Fußball-WM

„Wir wollen gute Gastgeber sein“

Ex-Stürmerstar Ronaldo verteidigt die WM in seinem Heimatland und nennt seine Favoriten

Ronaldo Luis Nazario de Lima geht in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro keinen Schritt, ohne von Fans nach Autogrammen oder gemeinsamen Fotos gefragt zu werden. Geduldig bleibt er dann stehen und erfüllt die Wünsche gewöhnlich mit einem breiten Lächeln. Sie haben ihren sympathischen Wunderstürmer, der im Februar 2011 seine Karriere beendete, nicht vergessen. Zwar oft wegen seines Übergewichtes belächelt, lieben die Brasilianer ihren Ronaldo, den sie liebevoll Fenômeno nennen, das Phänomen.

Es könnte wohl keinen passenderen Namen geben für jemanden, der 15 Tore bei Weltmeisterschaften erzielt hat und damit den Rekord hält. Vor allem aber schätzen die Menschen in seiner Heimat, dass sich der vierfache Vater sozial engagiert und auf dem Boden geblieben ist. Ein entspannter Typ, ein „echter“ Brasilianer, wie sich bei einem Besuch in Berlin zeigte.

Berliner Morgenpost:

Ronaldo, wie viele Länder werden Sie bis zum Start der Weltmeisterschaft in Ihrer Heimat eigentlich besucht haben?

Ronaldo:

Sehr sehr viele. Ich schätze es werden mehr als 50 sein.

Sie kennen Deutschland ja noch gut von der WM 2006. Was mögen Sie an unserem Land?

Rein sportlich sind die Erinnerungen nicht ganz so positiv – wir sind ja damals schon im Viertelfinale ausgeschieden. Mal abgesehen davon hat Deutschland eine reiche Kultur, und es gibt leckeres Essen. Bratwurst zum Beispiel. Die mag ich.

Man liest, Ihre WM-Favoriten seien Spanien und Brasilien.

Brasilien, Spanien, Deutschland, Holland und auch Argentinien. Deutschland hat ein sehr starkes, junges Team. Ich schätze vor allem Müller, Özil und Klose sehr. Ein Finale Brasilien gegen Deutschland, das wäre ein Traum.

Zumindest Oliver Kahn dürfte keine besonders guten Erinnerungen an ein Endspiel gegen Brasilien haben. Im Finale 2002 haben Sie ihn gleich zweimal schlecht aussehen lassen. Wie ist heute das Verhältnis zu ihm?

Ehrlich gesagt habe ich ihn seitdem – glaube ich – gar nicht mehr gesehen. Der Titel in Südkorea war natürlich eine fantastische Sache für uns.

Was passiert eigentlich, wenn Brasilien nicht Weltmeister werden sollte? Das ganze Land erwartet nicht weniger als den sechsten WM-Titel.

Die Erwartungen sind groß. Wahnsinnig groß. Auch von Seiten der Medien, und ich möchte nicht erleben, wenn es tatsächlich schief gehen sollte. Das wäre eine Riesenenttäuschung. Aber ich glaube an unsere junge, hungrige Mannschaft, die immerhin die brasilianischen Fans im Rücken hat. Brasilien wird den Titel holen. Die Weltmeisterschaft ist für unser gesamtes Land von herausragender Bedeutung – das größte Ereignis überhaupt in Brasilien.

Denken Sie, dass Neymar schon bei dieser WM der Superstar werden kann?

Er trägt eine große Last auf seinen Schultern und ist noch sehr jung. Ich traue ihm aber ganz sicher zu, dass er einer der herausragenden Spieler der Copa werden kann.

Viele Experten glauben, dass es während des Turniers zu neuen Protesten wie im vergangenen Juni kommen wird.

In diesem Ausmaß sicherlich nicht. Es kann schon sein, dass einige Leute ihre Sorge zum Ausdruck bringen, aber die Regierung und die Fifa unternehmen alles, damit das Turnier problemlos ablaufen kann. Ich sehe die Weltmeisterschaft außerdem als Investition in unser gesamtes Land. In allen zwölf WM-Spielorten wurde massiv Geld in die Hand genommen. Davon werden alle Brasilianer profitieren, vor allem durch die Realisierung der vielen Infrastrukturprojekte. Die Regierung hat zudem bewusst entschieden, die WM über das gesamte Land zu streuen, damit alle etwas davon haben.

Es gab bei den Bauarbeiten für die WM-Arenen sechs Todesopfer zu beklagen. War der Druck der Fifa aus Ihrer Sicht einfach zu groß?

Das sind besonders tragische Fälle, und ich fühle mit den betroffenen Familien der Verstorbenen. Die Opfer sind für mich und viele meiner Landsleute wahre Helden. Meiner Meinung nach haben wir aber im Vorfeld alles getan, um die Sicherheit auf den Baustellen zu gewährleisten. Es sind Unglücksfälle auf riesigen Baustellen, die leider passieren können.

Viele WM-Touristen befürchten, dass sie in Brasilien finanziell abgezockt werden. Eine Pizza vom Lieferdienst kostet mittlerweile bis zu 20 Euro, ein Bett in Rio während des Turniers 250 Euro. Finden Sie das normal?

Es ist schon normal, dass alles bei einer solchen Veranstaltung etwas teurer wird. Aber es muss alles im vernünftigen Rahmen bleiben. Unser Tourismus-Ministerium hat bereits Maßnahmen ergriffen, um solchen Missbrauch zu vermeiden. Wir wollen schließlich gute Gastgeber sein.

Man hört viel über Kriminalität in Brasilien, vor allem aus Rio de Janeiro, wo sie ja auch leben. Haben Sie gar keine Angst, dass ihre Kinder entführt werden könnten? Es gibt ja solche Fälle.

Nein, überhaupt nicht. Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verbessert, seitdem die Regierung in den Favelas konsequent gegen die Drogenkriminalität durchgegriffen hat. Klar kann mal etwas passieren, aber das kann es jederzeit auch in London oder Berlin.

Ist Ihr 13 Jahre alter Sohn Ronald eigentlich auch so ein guter Fußballspieler wie Sie?

Ja er spielt auch sehr gut und hat Talent. Und er macht leidenschaftlich Ju-Jutsu.

Stimmt es, dass Sie sich auch nach der Weltmeisterschaft in der Sportpolitik engagieren möchten?

Die Rolle als WM-Botschafter für Brasilien macht mir auf jeden Fall riesig Spaß. Ich kann mir wirklich gut vorstellen, auch nach der Copa eine Rolle in der brasilianischen Sportpolitik zu spielen.

Im vergangenen Dezember haben Sie sich mit Paula Morais verlobt und wollen zum vierten Mal heiraten. Vor oder nach dem Turnier?

Das muss Paula entscheiden.