel ertrinkt, wenn es erst mal losgeht.

Kann so laufen, kann aber auch nicht, sagt Rony. Er ist Fotograf, lebt in Rios mythischem Stadtteil Copacabana, und was die Haltung dort zum Turnier angeht, sagt er, sei das ganz einfach: „Es ist nicht besonders cool, die WM gut zu finden.“ Tatsächlich hat sich die kritische Distanz zu WM und Fifa zumindest in den Städten längst zu einer Art Lebensgefühl verfestigt. In ganz Rio de Janeiro sah man in den vergangenen Tagen kaum ein Auto mit brasilianischem Fähnchen.

Rony merkt es auch an sich selbst. „Früher habe ich Weltmeisterschaften geliebt, ich konnte es immer gar nicht erwarten.“ Nun fährt er zum Arbeiten nach Buenos Aires. Argentinien. Warten, bis die WM vorbei ist.

Natürlich wird man heute auch Brasilianer sehen, die sich freuen, die trennen zwischen dem Fußball und seinen ungeliebten Begleitumständen. Die bereit sind, sich verführen zu lassen, etwa von Neymar. Geleitet der 22-jährige die Elf zum Titel, dann wird er der große Held sein, als den ihn seine Dutzenden Werbepartner oder die Fernsehsender und Zeitungen des omnipräsenten Globo-Konzerns schon jetzt in der Endlosschleife präsentieren. Versagt er, wird er für Hype ohne Substanz stehen, wie eines dieser überteuerten, danach unbrauchbaren Stadien, für alles was schief läuft in dem Spiel, das viele Brasilianer nicht mehr als das ihre betrachten und dessen wichtigste Messe sie noch nie mit so wenig Begeisterung angegangen sind wie diesmal zu Hause – ob in Europa gespielt wurde, in Asien, oder in Afrika.

Brasilien, Land des Fußballs. Brasilien, Anti-WM-Land. Ein paradoxes Turnier steht bevor, eines mit offenem Ende. Für die Nationalelf und für eine ganze Nation.